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Der Israelit des neunzehnten Jahrhunderts · 1847-02-28 · Heft 9 (28.2.1847) · page 4

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Journal
Der Israelit des neunzehnten Jahrhunderts
Volume
8 (1847)
Issue
Heft 9 (28.2.1847)
Date
1847-02-28
Page
– (sequence 4)
Language
German
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bayerischen Landgerichtsbezirken zurücklassen sollen. Hoffen wir, daß ihre Nachkommen das Glück in Nordamerika Bürger zu sein, ganz zu würdigen und sich desselben würdig zu zeigen wissen, das chimärische palästinasche Bürgerrecht aber fahren lassen werden, welchem eben eine Reform wird vorher gehen müssen. Wie djese in Deutschland ausgetreten, ist bekannt; der deutsche Geist sucht zugleich die Liefen zu ergründen und die Höhen zu ermessen, was dazwischen liegt, hält er der Untersuchung nicht werth, es ist ihm zu flach; genau genommen zerfällt, wie Deutschland selbst in viele Stämme und Staaten, so der deutsche Geist in viele einzelne Geister, deren jeder es auf seine Weise versucht und treibt; man reformirt anders inHamburg, anders in Berlin, anders in Breslau, anders in Dresden, anders hier, und an allen diesen und andern Orten wieder auf vielfach verschiedene Weise. Dies hat sein sehr Gutes, und wir möchten in so fern nicht mit unfern westlichen Nachbarcn, den Franzosen, tauschen, wo, wie alles andere, auch die jüdische Reform gewissermassen centralifirt ist. In dieser Weise hat sie »sich nun zwar mit ziemlicher Entschiedenheit ausgesprochen, jedoch, wie wir g/aubcn, ohne eigentlichen Ernst. Dort eristirt nach einer neuesten königl. Verordnung neben und über den verschiedenen Departcmcutal - Confistoricn ein Central - Consistorium, das einen Oberrabbiner, xranä - Rabbin, hat, während jene mit Kreisrabbinen versehen sind. Bei Gelegenheit der Installation des Herrn Marchand Ennery, bisherigen Rabbiners zu Paris, als Oberrabbiner, hielt der Präsident des Central- Confistoriums, der bekannte Deputirte, Herr M. Cerfb eer, eine Anrede an denselben im entschieden reformistischen Sinne. Er sagte im wesentlichen: „Unser Glaube hat einen unveränderlichen innern Gehalt, und eine je nach Zeit und Umständen wandelbare Form; jener ist das Dogma, die Sittenlehre, das, was zum Geiste und zum Herzen spricht, diese äußere Gottesverehrung das, was auf die Sinne und die Einbildungskraft wirkt. Alle unsere Dogmen, unsere ganze religiöse Sittenlehre, lassen sich auf folgende drei Glaubensartikel zurückführen: es giebt nur einen Gott; die Menschen sind sämmtlich Kinder desselben Vaters und müssen einander lieben; der Tag wird kommen, welcher die ganze Menschheit in einem Glauben vereinigt sehen wird; diese Einheit ist der eigenthümlichste, höchste Ausdruck des Judenthums." Sie werden eingestehen, daß diese drei Glaubensartikel auf noch breiterer Unterlage als die so sehr angefemdeten der hiesigen Reformfreunde ruhen, vielleicht daß sich drei französische Rabbis in die Widerlegung jener thcilen, wie die drei befreundeten deutschen Rabbis, Herr Aub, Hr. Gutmann und Hr. Stein, s. Z. in die Widerlegung dieser. Was uns aber vermuthen laßt, daß die Worte blos auf den Effekt berechnet und es damit kein Ernst gewesen, ist grade die Wahl des Herrn Ennery zum Oberrabbincr, dessen Erwiderung au jene Anrede nichts ist, als eine Zusammenhäufung bekannter Gemeinplätze, wo z. B. wieder einmal der alte Hillel mit seiner Belehrung, wie auf einem Fuße stehend katechisirt werden könne, herhalten müssen. Hr. Cerfbeer hatte seine Anrede, wie folgt, geschlossen: „Unsre Zeit will, daß Form wie Grundlage des Glaubens mit der Wahrheit im Einklänge sei; indem wir Sie mit deren Wünschen und Hoffnungen bekannt machen, erfüllen wir eine heil. Pflicht; Sie aber werden die Ihre begreifen, Sie werden nicht den Baum unsres Glaubens an Stamm und Wurzel verderben lasten, und einige Schmarotzerzweige zu retten suchen; es geschieht in dieser Ueberzeugung, daß ich Sie mit Ihrer neuen Würde bekleide." Darauf der Herr. Oberrabbiner" : Eine ernste und gründliche Untersuchung der Schriften unsrer Gelehrten (soeteurs) wird mich darüber belehren, was in den äußern Formen unsres Cultus in Berücksichtigung der Zeit, in welcher wir leben, ermäßigt werden kann, und was unberührt und unverändert belassen werden muß." Wir entlehnen dieses aus dem vorjährigen Dezemberhefte der französischen Monatsschrift: la paix, welchem sich eine lithographische Abbildung der Jnstallationsfeierlichkeit bcigegeben findet. Auf dieser erscheint Herr Ennery als Mann in den besten Jahren, ein Bild der guten Zeit, ein würdiger Pastor in angemessener Ausstaffirung. Wir erfahren auch aus dem Berichte über die Feierlichkeit, daß er schon während zwanzig Jahre zu Paris Rabbiner gewesen. Dieser Mann will nun erst anfangen, die Schriften unsrer Gelehrten zu studiren, um das eigentliche Judenthum kennen zu lernen, und den Händen eines fünfzigjährigen A B C-Schützen sollte das Central - Consistorium, wie sich dessen Präsident ausdrückte, „die Zukunft des Judenthums" in der belle Idranoe anvertrauet haben l Gewiß, Hr. Ennery wird aus den Schriften unserer Gelehrten in Zukunft nicht mehr lerals er schon weiß, und das Consistorium hatte den Mann während dessen zwanzigjähriger Amtsführung kennen zu lernen hinlänglich Gelegenheit, um zu wissen, daß von demselben keine nur nennenswerthe Reformen, geschweige eine durchgreifende Reform des Judenthums zu erwarten war. Wirklich wird, in der Anrede zum wenigsten, an Herrn Ennery gerühmt Wohlthätigkeit, Uneigennützigkeit, Verträglichkeit, Frömmigkeit; treffliche Eigenschaften, welche jedoch gleich gut, selbst eher auf einen Stillstand als auf eine fortschreitende Bewegung schließen ließen. Das aber war es, was man wollte; in Frankreich ist alles

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