Der Israelit des neunzehnten Jahrhunderts
- Journal
- Der Israelit des neunzehnten Jahrhunderts
- Volume
- 8 (1847)
- Issue
- Heft 8 (21.2.1847)
- Date
- 1847-02-21
- Page
- – (sequence 7)
- Language
- German
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63 mir längst im Rücken liegen, in der sonnigen Zeit der Jugend t erging ich mich oft in den Hallen eurer Geschichte. Ihr habt eine große Vorzeit; ein Blick nach den Gräbern eurer Väter — ist ein Blick auf die Wiege der Menschheit. Was uns übrig geblieben aus den ersten gewaltigen Erschütterungen der Welt, deutet auch auf den Namen Israel. Als unsere Väter noch Jahrhunderte in der Wildniß ihrer Wälder und der Nacht ihre Götzen umherirrten, waren die eueren schon vor dem Antlitze des alleinigen, ewigen wahren Gottes in den Staub gesunken, ehrtet Ihr ihn schon im Tempel Salomons. Eure heiligen Gebete vom Sinai — wurden sie nicht auch die unseren? würde mich auch, wie nicht, mein Beruf berechtigen, ein Wort mitzusprechen über die Wunder, die Mysterien und die Räthsel geoffenbarter Religionen, ich würde dennoch heute schweigen, denn wenn ich bedenke, welch' namenloses Elend sich den Sagen derselben durch mehr als ein Jahrtausend nachschleppte, so weiß ich oft nicht mehr den Faden zu finden aus einem Labyrinthe von Fragen und Widersprüchen, und darum laßt mich schweigen von dem Kreuze, das eure Väter auf Golgatha aufgerichtet und von den Strömen ihres Blutes, in denen sich Christen - Rache gekühlt. Wahrlich, wem die Menschheit am Herzen liegt, der kann nicht anders als mit vor Schaam gesenktem Auge auf jene zahllosen Blätter der Geschichte der Religionen blicken, die von solchem Blute dampften. Recht oder Unrecht, ihr mußtet schwer büßen lmd büßt heute noch. — Es gab eine Zeit, wo wir Eure Tempel niederriffen, und sehet, nun ist denn doch endlich die Zeit gekommen, in der es auch der Christ für keinen Verrath an seinem Glauben hält, wenn er Euch in Friede und Eintracht an die Stufen eurer Altäre folgt und mit Euch und für Euch Gott um Segen bittet. — Ihr habt Gott ein schönes Haus gebaut. Und wenn auch David in Eure Mitte träte, er würde wohl freudig in die Harfe greifen um dieser Stätte willen. Dies Werk wäre nun vollendet; — die Steine sind gefügt,! die Kuppel ist gewölbt, der Altar schimmert, die Lampen strahlen , die Hymnen ertönen, Euer Auge weidet — Euer Herz labt sich. Aber — ist denn auch wirklich Alles vollbracht? — Ein Christ hat den Muth Euch im vollendeten Tempel zu sagen: Nein, Euer Werk ist noch nicht vollendet! Noch nicht Alles ist vollbracht! Etwas stünde diesem Hause wohl schöner an als aller Prunk und Flimmer aus Menschenhand. Etwas würde diesen Tempel erst ganz zum Hause Gottes erheben. Etwas, das ich zwar da und dort — bei vielen keineswegs, aber überall bei Euch finde. Aus dem Schutte und Moder eurer Vorzeit habt ihr noch t Manches aufbewahrt, in dem Moses kein Kleinod erkennen würde. Werft es hinter Euch! Lasset von Satzungen, die Euch unmöglich machen, unsere Mitbürger im vollsten Sinne — ohne deßhalb eurem alten Glauben untreu zu werden. Wir b oten Euch die Palme des Friedens, vergeßt was wir Leides gethan und beweiset mit Wort und That, daß Ihr nun auch uns angehören wollt. — Strebt nicht blos nach irdischem Gewinne, strebt auch nach dem Gewinne der Herzen! So gewiß das Auge Gottes über uns Allen wacht, so gewiß spreche ich diese Worte ohne Dünkel — ohne Vorurtheilohne Ueberschätzung des Werlhes meiner Glaubensgenossen. Dem Mein und Dein ist noch eine zu große Macht eingeräumt. Ich habe viele Jahre in nächster Nähe Eures Volkes gelebt, und scheue mich nicht zu bekennen, daß ich unter eines Manchen Dache'mir selbst bekannte: Wahrlich dieser Jude ist gerechter denn Du! — Wer anerkennt nicht Eure häuslichen Tugenden? Ihr seid herzliche Väter, Eure Frauen sind zärtliche Mütter, Ihr ehret das Alter bis es in die Grube fährt, Ihr brechet stets völlig das Brov mit den ärmsten Eurer Brüder, Ihr haltet Maaß in allen Dingen, seid nüchternen Sinnes, Euer Geist rastet nie, Ihr habt aus dem Scha.bte der Wissenschaft schon manches Golvkorn zu Tage gefördert, Ihr habt uns aus dem Garten der Künste schon manche Blüthe geboten. Dennoch rufe ich Euch zu: Seid kein Volk im Volke! Betrachtet Euch nicht immer »och als ein auserwähltes' Seid nicht blos Israeliten! Achtet, ehret, liebet Eure Mitbürger, betrachtet uns nicht mehr als Eure Dränger, nicht als Mi'.tel zum Zwecke. Haltet auch mit dem Pfunde Haus, das Gott in jedes Menschen Herz legte, mit dem Pfunde der beseligenden Liebe, der Liebe zum neuen Vaterlande, der Liebe zur ganzen Menschheit! Wir brechen unser Brod mit Euch, warum brecht Ihr es nicht mit uns? Ueber ein Kleines und Ihr werdet, wenn Ihr von den Zinnen Eures Tempels in das schöne Ries schauet, sehen, wie auch der Geist des deutschen Volkes in allen Richtungen weiter und weiter vorwärts strebt, bald werden Euch Feuerrosse an den gewaltigen Flügelschlag der Zeit mahnen. Rasch, rascher vorwärts! Folget! Lasset die alte Zeit hinter Euch, behaltel Nichts, als den alten Gott, denn dieser Gott ist auch der unsere, und es ist keiner außer ihm! Christ oder Jude. — Wir sind Kinder eines Vaters, und in diesem Geiste — in ri.sem Sinne, sage ich Friede diesem Hause — Friede mit Euch.'."