Der Israelit des neunzehnten Jahrhunderts
- Journal
- Der Israelit des neunzehnten Jahrhunderts
- Volume
- 8 (1847)
- Issue
- Heft 8 (21.2.1847)
- Date
- 1847-02-21
- Page
- – (sequence 6)
- Language
- German
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«s uns und Deutschland läge, wir könnten kaum weniger von den deutschen Bestrebungen berührt werden. Das darf Sie jedoch nicht glauben machen, daß die alte Orthodoxie fest auf dem Thron fitze, das wohl auch nicht, aber jeder ist selbst sein Reformator und je nach den Umständen heute in den Speiscgesetzen, morgen in der Sabbathfeier. Die Rabbiner find ganz ruhig, müssen es sein und so wird für Hebung des Gottesdienstes und Förderung der Rcligiofitat soviel als gar nichts gethan. Für den, der es mit seiner Religion recht gut meint ist es ein sehr trauriger Zu« stand, vorausgesetzt, daß er nicht so beschränkten Geistes ist, über die Grenzen der Gegenwart gar nicht hinauszuschauen, wie es deren leider so Viele gibt. Unter diesen obwaltenden Umständen kann es übrigens gar nicht befremden. Erstens sind wir in lauter kleinere Gemeinden zersplittert, deren einzelne Mitglieder unter einer Last von Nahrung-5- und andern Sorgen keuchen. Kaum ist eine Familie die von den bürgerlichen Ausnahmgesetzen sich nicht betroffen fühlt und mit bittrem Schmerze den Conflikt der Zeit mit den Gesetzen des Staates empfindet, besonders ist es die Ansäsfigmachung, die neuerdings wieder viel mehr erschwert ist, welche die jungen Leute nicht zum geistigen Aufschwünge kommen läßt. Was haben wir bei der gepriesenen Bildung und uns so sehr gerühmten und empfohlenen Aufklärung des neunzehnten Jahrhunderts denn gewonnen? Waren unsere geknechteten Väter nicht in Vielem weit besser daran? Empfanden auch sie so schmerzlich die Nadelstiche, mit welchen man uns fortwährend an unsere Erclusion ermahnt? Sie werden sich wohl einbilden, daß ich diese Reflexion nicht gut heiße und das Irrige recht wohl einsche. Aber die Menschen find nun einmal, wie sie sind. Dazu kommt zweitens, daß überhaupt in unserem Kreise kein Terrain zu kirchlicher Bewegung ist, und ausgemacht ist es, daß der Character und Bildungsgrad der übrigen Bevölkerung gewöhnlich zu dem der unter ihnen lebenden Juden in einem sehr innigen Verhältnisse steht. Nun ist in unserem Kreise der Sinn für das Materielle überhaupt der vorherrschende und alle geistigen und geistlichen Angelegenheiten — wo nicht irgend eine fanatische Persönlichkeit stachelt — treten gar tief in den Hindergrund. Drittens ist allgemein die Meinung herrschend, der Fortschritt, namentlich der religiöse, sei nach dem gegenwärtigen Rcgicrungssysteme verpönt und jede Bewegung stoße auf den entschiedensten Widerstand. — Hieraus können Sie schon schließen, welche Sympathie für die Rabbinerversammlung vorhanden sei. Das Verbot der Theilnähme von Seiten der bayrischen Rabbinen war vielleicht das einzige, das die Aufmerksamkeit des jüdischen Publikums darauf lenkte. An ihrer Thätigkeit hegt selten einer Interesse und ihre Beschlüsse werden kaum auch nur besprochen. Wenn ja einige Wenige sind, die mit Schmerz auf diese Zustände blicken, die nicht minder, als irgendwo den religiösen Aufschwung wünschen, den JndifferentiSmus beklagend von ihrer S§ite Alles thun würden und möchten was Belebung und Weckung Hervorrufen könnte; was vermögen diese Wenigen, wo die große Mehrheit noch in einem tiefen lethargischen Schlafe liegt, aus welchem nur ein allgemeiner Umschwung sie zu wecken vermöchte. — Auch unser Schulwesen bietet vielen Stoff zur Klage. In unserem Kreise sind noch immer Lehrer aus jener Periode des ersten Erwachens im Schooße des Judenthums, wo der anbrechenden Morgenrothe bei Vielen mit gänzlicher Verleugnung des Positiven auf eine frivole Weise entgegen gejauchzt wurde. Ihre Zahl ist klein, aber als die Neftor's der Lehrer von großem Einflüsse. Es gibt wohl auch rühmliche Ausnahmen, aber ein großer Theil der jüdichen Lehrer, wenn ich nicht sagen darf der größte, zeigt wenig Interesse für das Judenthum und noch weniger Liebe zu den Juden. Ein freundlicher Blick des Herrn Pfarrers macht sie glücklicher, als die Achtung der Gemeinden, und wenn es ihrem Privatinteresse angemessen ist, schüren sie die Flamme der Zwietracht oder treten den heilsamsten Unternehmnngen entgegen. Jenes eifrige Streben, entspringend aus Begeisterung für die heilige Sache und namentlich für den heiligen Beruf vermissen wir leider bei sehr Vielen. Freilich trägt ihre Stellung und ihre geringe Besoldung noch viel dazu bei, aber woher es auch kommen mag, es ist so; daß es so ist, haben wir zu beklagen. Ich hoffe — um doch nicht so melancholisch zu schließen; ich hoffe es wird besser werden. Worauf ich diese Hoffung stütze, kann ich Ihnen vielleicht demnächst mittheilcn, für jetzt wollen wir noch Stillschweigen beobachten. IBr. Weil; Rede des Herrn Ostertag. (Aus Würtemberg im Februar.) Der König und die Königin haben kürzlich wieder das israelitische Waisenhaus Wilhelmspflege mit reichlichen Geschenken bedacht. — Mehre unserer bekannteren Politiker veröffentlichen seit einiger Zeit ihre Ansichten darüber, wie die Gelder, welche jetzt unser Staat bedarf am thunlichsten herbeizuschaffen seien. Darunter auch Dr. Carl Weil, der mit einem Plan auftrat, welcher viel Beifall fanv. — Nach kürzlich erschienenem Staatshandbuch zählt Würtemberg jetzt 11,974 Israeliten. — Dieser Tage wurde die Rede bei der Synagogen-Einweihung in Pflaumloch, welcher wegen Oberamts-Richter Ostertag in Neresheim von mancher Seite getadelt worden, *) veröffentlicht. Sie lautet u. A.: „In Tagen, die *) S. die Nummer 6 d. Bl.