Der Israelit des neunzehnten Jahrhunderts
- Journal
- Der Israelit des neunzehnten Jahrhunderts
- Volume
- 8 (1847)
- Issue
- Heft 8 (21.2.1847)
- Date
- 1847-02-21
- Page
- – (sequence 8)
- Language
- German
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04 Der Vortrag der hebräischen Gebete. (Vom Neckar, im Januar.) — Die Gegenwart scheint sich so recht zur Aufgabe gestellt zu haben, unfern zerfallenen Gottesdienst zeitgemäß zu restaurkren. Nur ein Gegenstand scheint fast ganz ignorirt zu werden. Es ist dieß der falsche, ungrammaticalische Vortrag der hebräischen Gebete. Während man die Predigt, Choralgesänge, deutsche Lieder und Gebete re. eingeführt, werden die hebräischen Gebete in den meisten Synagogen selbst da, wo der Vortrag im Allgemeinen als würdevoll gelten soll, nach einer verdorbenen, plumpen Aussprache, die sich nach und nach eingeschlichen, recitirt.— Es läßt sich wohl kein vernünftiger Grund zur weiteren Beibehaltung dieser Leseart Vorbringen. Dagegen sprechen mehrere für Abschaffnng derselben und für den Vortrag nach rein grammaticalischer Weise. Vernehmen wir davon nur etliche: 1) Ist die gewöhnliche Lcseart nach Ansicht der besten Gramatiker grundfalsch, und sollte di-selbe schon dieses einfachern Grundes halber, abgesehen von allen Nebenbeziehungen, verbannt, und mit der richtigen ersetzt werden. 2) Das angegriffene Verfahren veranlaßt viele Jnconsequenzen. Ein großer Theil unserer Jugend genießt in den Schulen ein Theil auch auf Gymnasien und Universitäten rein hebräischen Sprachunterricht. Da heißts schon zur Zeit des ersten Leseunterrichts: nach diesen und diesen Regeln muß gelesen werden, verstößt sie sich gegen dieselben, sagt man zu ihr: das ist falsch. Und daran wird für die Folge beim Unterricht fortan gehalten. Warum soll nun unsere Jugend dies richtige Lesen erlernen? Nur um zu wissen, daß man also zu lesen habe, wenn es richtig fein solle? Dumit ihnen für dieWlge das falsche Lesen eher in die Augen springe? — Muß es diesen Leuten nicht als höchst auffallend erscheinen, wenn sie hören und sehen, wie die hebräische Sprache im Lesen mißhandelt wird; ja, wie selbst ihre Lehrer dieselben Fehler fortwährend öffentlich lesen und dulden, welche sie beim Sprachunterricht schon den Anfängern tadeln? — Und wie widerlich muß es einem Christen klingen, der das Hebräische versteht, wenn er in einer Synagoge diese Verunstaltung vernimmt? Kopffchüttelnd denkt er: Das ist mir ein sonderbar Hebräisch; entweder seid ihr, oder bin ich im Jrrthum. Welche Schaam für den Israeliten, wenn er bei einer diesfallsigen Erörterung zugeben muß, daß der Fremdling richtiger handle, als der Einheimische? Jsts für ihn keine Demüthigung, wenn der Christ in allen vorkommenden Fällen besser liest, als er? — Wo läßt man sich sonst noch so weit zum Volke herab, daß man völlig seine Fehler annimmt, selbst begeht und hegt, um es nur nicht mit ihm zu verderben? Wird also eine Nation gehoben? Sollte denn das die schwerste Reform sein, daß man sich so ungern zu ihr entschließt? Der Prediger spricht in reinem Deutsch zu seinem Publikum, nicht aber in einem schwäbischen, schweizerischen, Frankfurter, Berliner re. Dialekt, warum aber in einem verdorbenen Hebräisch? Sollte er sich selbst nicht einmal der Fehler der Jugend entheben, sich des angewöhnten Vorurtheils nicht entschlagcn können? — Ist doch die Sprache eines Volks schon nach ihrer äußern Darstellung ein gewisser Abdruck seines Bildungsstandes; ist uns doch die hebräische Sprache ein kostbar, ehrwürdig Erbe; und wir sollten dennoch darauf bestehen, die verdorbene Leseart der ächten vorzuziehen? 3) Klingt ein hebräisch Gebet, richtig gelesen, weit würdevoller und feierlicher, als nach getadelter Art. Man lese nur z. B. Aidauu aulom aischer mol och beitärem kol jeizirr niffroh, oder nach irgend einem der Dialekte, der immer nur den Juden einer gewissen Gegend verständlich und geläufig ist; dagegen nach der Weise, die nur die 'einzige richtige ist, und welche in der Folge Jeder verstünde: Addon olam asber malach betärem koll jezirr iiYffrah. Klingt das nicht angenehmer und harmonischer? — Bei größer« Piecen und beim Gesang ist der Unterschied noch erheblicher. Endlich — 4) versteht jetzt beinah jeder Vorbeter so viel von den Regeln der hebräischen Sprache, daß er im Stande ist, richtig zu lesen und vorzurragen; mit vielen Gemeinden läßt sich jetzt ein vernünftig Wort reden; ein großer Theil unserer jüngeren Generation ist auf gewünschte Leseart vorbereitet und die folgende wird es auch. Darum ihr israel. Oberbehörden, ihr Rabbinen, Lehrer, Israeliten, muthig ans Werk! Wie ihr abgelegt, oder stets mehr ablegt die jüdischen Mundarten in eurer Umgangssprache, haltet gleichen Schritt mit der hebräischen! Gehet ab von eurem falschen, übelklingenden Dialekt; verbannt ihn aus den Synagogen; lasset an dessen Stelle beim öffentlichen Gottesdienste, wie bei allen sonstigen gottesdienstlichen Culten die richtige Leseart treten! Lehret überall eurer Jugend gramatikalisch lesen; suchet eure Gemeinden von der Nothwendigkeit und Zweckmäßigkeit dieser Aenderung zu überzeugen! So wird euer Gottesdienst wieder um Namhaftes verbessert, Harmonie in eure Synagogenreform gebracht, und ihr werdet nebenbei, ohne Etwas zu vergeben, ohne „Liebäugeln" in den Augen der Nichtisraeliten an Achtung zunehmen. Verlag der I. C. Hermann'schen Buchhandlung in Frankfurt a. M. — Druck von Fried. Krähe in Offenbach.