Mannheim
Compact Memory

Der Israelit des neunzehnten Jahrhunderts · 1847-02-14 · Heft 7 (14.2.1847) · page 4

Scan of the page
Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Der Israelit des neunzehnten Jahrhunderts
Volume
8 (1847)
Issue
Heft 7 (14.2.1847)
Date
1847-02-14
Page
– (sequence 4)
Language
German
Belongs to
journal issue
OCR quality
92% known words query
IRI
…/2566751-2567098-2567106--2538-2569967
Visual Library
page viewer of the UB Frankfurt

No entity mentions on this page.

OCR text

Geschichte des Tages. Rückblick auf das Jahr 1846. Die Falksohn'sche Heirath. (Berlin, im Jan.) Geehrter Hr. Red! Ihre freundliche Aufforderung Ihnen wieder einmal über die hiesigen jüdischen Vorgängeund Zustände ausführlich zu berichten, hat mich in keine geringe Verlegenheit gesetzt. Denn, offen gestanden, mit dem Jahr 1847, in das wir ohnlängst eingctreten, steht es noch sehr quarant sept, noch weiß Niemand cujus generis dieß neugeborne Kind der Zeit sei, wie „sein Name genannt werden wird in Israel" was von demselben zu hoffen cdcr zu fürchten sei; noch liegt cs da tief verhüllt, geschlossenen Auges ohne bisher selbst einen Laut von sich gegeben zu haben, obgleich doch sonst bei solchen funkelnagelneuen Lichtfreunden das Schreien das erste zu sein pflegt. Wie ist jedoch Alles so wandelbar, so schnell wandelbar! Wie lange ist es her, daß wir mit Recht glauben zu können vermeinten, die Juvenheit wolle die Welt aus ihren verrosteten Angeln heben, wolle an der Flamme ihres neuerwachten inner» Lebens der Menschheit ein Licht anzünden, bei dessen Hellem Schein sie fortan sicher und fest den Weg zur göttlichen Vollkommenheit, zur wahren Freiheit wird wandeln können, wie lange, daß wir durch der Zeiten Wüste des Rufers Stimme zu vernehmen glaubten: ebnet den Weg für den Herrn, denn nahe ist das Himmelreich. *) Aber was geschah? Anstatt mit vereinter Kraft dem hohen Ziele zuzustreben, schickte sich der eine Theil der Judenheit ernstlich an, mit Sturmschritten in den Schooß des Protestantismus zu eilen indem sie uns mit einem wasserreichen Platzregen papierner Proteste überflutheten, wie ihr adoptirter Ahnherr Esau kamen sie als wilde Jäger mit Pfeil und Bogen gegen ihre leiblichen Brüder trutziglich daher gezogen; manche von diesen unterließen auch nicht, von Pietät getrieben, nach dem geheiligten Vorbild ihrer mittelalterlichen Väter wenigstens eo uriuiature als Bilderstürmer aufzutreten, wenn auch nur lithographirter Rabbiner und unschuldiger jüdischer Zeitungsredactoren; es entspann sich darauf ein, wenn auch nicht 30jähriger Religionskricg, der viel Federnstahl und viel Dintenblut kostetet und zum Theil noch kostet, gegen dessen großen Nachtheil für Wissenschaft und Leben es kein anderes remedium gibt als eine kleine Portion gesunden Menschenverstandes, der sich auf sein eigenes Interesse versteht, gemischt mit einer geringen Dosis Humanität. — Ein anderer Theil der Judenheit durch ei¬ *) Der erste Anlauf war mit Jubel begrüßt worden, die ersten Schritte hatten den glücklichsten Erfolg und jeder harrte voll freudiger Erwartung der Dinge, die da noch kommen werden. nen gewaltigen Feuerlärm aus seinem langen und tiefen Schlafe plötzlich cmporschreckt, hatte sich kaum die Augen gerieben um hinaus zu treten und sich nach der Gefahr, die ihm droht, umzuschauen, als er von der ungewohnten Zugluft ergriffen einen heftigen Krampfanfall bekam und zurücksinkend in seine frühere „Steinerstarrung" liegt er da, eine athmende Leiche, die vielleicht, wir wenigstens wagen es zu hoffen, am jüngsten Tage zu neuem verjüngtem Leben erwacht. Ein dritter Theil endlich schien in Folge der großen Nervenabspannung, die er sich durch die Anstrengung des allzuviclen Grübelns und Perorirens zugezogen hatte, mondsüchtig geworden zu sein. Bei hellerlichtem Tage und offnen Augen sah er Gespenster, wo kein vernünftiger Mensch mit gesundem Gesicht das Geringste bemerken konnte, sah er hierarchische Geister ihren Umgang halten, schreckte er zusammen vor dem wesenlosen Schatten jesuitischer Tendenzen. Aengstlich griff er zu seinem Schwerdt, hieb gewaltiglich um sich und traf — du unsterblicher Don Qirote! — blauen Dunst. Einen Augenblick wurde dieses chaotische Gewirre von den Protokollen der Rabbinerversammlung erleuchtet, wie ein Blitz kühlten sie auf kurze Zeit die Luft ab, aber bald zogen sich die alten dicken Nebel wieder zusammen und darauf ward Alles still und stumm und ruhig. Der neue Jahreswechsel, hofften wir, werde uns neues Licht und Leben bringen, werde unsre trägen Pulse in raschere Bewegung setzen, werde mit seiner ernsten Mahnungsstimme uns Allen zu Herzen dringen und uns mächtig spornen, den flüchtigen Fuß der Zeit durch Thaten groß und zeugungskräftig in seinem raschen Lauf zu hemmen und zu fesseln. Doch, wie gesagt, noch ist Alles stumm und still und ruhig. Wahrlich gar schlimm stände es mit unfern Aussichten für die Zukunft, mit unfern Hoffnungen und Wünschen für eine gedeihliche und fruchtbringende Entwicklung der Judenheit; wenn uns nicht der Trost bliebe, daß es neben der Grabesruhe auch eine Sabbath« ruhe gebe. Wie es nämlich dem einzelnen. Mensch von Zeit zu Zeit Bedürfniß ist, sich von den Arbeiten, Anstrengungen und Mühen des alltäglichen Lehens in stille Einsamkeit zurückznziehen, um thcils die geschwächte abgenutzte Kraft durch gegönnte Ruhe wieder zu stärken und zu heben, theils um auf den durchlaufenen Weg mit geistigem Auge zurückzuschauen, sein bisher innegehaltenes Thun und Lassen auf des Gedankens Goldwage wohl zu prüfen und zu erwägen, um endlich nach gewonnener leiblicher wie geistiger Erholung mit frischerem Muth und klarerem Bewußtsein zu seinem Berufe, zur Aufgabe seines Daseins zurückzukehren, also scheint es auch größeren Gesammtheiten zu ergehen, denn solche Periode nicht der Erschlaffung, sondern der Erkräftigung, nicht gänzlicher Abspannung, sondern '.geistiger Sammlung

Text as recognised by OCR (ABBYY FineReader), without corrections. Entity mentions: TagMe (2021); their positions were matched to this text again.