Der Israelit des neunzehnten Jahrhunderts
- Journal
- Der Israelit des neunzehnten Jahrhunderts
- Volume
- 8 (1847)
- Issue
- Heft 6 (7.2.1847)
- Date
- 1847-02-07
- Page
- – (sequence 5)
- Language
- German
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45 unter verschiedenen Völkern, muß auch die Kunst den nationalen Charakter annehmen. In Würtemberg, wo die Emancipation fast faktisch durchgeführt ist, wo der gottesdienstliche Cultus Veraltetes ausgestoßcn und heilbringende Neuerungen in sich ausgenommen, ist auch ein besserer Sinn im Volke erwacht, der sich in der Art seiner Gottesverehrung ausspricht. Pflaumloch, eine intelligente Gemeinde, deren Schule durch das würdige Streben ihres Lehrers von der Obcrschulbehörde zur Musterschule erhoben worden ist, deren Gottesdienst streng nach der neuen Synagogenordnung ausgeführt, wahrhaft erhebend ist, fühlte das Bedürfniß nach einem würdigen Goiteshause. Die Familie Pflaum stiftete zu dem Zwecke ein Kapital von 1000 fl. und der Kirchenvorsteher Elias Pflaum war bemüht den Neubau einer Synagoge zu bewerkstelligen. Nur dessen unausgesetzten Bemühungen konnte es, trotz gemeiner Gegenbestrebungcn, gelingen, der Oberkirchenbehcrde den Plan zum Neubau vorzulegen, die ihn auch gestattete. Die Synagoge wurde mit einem Kostenaufwande von circa 25,000 fl. erbaut. Sie ist im byzantinischen Styl aufgeführt, ein architektonisches Meisterwerk; Uhr und Glocken zieren sie. Das Innere, mit einem schönen Chor, dessen bemalten Fenster einen mystischen Schein auf die heilige Lade fallen lassen, die Männerhalle und die Frauen-Gallericn, die prachtvollen Kronleuchter u. s. w., ist imposant. Kein Almemor stört die Symmeine und schön angebrachte Sübsellien ersetzen die geschmacklosen beweglichen Ständer; Kanzel und Betpult für den Vorsänger stehen vor der heiligen Lade. Für den Chor find besondere Räume geschaffen, in denen die männliche und weibliche Jugend beim Gesänge mitwirkt. Für eine aufzustellende_Orgel ist schon Raum gelassen und es wird wohl nicht lange anstehen, bis sie wirklich eingeführt wird. Die Feierlichkeit der Einweihung begann am Freitag den 16. Dec., Mittags 1 Uhr. In der alten Synagoge wurde ein deutscher Choral gesungen, darauf hielt Lehrer Löwenstein eine meisterhafte religiöse Betrachtung und dann ordnete sich der Festzug, die Thorarollen unter einem Baldachin voran, die Beamten, der Chor, die Gemeinde und die vielen Gäste nach, zur neuen Synagoge. In derselben angelangt, wurde eine Festhymne, komponirt von dem jungen Pflaum aus München, mit Musikbegleitung abgesungen. Herr Oberamtmann Preu, ein Mann, der unermüdlich für die bürgerliche und religiöse Hebung der Jsraeten wirkt, übergab den Tempel im Namen des Königs der Gemeinde. Er sprach über den Zweck der Synagoge Worte der tiefen Beherzigung werth. Nach ihm bestieg Rabbiner Adler — Brnder des Londoner Rabbinen — die Kanzel und entwickelte in einem nur etwas zu gelehrten Vortrage die Bedeutung des Gotteshauses; die Predigt war sehr gut gegliedert, logisch gedacht und geordnet; nur fehlte ihr der oratorische Schmuck. Einen minder guten Eindruck brachte der Vortrag des Oberamtsrichters Ostertag hervor, der zwar sehr schön gehalten war, aber, wer zwischen den Zeilen zu lesen verstand, erkannte das aristokratische Vorurtheil gegen Juden. — Der Gottesdienst selbst war sehr erhebend, die Gesänge meisterhaft ausgeführt, dirigirt und eingeübt von Marcus Pflaum, der zwar nur Dilettant, aber durch unausgesetzte Bemühungen einen gut geübten Chor für den Synagogengesang gebildet hat. Alexander Elsässer hatte einige Gedichte als Festschrift erscheinen lassen, die vielleicht durch Zeitschriften veröffentlicht werden dürften. Die Gemeinde war bemüht dem Feste die rechte Weihe zu geben und scheute kein Opfer. Von München, Augsburg u. a. Q. wurden Gegenstände zur Ausschmückung der Synagoge gestiftet, besonders zeichneten sich die Familien Pflaum und Friedmann aus. Daß der unwissende Egoismus bei solcher Gelegenheit sich auch spreizte, konnte natürlich nicht ausbleiben. Zum besondern Vergnügen gereichte es manchem, der am Sonntag früh vom Feste heimkehrte, daß der Ge« meindepflegcr und Frohnmeister, Marcus Ellinger—ein Jsraelite — an der Spitze vieler Bürger, bemüht war, die Straße durch die Schneemassen zu bahnen; es war ein Beweis, daß Einigkeit unter den verschiedenen Confessionen zu Pflaumloch herrscht; da man einen Israeliten in freier Wahl in die Gemeinde - Verwaltung gesetzt hat. Kirchliche und Schulverhältnisse in Nassau. Vom Rhein.) — In der festen Ueberzeugung, daß Sie, geehrter Herr Redacteur als unpartheiischer Mann folgenden Zeilen die Aufnahme in Ihr geschätztes Blatt nicht verweigern werden; fühlen wir uns sine ira et studio, rein im Interesse der Wahrheit verpflichtet, zur Berichtigung des Artikels über das Hcrzogthum Nassau, in No. 40 Jahrg. 7. d. Bl. Folgendes der Wahrheit getreu über die Zustände es Herzogthums Nassau zu berichten. Die sämmtlichen Religionsschulen stehen unter der Aufsicht der Rabbinen, die jährlich in denselben eine Prüfung abzuhalten und darüber zu berichten haben. Daß die bestehenden Verhältnisse es unmöglich machen, in jeder Gemeinde, die oft kaum aus einem Dutzend Familien besteht, einen tüchtigen Lehrer aufzustellen, daß daher auch gar manche Schulen vieles zu wünschen übrig lassen — diesen Mißstand den Rabbinen zur Last