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Der Israelit des neunzehnten Jahrhunderts · 1847-02-07 · Heft 6 (7.2.1847) · page 4

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Journal
Der Israelit des neunzehnten Jahrhunderts
Volume
8 (1847)
Issue
Heft 6 (7.2.1847)
Date
1847-02-07
Page
– (sequence 4)
Language
German
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44 rechtigkeitssinn gegen Juden. Das Ministerium Schlaier fährt ganz in dem Sinne seines edlen Vorgängers, des zu früh verstorbene» Ministers Schmidlin zu wirken fort. Es hat von allen Gerichts- und Polizcistcllen Berichte über den Erfolg des Judengesetzes vom Jahre 1828 abverlangt, um seinen Gesetzentwurf, der den Ständen demnächst vorgclegt werden wird, darnach cinzurichten. — Die Gnade unsres Königs, der wir Großes zu danken haben, hat mehreren jüdischen Gemeinden zu Schulhausbauten Beiträge aus der Staatskasse bewilligt. Auch das isracl. Waisenhaus, Wilhelmspffcge, wurde von ihm bedacht. Lei Gelegenheit der Vermählung unsres Kronprinzen haben sich sämmtliche Israeliten des Landes freudig an den Festlichkeiten betheiligt und einige angesehene jStuttgarter jüdischer Bürger hatten sich besonderer Auszeichnung von der Kronprinzessin Olga Nicolajewna zu erfreuen. Großfürst Constantin hat dem jüd. Waisenhaus ein nicht unansehnliches Gratial überwiesen. — Der Wa.'scnvcrcin hat in der schweren Zeit der Noth nicht nachgelassen, seinen göttlichen Beruf zu erfüllen. Der Vorsteher desselben, I)r. Dreifuß, hat es sich zur Lebensaufgabe gesetzt, den Waisen und Armen jüdischer Ccnfession ein Asyl zu gründen. Carl Weil hat bei Eröffnung der Wilhelmspflege schön und wahr gesagt: „Rahel weint nicht mehr um ihre Söhne!" Das kirchliche Leben unter den Juden Würtembergs ist unter der Leitung der Obcr-Kirchenbchörde, die eine gemäßigte, nicht sich überstürzende, Reform erzielt, besonnen und darum ächt religiös. Gestehen die Gemeinden und einige Rabbiner die Nothwendigkcit einer Umgestaltung des religiösen Cultus, den Conflikt zwischen Lehre und Leben nicht zu und eifern mit Wortkram dagegen, in der Ausübung haben sie sich der Nothwendigkeit gebeugt. — Deutscher Choralgesang, deutsche Predigt, Kinderlehre, Confirmation und dergl. sind schon stereotyp geworden und in's Fleisch und Blut des Volks übergegangcn. Zwei Rabbiner, Löwengardt und Güldenstem haben an der Rabbinerversammlung Theil genommen, ein dritter, Rabbiner Adler, hat seinen Beitritt zur Theologenversammlung zwar angcsagt, wird aber nicht erscheinen, da er auch von ihr Reformen fürchtet. — Ein Candidat der mosaischen Theologie hat in Tübingen das erste Rabbinats- Eramen erstanden. — In diesem Semester befinden sich „neun" jüdische Studirende in Tübingen. — Ein Würtemberger. vr. S. L. Schwabacher, ist zum Rabbiner in Schwerin a. d. W. gewählt worden; seine Studien als Kanzelredner hat er bei seinem Landsmann, vr. Frankfurter am Hamburger Tempel, gemacht. — Die jüdischen. Schulen Würtembergs, unter Aufficht des Landeskonfistoriums find völlig emancipirt und machen sich als wahre Volksschulen geltend. Die jüd. Volkslehrer haben in Folge der Theuerung Zulage aus der Staatskasse erhalten; die Lehrer an Confcsfionsschulen erhalten ihre Zulage aus der israel. Centralkirchenkassc. — Die Schulamtskandidaten am königlichen Hauptschullehrer-Seminar zu Eßlingen erhalten Stipendien aus der Staatskasse; die Kronprinzesfln Olga hat Gratiale an alle Seminaristen vertheilen lassen und auch die jüdischen erhielten gleichen Theil. Oe mortuis ml nisi bene, darum will ich an den Bericht über das abgelaufene Jahr keinen Tadel knüpfen, obschon noch nicht alles im rechten Geleise ist. Mit dem kommenden Jahre hoffe ich mit besserem Rechte noch rufen zu können: „Hier gut Würtembergs" (Vom Ries, P flau ml och, im Königr. Würtemberg.) — Am 16. Dec. 1846 fand in Pflaumloch die Einweihung der neuerbauten Synagoge statt. Eine Synagogeneinweihung ist, scheint es, was Unerhebliches. Viele tausend Synagogen sind erbaut und eingeweiht worden, es nahm Niemand Notiz davon, als die Gemeinde selbst und die geladenen Gäste; höchstens allenfalls jene, die durch das sogenannte „Schulbuch" und durch die Sammler der Beiträge in Contribution gesetzt wurden, wußten etwas von dem Neubau und dem Einweihuugsfeste. Und doch glauben wir gerechtfertigt zu sein, wenn wir in diesen Spalten über diese Einweihungsfeier berichten. Es knüpfen sich Reflexionen daran, die für die jüd. Culturgeschichte nicht uninteressant sind. Die Synagogen, der Burgfrieden, wo der Jude in Gott ruhete, sich aussöhnend mit der Qual des Tages und der Tücke der Welt, waren meistens keine architektonischen Zierden. Es fehlte im Ghetto schon der Raum, um einen prachtvollen Tempel zu bauen und die Kunst war ja überhaupt nicht Beschäftigung der Juden und daß sie es nicht war und werden konnte, rechtfertigen die Blätter jüdischer Geschichte. Eine Hypothese glaube ich aber doch über den Bau der Synagogen aufstellen zu dürfen: meistens waren sie gewölbt. Mag hier nicht die Idee von der Unendlkchkeit und Einheit Gottes, der Grundbegriff des Judenthums, in der Gestalt des Zirkels sich kund gegeben haben, besonders da die Hagadah so oft den Kreis als Bild der Unendlichkeit und Einheit nimmt? Architektur war an den Synagogen nirgends zu finden; hat ja selbst der Salomonsche Tempel keinen eignen Baustyl aufzuweisen gehabt, sondern war ägyptischem und phönicischem Baustyle nachgebildet. Das Zudenthum, als Cosmopolitismus, kann auch für seine Synagoge keine eigene Architektur brauchen;

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