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Der Israelit des neunzehnten Jahrhunderts · 1847-01-24 · Heft 4 (24.1.1847) · page 6

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Journal
Der Israelit des neunzehnten Jahrhunderts
Volume
8 (1847)
Issue
Heft 4 (24.1.1847)
Date
1847-01-24
Page
– (sequence 6)
Language
German
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30 Blasirthekt? Das ist eine nordische Mode-Krankheit, die unser Süddeutschland noch nicht erreicht hat. Die modern-conservativromantisch-paitanischen Juden zu Berlin, die für Eleasar Kalir schwärmen und nicht hebräisch verstehen, die keinen Minhog abgebracht wissen, selbst aber kein eigenthümlich jüdisches Religionsgebot befolgen wollen, die sich für erleuchtet hatten, weil sie Visionen zu begreifen wähnen, für geistreich, wenn sie den gesunden Verstand verläugnea, diese mögen, insoweit nicht bewußt oder unbewußt servil, blafirt sein; in der Vaterstadt Göthes, in der Gemeinde, welcher Börne angehörte und Geiger selbst angehört, kann überbildete Unnatur nicht Wurzel schlagen, und darum grade „hat diese Gemeinde eine solche Bedeutung in den allgemeinen jüdischen Angelegenheiten".*) Jene Kreise glauben in unsren Mittheilungen einen sittlichen Ernst und eine reine Anschauung wahrzunehmen, welche sie die Herzens-Ergießungen dunstfinniger Rabbinen vermissen lassen; wir unsererseits aber bekennen gern, daß wir dieselben für „den gemeinen Mann", mit welchem das Sendschreiben gelegentlich etwas coquettirt, nicht machen; es ist uns niemals eingefallen, auf das Volk durch sie zu wirken und uns auf diese Weise ein geistliches Prärogativ anmaßen zu wollen. Noch rügt das Sendschreiben an uns „ehrenrührige Floskeln, das hochmuthige höhnende Wort,,, und bringt diese Rüge insbesondere mit unsren Aeußerungen über Hrn. S. Adler in Verbindung. Vor allem müssen wir bemerken, daß wir diesen von der vorjährigen Rabbinerversammlung her kaum von Ansehen kennen, seine Stellung und Wirksamkeit in seiner Gemeinde, sein Privatleben und Charakter aber uns so unbekannt als unantastbar find; uns schützt das Haus den Mann, der hingegen, wenn er dasselbe verläßt und in die Oeffentlichkeit tritt, das öffentliche Urtheil über sein öffentliches Auftreten nicht scheuen darf. Ein andres Urtheil haben wir aber über Hrn. S. Adler niemals ausgesprochen; mag dieses oberflächlich, selbst ungerecht gewesen sein, ehrenrührig war es gewiß nicht, und wir müssen „gegen die Znfinuation, welche Ln dieser Behauptung liegt, aufs entschiedenste protestiren". Von dem Augenblicke an, daß derselbe in die Oefseutlichkeit getreten oder geschoben worden war, verfiel er in so «eit der öffentlichen und auch unserer Beurtheilung. Haben wir ihm aber wirklich Unrecht gethan, wenn wir in seinen öffentlichen Leistungen untrügliche Kennzeichen einer talmudisch-casuistischen Pedanterie zu entwickeln glaubten? Geiger meint es, wir bleibe» bei unserer deßhalb geäußerten Ansicht. Wissen Eie, daß einer unserer Freunde, ein neuer Ce l lari us, nicht der Pariser-Polka-, fordern ein hiesiger Masurga-Mann, also ein Man» *) Geiger, die dritte Vers, deutscher Rabbiner, S. 3. vom Fache, überdies eine persona grata, von Hrn. S. Adler gesagt hat, er sei ein Doctrinair? Wohl, du doetriuair au pedant il n1y a qu’un pas. Wir lieben es nicht zwischen Colleg en Uneinigkeit zu stiften, sonst getrauten wir uns aus Ihrem Blatte nachzuweisen, daß selbst Mitglieder der letzten Rabbinerversannnlung unsre Ansicht von demselben theilen. Allein alles dies würde uns immer noch nicht vermocht haben, solche öffentlich auszusprechen, wenn nicht Hr. S. Adler in dieser Versammlung und aus deren Beschlüsse einen Einfluß geübt hätte, der unsres Dafürhaltens — ihm nicht gebührte, und schon im Interesse der Versammlung selbst und deren gefährdeten Ansehens, für die Zukunft paralysirt werden mußte. Wir hatten weder geglaubt noch beabsichtigt ihn durch unser Wert „auf andre Bahnen zu lenken", wiewohl wir es für eher möglich halten, solch kleinlichen Grübel - und Widerspruchsgeist durch Spott als durch „Ernst und Milde der Rede" auszutreiben; vielleicht weiß es uns Hr. S. Adler selbst bei seinen im übrigen guten Anlagen und schönen Kenntnissen dereinst Dank zu seiner Befteiung aus diesen sclbstgewobenen Banden beigetragen zu haben. Geiger hätte übrigens, als derselbe ihn, wie wir vermuthen, zum Beistände aufforderte, gut gethan, ihm anzurathen, nicht wieder dem Collegen, Hrn. Stein, zu Liebe mit Männern anzubinden, welche, wie Hr. S. Adler die Vorsteher seiner Gemeinde sagen läßt, „der väterlichen Religion den Untergang geschworen", und noch besser würde Geiger selbst daran thun, sich ferner nicht in fremde Händel zu mischen. J9r, die Reformer. (Berlin, im Jan.) — Was die geistigen Verhältnisse der hiesigen Juden, wie sie sich seit Kurzem gestaltet, betrifft, so kann ich Ihnen heute Folgendes darüber sagen. Sachs ist noch jede» Herbst leidend gewesen, aber doch noch nie, seitdem er hier ist, so lange wie diesmal. Seit ->122 Bl' hat er keine Predigt vor der Gemeinde gehalten. Er mußte viele Wochen daS Bett hüte». Erst seit wenigen Tagen hütet er blos die Stube. Während seines Leidens kam der erfreuliche Fall für ihn vor, daß ein angesebe. nes Mitglied der Reform seine Tochter in der Synagoge, vulgo Schule, getraut und von ihm eine Traurede gehalten haben wollte. Ungeachtet seines Leidens hielt der dritte Rabbinatsaffessor unter Husten und Schnupfen seine gutgewählte Rede und fügte hiedurch Schnupfen zu Schnupfen und Husten zu Husten der Art, daß dir Gemeinde noch einige Wochen länger auf seine Sabbathpredigt wird warten müssen. Er leidet am Halse, ist jedoch jetzt wieder

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