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Der Israelit des neunzehnten Jahrhunderts · 1846-05-17 · Heft 20 (17.5.1846) · page 7

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Journal
Der Israelit des neunzehnten Jahrhunderts
Volume
7 (1846)
Issue
Heft 20 (17.5.1846)
Date
1846-05-17
Page
– (sequence 7)
Language
German
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159 stecktkn Ziels nickt entbehren zu können glaubt? Die Anreger und Führerderjüdischen Nesormgenossenschaften betrachten als den wahren und eigentlichen Zweck ihrer Vereinigung die Ausgleichung der jüdischen Lehre mit dem Leben, daß die jüdische Lehre dahin gebracht werde, das dem Ceremonialgesetz entfremdete oder sich entfremdende Leben gut zu heißen. Träten nun die Führer dieser Genossenschaften >: it dieser ihrer Absicht in bestimmten, unzweideutigen Worten vor die Welt: dann würden die Rabbiner sich wohl hüten. als Theilnehmer und Lobredner eines solchen Strebcns hervorzutreten." Der übrige Theii des Sendschreibens ist gegen Dr. Geiger gerichtet, was wir aber füglich übergehen können. Ehe wir diese Ansicht des Dr. Freund einer Prüfung unterwerfen, wollen wir in der thatsächlichen Darstellung des weitern Verlaufs der Begebenheiten fortfahren, um so nach Uebersehung des Ganzen ein gegründetes Urtheil geben zu können. Zu gleicher Zeit und unabhängig von diesem Sendschreiben erschien von Dr. Geiger: „Bor neun Jahren und heute. Ein Wort aus jener Zeit zur Verständigung für die Gegenwart", in welchem Dr. Geiger den Aufsatz aus seiner Zeitschrift für jüd. Theologie: „Die Nadbinerzusammenkumt. Sendschreiben an einen befreundeten jüdischen Geistlichen," und auszüglich: „Die Judcnheit und das Judembum" abdrucken ließ und daran unter Anderm Folgendes fügte: „Wonach vor neun Jahren mein Herz sich sehnte, es war kein Trug, gebilve der Phantasie, die Zeit hat es gereift, es ist vor unsere Augen getreten. Die überzeugungstreuen Rabbiner Deutschlands treten zusammen, um in gewissenhafte Erwägung zu ziehen, was dem kranken Juventhum noth thue, und auf der andern Seite vereinen sich Männer mit praktischem Blicke zu Genossenschaften, um für ihre religiösen Bedürfnisse eine Befriedigung zu finden und für ihre innerste Ueberzeugung einen angemessenen Ausdruck zu suchen. Noch ist die Zeit des Ringens, aber die Stimme verhallt nicht mehr in einsamer Wüste, sie findet ihren Wiederhall." „Ich begrüße sie daher freudig und offen die schönen Pflanzstätten der Versammlungen deutscher Rabbiner und der Genossenschaften für Reform; werden jene mit der genauesten Kenntniß des geschichtlichen Judenthums seine Ausprägung für die Gegenwart vorbereiten; so werden diese die Bedürfnisse und Ueberzeugungcn der Gegenwart an das Licht stellen. Mögen sie friedlich neben und mit einander wirken, mit Besonnenheit und Wärme risches Leben wecken; wenn auch anfangs befehdet, werden sie sich doch dann als die einzigen Mittel zur Wiederherstellung eines lautern und lebendig wirkenden Judenthums segenreich bewähren!" Auf das Sendschreiben ging Dr. Geiger weiter nicht ein, als daß er in einer Predigt indirekt solche Anfeindungen zurückwies. Einige Tage darauf erschien nun wieder eine Brochüre unter dem Titel: „Die Breslauer Jsraelitengemeinde in ihrem Zerfalle und Verfalle. Eine Stimme aus der Gemeinde." Der Verfasser dieser Brochüre, welcher mit dem des Sendschreibens identisch zu sein scheint, nach Andern aber von ibm verschieden ist, will dem Dr. Geiger einen Mangel an Charakterfestigkeit und aufopfernder Hingebung Nachweisen, worauf wir hier gar nicht eingehen wollen. Zur Charakteristik des Standpunktes dieser mit großer Ruhe geschriebenen Brochüre heben wir folgende Stelle heraus: „So sehr nun die Reformfreunde die Reformation des Juventhums herbeiwünschen. so dürfen sie doch nach dem Beigebrachten (?) dem Dr. Geiger kein unbedingtes Vertrauen schenken, sie müssen erst Alles selber prüfen, ehe sie es unterschreiben. Rach ernster Prüfung werden sie finden, daß so Manches, was Dr. Geiger stark empfiehlt, verwerfllich. und Anderes, das er stark b. kämpft, angemessen fei. Alle Wohleenkenven müssen darin übereinstiminen, daß die Reformation des Judenthums aus diesem selbst naturgemäß herauswachsen müsse. Aus der christlichen Reformaliou können die jüdischen Reformatoren allerdings vielfache Erfahrung und Belehrung zehen, sie müssen sich aber dabei vor bloßer Nachahmungsucht bewahren. Solcher Nachahnnrngssuchr ist, z. B., die von der Berliner Genossenschaft für Reform im Judenthum eingcführte und vom Dr. Geiger mit den andern Reformen dieser Genossenschaft so sehr empfohlene Kopfentblößung beim Gottesdienste zuzuschreiben. Die Kopfbedeckung ist bekanntlich eine orientalische Sitte, welcher auch die Juden in Europa lange Zeit anhingen. Jetzt haben die Juden in Deutschland mit andern orientaltschen Bräuchen auch diese Sitte in ihrem socialen Leben abgelegt, und nur beim Gottesdienste werde sie beibehalten. Dem alten Gotte des Judenthums sollen keine Complimente gemacht werden, er soll überhaupt nicht auf die äußere Erscheinung vnv Geberdung sehen, sondern in den Herzen lesen. Die Kopfbedeckung beim Gottesdienste schließt schon hierdurch und auch deßhalb gewissermaßen ein liturgisches Moment in sich, daß damit gleichsam angedeutet ist, wie die Gemeinde im Gotteshause zu einer Familie wird, in welcher jene höflichen Aeußerlichkeiten wegfallen. So wenig ich aber für meine Person gegen die Kopfentblößung beim Gottesdienste, wenn fie einmal durchaus eingenihrt ist, Einsprache thun würde, so muß ich es doch cingestehen, daß diese Reform mir nur aus bloßer Nachahmungssucht zu fließen scheint. Von diesem Gesichtspunkte allein ist auch der Widerspruch des Volks dagegen aus. zufassen." Durch solche Nachahmungssucht wird aber die jüdische Reformation um allen Credit gebracht. Auch unsere christlichen Mitbürger werden dem Juventhum nur dann die verdiente Achtung zollen, wenn es sich in selbstständiger Naturwüchsigkeit eniwickelt

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