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Der Israelit des neunzehnten Jahrhunderts · 1846-05-17 · Heft 20 (17.5.1846) · page 4

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Journal
Der Israelit des neunzehnten Jahrhunderts
Volume
7 (1846)
Issue
Heft 20 (17.5.1846)
Date
1846-05-17
Page
– (sequence 4)
Language
German
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156 um den Grund jener Verbote zu erkennen. Der Grund ist aber kein anderer, als den schon angefübrten Gedanken von der körperlichen Verletzbarkeit aber geistigen Unbesiegbarkeit Israels immer zu vergegenwärtigen. Das Tbicr nämlich, welches nicht wiederkauet, ist ein Raubthier. Mit den ungespaltenen Hufen schlägt das Thier, z. B. das Pferd, aus, um sich zu vertheidigen. Diese Merkmale genügen, um den Gedanken, auf welchen es ankommt, zu veranschaulichen. Ihr braucht nicht auf Raub auszugehen, ibr braucht nicht um euch zu schlagen, ja nicht einmal mit körperlicher Kraft euch zu webren, um euer Prinzip zur Herrschaft zu bringen, ist die Lebre, welche das Verbot jener Thiere uns cinprägen will. Schuppen sind ein Bild des Panzers (vrgl. I. Sam. 17, 5); Floßfedern des schnellen Schwimmens und Entkommens: Zhr seid durch eure Lehre gepanzert und entkommt euern Feinden, wird durch das Gebot, nur solche Fische zu genießen, dargestellt. Die Raubvögel dürfen natürlich auch nicht gegessen werden. Im 3. B. Mos. 11, 29 ff. wird nun noch Einiges verboten, was im 5. B. Mos. nicht widerholt wird. Es sind dieses Geschöpfe einer nieder« Gattung, vor deren Genuß der Mensch schon einen natürlichen Ekel hat, die zu essen sich daher mit dem Priesterstand Israels (vrgl. das. B. 44 u. 45) in seinem Verbältniß zu den übrigen Völkern nicht vertragt. Eben aus dieser erforderlichen besonder» Reinheit für das priesterliche Volk erklärt sich die spätere Ausdehnung des ursprünglich nur den eigentlichen Priestern geltenden Verbots, Gefallenes oder Zerrissenes zu esien, auf das ganze Volk. Fragen wir nun zum Schluffe nach der Anwendbarkeit und fortwährenden Verbindlichkeit dieser Verbote rn unfern jetzigen Verhältnissen, so zerfällt diese Frage in zwei andere: 1) Sind diese Verbote in der ihnen vou der Halacha gegebenen Ausdehnung noch fortwährend anwendbar und verbindlich? 2) Sind sie es wenigstens in ihrem reinbiblischen Umfang? Was nun die erste Frage betrifft, so muß sie unbedingt verneint werden. Das fernere Berbindlichhalten dieser Verbote in dieser Ausdehnung ist nicht nur unmöglich, sondern auch religiös hockst gefährlich. Wenn die Orthodoxie ehrlich wäre und ein Herz für die Religion der Väter im Leibe hätte. so würde sie dieses auf den ersten Blick erkennen und zugestehen. Leider ist sie herzlos und nicht ehrlich zugleich. Der heutigen Orthodoxie ist es mehr um die Eitelkeit, für einen sog. pob und Ton zu gelten, als um die Verbreitung wahrer Religiosität zu thun: darum ist sie rechthaberisch; darum ist ihr auch kein Mittel zu schlecht, dient es nur ihren Zwecken; selbst den Beifall der Missionäre und der leider noch immer starken judenfeindlichen Bestrebungen verschmähet sie nicht; und darum ist auch jedes Wort an sie ein vergebliches.*) Aber Jeden, dem es um Verbreitung wahrer Religiosität aufrichtig zu thun ist, fragen wir ernstlich: Ist e S möglich, daß unsere Frauen den ganzen Tag die minutiösesten Dinge in der Küche, mit einer Wichtigkeit, deren sie wahrlich nicht würdig sind, aus Religion und Gottesfurcht beobachten und dabei eine würdige Vorstellung von Gott, eine Herz, Gemüth und Geist beseligende Religiosität bewahren können? Schon der Talmud sagt: „Wer seiner Tochter Tbora lehrt, lehrt sie Gottlosigkeit;" schon er begreift, daß seine trocken verständige, bis ins kleinste Detail ausgebildete Behandlungsweise des Ceremonialgesetzes dem weiblichen Gemüche unmöglich Zusagen könne; schon er fühlt es, daß diese Kleinigkeitskrämerei in der Praxis nur dann unhaltbar ist, wenn das weibliche Geschlecht, dem die Ausführung derselben meistens obliegt, von allem Nachdenken über religiöse Dinge fern gehalten wird und diese Vorschriften mehr aus Gewohnheit und weil es einmal seit undenklichen Zeiten so Gebrauch war, heilig hält, als weil es von denselben einen beseligenden Einfluß auf Herz und Gemüth erwarte. Und nun erst unsere Zeit! Das Hergebrachte und Ueberkommene deßdalb heilig halten, weil es hergebracht ist, weil auch die Väter und Großväter es heilig gehalten, vermögen wir ein für alle Mal nicht mehr; wir müßten sonst auch unsere Ghettos, unfern Leibzoll, den gelben Lappen an unfern Kleidern heilig halten. Wir fragen vielmehr *) Dem Zionswächter ist das Königreich Baiern und die daselbst in Beziehung auf die Juden eingehaltene Richtung ein wahrhaft himmliches Land. Dem Orient galt das Entsetzen eines protestantisch-mystischen Pfarrers über eine Aeußerung in der R.-V. als ein genügendes Verdammungsurtheil gegen diese. So vor einem Jahr. Seit Neujahr lese ich beide Blätter nicht mehr.

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