Der Israelit des neunzehnten Jahrhunderts
- Journal
- Der Israelit des neunzehnten Jahrhunderts
- Volume
- 7 (1846)
- Issue
- Heft 17 (26.4.1846)
- Date
- 1846-04-26
- Page
- – (sequence 2)
- Language
- German
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130 Schriften viele vortreffliche Lehren darbieten, ja cs wäre ein Jammer, wenn es dazn einer umfassenden Gelehrsamkeit bedurfte. Wären aber auch die bessern Grundsätze minder bekannt, so würde die Geschichte sie betbätigcn, und die unvergleichliche Ausdauer Israels unter so mannigfachen Anreizungen zum Abfall von den glänzendsten Laufbahnen bis zn den jahrelangen Martern herab, beweist wohl mehr als genügend eine Tüchtigkeit der Gesinnung und Gesittung, wie sie lediglich aus dem inner« Lcbensprincip der jüdischen Religion sich entwikkeln, und durch die Kraft der im Volke fortlebendcn, wenn auch hie und da verdunkelten Lehre, erhalten werden konnte. Die Moralprincipien als solche können, selbst wenn der Fanatismus hie und da das innerste Naturgesetz übersieht, um der Leidenschaftlichkeit zu genügen, niemals bei denkenden Menschen eine solche Gestalt annehmcn, daß sie ibre Unwahrheit an der Stirn tragen. Wer würde sie anerkennen? Wenn daher manche Feinde der Juden und mitunter kenntnißreiche Inden selbst, (wie wir in unsrer jetzt erscheinenden Culturgeschichtc der neuern Zeit Beispiele davon anführen), sich's zur Aufgabe stellten, aus den rabbinischen Schriften allerlei Bruchstücke zusammenzubringen, um daran zu zeigen, welchen traurigen Grundsätzen die Juden folgen, so haben sie sich einer sehr undankbaren Mühe unterzogen; denn tbcils sind alle solche Sätze keine Sittenlehren, sondern nur Aeußerungen, und zwar lediglich in ihrem Zusammenhänge begreiflich und erklärlich, theils sind es Aussprüche Einzelner, die im Talmud selbst zurückgewiescn werden, tbeils zeugt das ganze Leben der Juden durch alle Jahrhunderte hindurch und in allen Ländern, daß eine verkehrte Ausdrucksweise keineswegcs die Handlungsweise bestimmt. Was mit solchem Unternehmen erzielt wird, ist nichts als eine Vermehrung der äußern Widersacher, die eines Zuwachses so wenig bedürfen, als der Waffen. Also von den Morallehren als solchen ist nicht die Rede, sondern von denen, die aus der talmubischen Scholastik, das heißt, aus der eigenihümlichen Methode die Bibel zu interpretiren und das Herkommen zu rechtfertigen und weiter zu bestimmen, entsprungen sind und ohne Hülle dastehen, so daß jeder denkende Rabbine sich genöthigt siebt, bei aller Verehrung der Bücher, die er für heilig halt, sie zu verleugnen und gegen sie zu protestiren. Dieses offen anzuerkcnncn hat man allerdings für bedenklich gebalten, und darum zogen cs alle rabbinischen Moral- Schriftsteller vor, ohne die ältern Lehrer manches Jrrthnms oder Mißgriffs zu zeihen, die reinste Sittenlehre, häufig in geradem Widerspruche mit derselben Scholastik, der sie daneben zugetkan blieben, vorzutragen. Dies nun glaube ich mit Reckt eine stillschweigende Protestation nennen zu dürfen; nicht als ob die Rabbinen seit Jahrhunderten das Alte bestehen ließen , ohne sich darum zu bekümmern, oder es iogar theoretisch gut hießen, — das wäre ja eine Verleugnung aller Literaturkunde, — sondern in dem Sinne, daß sie nirgend protestirend auftreten, während sie durch Substituirnng des Bessern alles Unkraut ausreißen. Es ist dies die beste Art der Reformation in solchen Zeiten, in denen man durch Aufgebung eines noch so unbedeutenden Besitzthumes den Uebermuth zu ermuthigen fürchtet, und in denen die Apologetik die einzige Waffe ist, um frevelhafte Eingriffe abzuwekren. Heutiges Tages haben sich die Verhältnisse geändert. Tie Reflerion ist allgemeiner geworden, der Ucbermuth tritt zurück und läßt dem religiösen Ernste, welcher mit Ruhe und Besonnenheit forscht, freien Raum. Die Zahl der Sachkundigen hat sich vermindert, und fast nur diejenigen, welche mit Liebe und Achtung an die Studien geben, beschäftigen sich mit der genauern Prüfung des Inhaltes alter Quellen. Man hat sich ohnehin gewöhnt, in der Geschichte nicht lauter Zufälligkeiten, in den Thaten der Menschen nicht lauter Albernheiten oder bösartige Bestrebungen zu erblicken, oder andrerseits jede Größe unbedingt zu bewundern und jede Offenbarung des höbcrn Geistes als plötzlich vom Himmel gekommen anzusehen; sondern alles in seinem Zusammenhänge zu prüfen, nach Ursache und Wirkung zu erwägen und zu würdigen. Wenn dadurch die unbedingte Autorität um etwas geschwächt wird, so gewinnt dafür die Kraft der Anschauung, und die Tüchtigkeit der Erkenntniß entschädigt uns für so manche angenehme Täuschung, die wir opfern. Wer solchem Streben gegenüber der Täuschung das Wort redet und die frühere verdüsterte Ansicht für Klarheit ausgeben möchte, muß sich nothwendigerweise in Widerspruche verwickeln und wird niemals überzeugen. Das Kind sieht in seinen Eltern die Wesen, welche es liebt und verehrt, es beurtheilt sie nicht; der Mann reflectirr, sieht