Der Israelit des neunzehnten Jahrhunderts
- Journal
- Der Israelit des neunzehnten Jahrhunderts
- Volume
- 7 (1846)
- Issue
- Heft 16 (19.4.1846)
- Date
- 1846-04-19
- Page
- – (sequence 5)
- Language
- German
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135 ner Eingabe, müsse Zeder, der die Symptome der Zeit mit unbefangenem Auge betrachtet, die Ueberzeugung gewinnen, daß die ganze Einrichtung unseres Gottesdienstes für die Gegenwart eine unhaltbare geworden sei, daß sich namentlich das Heranwachsende Geschlecht, dessen Erziehung, Bildung, Umgang bei unsern so durchaus veränderten socialen und politischen Zuständen eine so ganz andre Gestalt und Richtung als sonst angenommen habe, immer mehr von demselben abgestoßen fühle, und daß die Besorgniß einer gänzlichen Entfremdung der Jugend vom Judenthume nicht unbegründet sein dürfte, wenn nicht zu einer baldigen Abhülfe geschritten werde. Um diesen Uebelstand zu -eben seien aber einige wenige Concessionen, und Modificationen, wie sie Hr. vr. Sachs früher in Antrag gebracht, durchaus nicht hinreichend, vielmehr müsse eine gründlichere und umfassende Reorganisation des Cultus vorgenommen werden. Einem solchen Vorhaben stehe aber die Partei der Altgläubigen entgegen, die allerdings auf freundliche Rücksicht und Schonung ihrer Interessen den größten Anspruch hätten. Es bleibe daher nichts übrig als den Frommgläubigen die alte Synagoge zu überlassen und für das neue Bedürfniß eine neue Synagoge zu gründen. Die Kosten eines solchen Baues könnten etwa 75000 Rthlr. betragen. Um diese Summe zusammen zu bringen, solle der Vorstand aus seiner Mitte sofort drei Männer wählen, die im Verein mit neun anderen, aus der Mitte der Gemeinde zu ernennenden, wo möglich alle Parteien vertretenden Männern, ein Comitö bilden mögen, welches diese materiellen Angelegenheiten zu leiten habe. Dies Geschäft würde demselben nicht schwer werden, wenn den beitragenden Gemeindegliedern das Versprechen gegeben würde, daß die Quittungen später in zinsbare Actienscheinc umgeschrieben werden sollen. Fast gleichzeitig mit diesem Vorschlag und wahrscheinlich nicht ohne Vorwissen desselben reichte auch Hr. vr. Sachs beim Vorstehercollegium ein Memoire ein, welches ungefähr auf denselben Inhalt hinauslief. Da sich nun beide Schriften den Beifall und die Zustimmung des Vorstandes erwarben, so schritt derselbe auch sogleich zur Ausführung des Planes. Allein als die zwölf Männer zusammen waren, da zeigte sich erst die ganze Schwierigkeit des Unternehmens in ihrem vollen Lichte, da kam erst die ganze Zerrissenheit und Zerklüftung der Judenhcit und ihrer gegenwärtigen Interessen vollkommen an den Tag. Niemand war zwar abgeneigt, der Sache mit alle Kraft Vorschub zu leisten; aber man wollte zuerst wissen, nach welchem Princip der neue Gottesdienst eingerichtet werden solle. Im besonderen sprach sich die Majorität und namentlich die Mitglieder der Rcformgenossenschaft dahin aus, daß von einer weiteren Betheiligung an den Berathungen für das beabsichtigte Unternehmen nicht eher die Rede sein kann, als bis wenigstens der Gebrauch der deutschen Sprache als des vorwiegenden Elements zugestanden ist. Diese Forderung erregte nun einen gewaltigen Starm, da sich Hr. vr. Sachs nur für eine Berücksichtigung des deutschen Elements ausgesprochen hatte, sie wäre aber dessenungeachtet durchgedrungcn, hätte nicht einer der Anhänger des vr. Sachs, denen es nur um die Untergrabung der Reform zu thun ist, schnell das Amendement eingebracht: man solle vorläufig den Plan zu einer neuen Synagoge auf sich beruhen lassen, dagegen aber sofort einen Betsaal mit einem reformirten Gottesdienst einrichten. Allein hiemit war nichts gebessert; die Principienfragen erhoben sich von Neuem. Sotten die alten Gebete, die sich so oft wiederholen, in ihrer Integrität beibehalten werden? sollen die Stellen, welche sich auf die Wiederherstellung des jüvischen Staates, des Davidischen Hauses, des Opfercultus u. s. w. beziehen, stehen bleiben? Diese und ähnliche Punkte wurden nun wiederm vielfach und mit großem Eifer besprochen, und wiewohl sich die überwiegende Majorität der Versammlung für den Wegfall solcher Gebete und einzelner Stellen aussprach, so wurde das Amendement doch als unzweckmäßig verworfen und die Versammlung trennte sich ohne sich verständigt zu haben. Dessenungeachtet hat die conservative Parthei ihren in Rede stehenden Plan nicht aufgegeben; vielmehr hat sie, wie ich höre, mit dem Einsammeln der Gelder angefangen. Ob sie aber zum Ziele gelangen wird, das ist allerdings die große Frage, da nicht nur die Reformgcnossen sondern auch die Altorthodoren ihre Beihülfe versagt ha« ben. Daß die Reformer aber nicht dagegen intriguiren, wie es Hr. vr. Sachs von der Kanzel herab darzustellen sich bemüht, oder dem Unternehmen auch nur indireet zu schaden suchen, steht fest und läßt sich auch sehr leicht erklären. Denn die Reformer sind der Ucberzeugung: sollte die neue Synagoge gebaut werden, so werde sie für sie selbst gebaut. Und allerdings hat ihre Berechnung viele Wahrscheinlichkeit für sich. Das neue Judengesetz wird, wie man sicher weiß, spätestens bis zum Herbst erscheinen. Dann findet eine neue Borstandswahl statt; die Reformer bilden ein Drittheil der Gemeinde, das wie Ein Mann wählt. Es kann dann nicht fehlen, daß die Reformer ans Ruder kommen und nach dem neusten Rescript des Ministeriums kann der Vorstanv ohne Zustimmung des Rabbinats Reformen vornehmen. — Ja man hofft sogar, daß bis dahin die Zahl der Reformer die Hälfte der ganzen Gemeinde ausmachen werde. Zu dieser Hoffnung glaubt man sich berechtigt durch die fast täglich sich mehrenden Beitrittserklärungen, die sich gewiß durch das moralische Gewicht, welches der neue Prediger in die Wage der Reform legen