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Der Israelit des neunzehnten Jahrhunderts · 1846-04-19 · Heft 16 (19.4.1846) · page 4

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Journal
Der Israelit des neunzehnten Jahrhunderts
Volume
7 (1846)
Issue
Heft 16 (19.4.1846)
Date
1846-04-19
Page
– (sequence 4)
Language
German
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den Maimonides*), dem man einen großen Einfluß zugestehen muß, ohne seinen Satzungen für uns irgend eine bindende Kraft beilegen zu können. Und eben so verhält es sich mit den Gebetstücken unv deren Verfassern. Menschenwerk, ohne andern Werth als den es in sich trägt, für eine Zeit gegeben und berechnet, von einer andern überschritten, wandelbar wie alles Zeit- und Räumliche, nur als historisches Moment, als Glied der ewigen Kette unvergänglich. Die Geschichte ist uns deshalb Quelle der Erkenntniß, die Wissenschaft leuchtende Fackel, beide nicht hoch genug anzuschlagen. Allein weit höher noch steht das Leben, und dieses übersieht die Partei, welche statt der Gesetzrolle, min 12D, ein Buch, -£2, im Wappen, und statt Glaube, rUIGN, Wissenschaftlichkeit , TGv, zur Devise hat. Unter Leben verstehen wir nicht das des Einzelnen, das nicht wohl besser und nützlicher als im Dienste der Kunst oder Wissenschaft verwendet werden kann; wir verstehen darunter das Gesainmtleben einer Zeit, eines Volkes einer Glaubensgcnoffcnschaft, welches der Dichter im Auge hatte bei seinem Ausspruche: Grau ist alle Theorie, Und grün des Lebens goldncr Baum. Die Wissenschaft muß diesem Leben dienstbar sein, nicht dieses ihr; dies sollte sie sich immer bewußt bleiben, um nicht in Grübelei, Pedanterie unv Grille auszuarten. Ze gründlicher aber der Ernst ist, mit welchem man sich einer Wissenschaft ergiebt, um so natürlicher ist das Bestreben, nicht nur der eigenen Einsich Anerkennung zu verschaffen, sondern auch die eigene Anschauug zu vrrallgcmeinen, um so gewöhnlicher das Ucbcrsehen des großen Ganzen wegen eines im Verhältniß zu demselben kleinen Einzeluen, um so häufiger, daß Selbsibewußtsein Selbstüberschätzung' Selbstachtung Verachtung Andrer, klare Erker ntniß schiefes Urtheil, Liebe zur Wi ssenschaft Menschenfeindlichkeit im Gefolge hat. Allein wenn es auch immer Menschen gegeben hat, die ihrer Zeit voraus waren, so gehören diese doch zu den Seltenheiten, auch sind es nicht gerade die, welche cs von sich glauben; man steht nicht über seiner Zeit, weil man außerhalb derselben steht und kann insofern eben so gut hinter als vor ihr sein; das größte Uebel unsrer Zeit aber ist die Besserwisserei, und das unverträgliche, unduldsame, unausstehliche Geschlecht der Besserwisser ist in steter Zunahme begriffen, denn vom Vielzum Besserwisser, von jenem zu diesem Lächerlichen, ist nur ein Schritt. Daher der *) Der Herr Correspondent hat wohl nur daran gedacht, daß Maimonides die Satzungen des Talmuds dadurch gewißermaßen stereotyp gemacht, weil er sie zu systematisiren und in Form eines Codex zu bringen gesucht! Die Redaction. hofmeisternde, wegwerfende, übermüthige, verletzende Ton, der bei uns jetzt allenthalben in Kunst-, Literatur-, Kirchen-, mitunter selbst in Regierungsblättern anzutreffen ist. Wie man dem achtzehnten Jahrhunderte das Borwalten des Verstandes nun zum Vorwurfe macht, so wird man unsrer Zeit den Ueberverstand vorwerfen, der kaum besser, kaum ein andres ist als— Unverstand. Diese an sich unerfreuliche Erscheinung der Zeit auch in der deutschen Judenheit wiederzufinden, gewährt zum wenigsten das wohlthuende Bewußtsein, daß dieselbe geistig von ihren Landsleuten durch keine Schranken mehr getrennt ist, denn wir ziehen es vor, sie sich einer allgemeinen, wenn auch verkehrten Richtung an-, als länger in einer besonderen abschließen zu sehen; die Absonderung hat nachhaltigere Folgen und ist schwerer zu überwinden als der Jrrthum. Da wir Verständigung und nicht Streit herbciführen, niemanden zu nahe zu treten, insbesondere Persönlichkeiten vermeiden wollen, so müssen wir die Nutzanwendung dem Leser überlassen, und können schließlich nur wiederholen, was schon so oft hervorgehoben worden ist, daß die neuesten Rcformbestrebungen im Judenthum wie im Christenthum nichts beabsichtigen als die Anerkennung eines bereits vorhandenen Gefammtlebens, und nichts sind als eine Manifestation desselben; sie bilden ein historisches Moment, das aus Wissenschaft und Geschichte beleuchtet, auch geleitet, nicht aber bekämpft werden kann, weil eS keine geringere Berechtigung als jedes frühere für sich ansprechen pars. Der Bau einer Synagoge. Fortschritte der Nesormgenossenschafh. £. (Berlin, im März.*) — Zwei höchst bedeutungsvolle Ereignisse sind es, die gegenwärtig alle Gcrnüther in Spannung und Aufregung versetzen, und die daher auch in allen wohlnnterrichteten Kreisen das Tagesgespräch bilden, ich meine: daß Projekt zur Errichtung einer neuen Gemeinde.Synagoge und die Berufung eines Predigers von Seiten der Reformgenossenschaft. Ich kann Ihnen hierüber aus vollkommen authentischer Quelle folgendes Nähere mittheilen: Vor Kurzem reichte ein angesehener Kaufmann, Anhänger der sogenannten wissenschaftlichen Orthodoxie, bei den Gemeindevertretern eine Vorstellung ein, welche die Umgestaltung des bestehenden Cultus als unabweisbares Bedürfniß darstellte, und zugleich die Mittel und Wege an die Hand gab, wie zu einer solchen Reform zu gelangen wäre. Immer mehr und mehr, heißt es in je- *) Durch Zufall verspätet.

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