Der Israelit des neunzehnten Jahrhunderts
- Journal
- Der Israelit des neunzehnten Jahrhunderts
- Volume
- 7 (1846)
- Issue
- Heft 15 (12.4.1846)
- Date
- 1846-04-12
- Page
- – (sequence 11)
- Language
- German
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71 hmgegeben, sie war ihnen ein Zweig des Wissens, der trefflich angebaut ihnen auch nicht mehr entrissen ward, wenn er auch später nicht in gleicher Weise fortfchritt; die Franzosen und Deutschen kannten die Grammatik ein wenig durch Empirie und sie diente den großen Männern unter ihnen blos als ein Hülfsmittel zum Verständnisse der Schrift, das sie sich mühsam auf empirischein Wege errangen, das den Andern aber wiederum blos zu religiösen Zwecken diente. Der Pentateuch, auch das Buch Esther nänllich mußten, wenn sie zu den vorgeschriebenen gesetzlichen Zwecken gebraucht werden durften, mit einer ängstlichen Correctheit abgeschrieben sein, und deshalb mußte es Männer geben, welche darüber zu wachen im Stande waren, und dies eben waren nicht die Kalligraphen, sondem die, welche die Abschriften nun zur Durchsicht und zum Versehen mit Bocalen und andern Punk, ten erhielten, nämlich die Nakvanim oder Punktatoren. Diese also intcressirte nicht die Grammatik als solche, sondern die richtige Schreibung, Bocalisation und Accentuation der Wörter; die meisten dieser Männer betrieben daher dieses Geschäft hanwerkmäßig, sie zogen einzelne gute Eremplare zu Rathe, und die Fertigkeit, welche sie durch Uebung erlangt hatten, unterstützte sie in ihrer Arbeit. Dabei war es ihnen natürlich mehr um das Maßorethische zu thun, ob das Wort an dieser Stelle mit oder ohne Mater Lcctionis geschrieben werde, die Accente und die vielen Nuhestrichlein (Metheg und Ga'ja) waren ihnen oft wichtiger als die richtige Bocalisation. An grammatischem Wissen, an Kenntniß der Regeln gebrach cs ihnen meistens, und nur wenige rühmliche Ausnahmen gab es unter ihnen, die, angeregt durch das Bei- ' spiel der Spanier, sich über diese Handwerksmäßigkeit zur wissenschaftlichen Betrachtung erhoben, zu denen außer den früher von mir hervorgehobenen auch noch Zosef Chasan aus Troyes (vergl. hier S. 84 und 85 und S. 112) zu zählen ist. Selbst diese Männer konnten zu einer rechten grammatischen Einsicht nicht gelangen; wenn man z. B. die Abhandlung des Moses Nakvan aus London <S. 111 und 112) liest, so erkennt man bald die Unsicherheit und die willkürlichen ganz äußerlichen Regeln. Die Mehrzahl aber ist durchaus unwissend; immer waren cs spanische Codices, welche den Ausschlag gaben (vrgl. S. 203), die deutschen und französischen Nakvanim wurden von den kündigen unter ihnen selbst ge. ringe geachtet, wie dies Jekuthiel b. Jehudah in seinem 'En Ha- Kore an vielen Stellen ausspricht, und wie dies z. B. auch der Nakvan des Bibelcoder von 1489, welcher ehedem von Mendelssohn und Salomo Dubno benützt wurde und nun mir vorliegt, im Namen eines früher« Nakdan Moses zu 1 M. 24, 11 scharf ausdrückt: tb 'tOTl tyfi. ILM ’npjl MlLM ’inpj bin rora rwönn njnui omt ijtp uhi uon. So ist also hier überall von einer wissenschaftlichen Thätigkeit kaum die Rede, Alles schlägt ins talmudische und midrafchifche Verfahren um, und die einfache Thatsache, daß ein Wort defect geschrieben ist, erfährt oft von den Nakvanim, welche in Deutschland und Frankreich die Grammatiker Spaniens vertreten sollen, gar wundersame Deutun. gen. Wenn wir nun auch die tüchtigen Commentatoren und Punetatoren hervorgehoben und Proben von ihren Leistungen gegeben, die andern aber als den bloßen Schweif ihnen angerriht zu sehen wünschten, so bleibt doch jedenfalls diese sorgfältige und gelehrte Zusammenstellung immer sehr verdienstlich. Möchten übrigens nunmehr die noch handschriftlich verborgenen Commentare Samuel's b. Meier und Josef Kara's veröffentlicht werden; wir würden mit ihnen ein wichtigeres Geschenk erhalten, als uns mit eine« zweiten Commentare der Thoßafoth und dem des Ascher b. Jechiel, die zusammen in Livorno 1840 u. d. T. D'jpt Tin erschienen, Zunz jedoch unbekannt geblieben find (vrgl. S. 87 und S. 102) und manche Bereicherung an Notizen darbieten, gemacht worden ist. Ueber den Commentar zu Hiob, der auf der Gmudlage des von Raschi wahrscheinlich kurz angefertigten später durch Erklärungen von Josef Kara, Samuel und Jakob b. Meier u. A. bereichert worden ist, bin ich gleichfalls im Stande, die neueren Untersuchungen zu vervollständigen nach dem obenerwähnten Codex vom Jahr 1489. Ich werde diese Einzelnheite» gelegentlich mittheilen und fahre nun in der Beurtheilung fort. Da es dem Verf. hauptsächlich zu thun war um den Nachweis der großen, zum Th eile noch ziemlich unbekannten literarischen Thätigkeit auf verschiedenen Gebieten, so konnte er sich, wie bereits bemerkt, die Gebiete sondern und jedes einzeln behandeln; seine Darstellung ist daher nach den Discipliaen geordnet, was die Ueberficht nicht wenig erschwert. Aber es sind daher auch einzelne Gebiete vorläufig ganz übergangen, und namentlich das dichterische (vrgl. S. 29). Auch auf diesem gibt sich wieder die große Verschiedenheit zwischen dem Charakter die. ser Gegenden und Spaniens kund. Bon einer fteien dichterischen Schöpfung, von einem freundlichen Verkehre mit den Musen, von dem genialen Drange, alle Lebensverhältniffe dichterisch darzustellen, wie wir ihn bei den Spaniern, einem Moses b. E., Juda Ha-Levi, Abraham b. E. und Anderen finden, ist bei den Deutscheu und Franzosen kaum eine Spur; woher sollte ihnen auch, die keinen melodischen VerS in der vaterländischen Sprache vernahmen und die durch den Druck zu fteiem, heiterem Fluge sich nicht erheben konnten, die Lust zum Dichten, die Freude an Wohllaut und Rythmus kommen? Auch die Kunst des Versmaßes mußte ihnen ftemd bleiben, wenn auch Einzelne, angeregt durch die Spa. nier, einige Nachahmungen versuchten; gehäufte Reime und schwere