Der Israelit des neunzehnten Jahrhunderts
- Journal
- Der Israelit des neunzehnten Jahrhunderts
- Volume
- 7 (1846)
- Issue
- Heft 15 (12.4.1846)
- Date
- 1846-04-12
- Page
- – (sequence 10)
- Language
- German
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9*0 Notizen zusammensuchen, mit Hülfe des Inder» der eine wahre Wohlrhat für das Buch ist — denn wenn der Verf. demselben auch „nicht blos nachschlagende, sondern lesende Leser (!) wünscht" (Vorw. S. VI), so kann er doch nicht jedem „bcsondcrn Leser" ein Gedächtniß zumuthe», das den ganzen nicht an Gedanken geknüpften Stoff mit sich herumtrage und immer hcrbeizuschaffen wisse. Ich muß gestehen, daß diese Darstellung der Thoßafiftcn (S. 29 — 60) für den eifrigsten Freund der Literatur etwas Abschreckendes hat; dieses ewige Aufzählen von Namen, die sich an verschiedenen Orten wiederholen, mit bloßer Angabe von Büchern und Seitenzahlen, wo sie Vorkommen, läßt sich wahrlich eher schreiben als durchlesen. Wir haben hier ohne Zweifel sehr brauchbare, ja in mancher Beziehung unentbehrliche Matcrial.en vor uns« Materialien, die in einem gew sscn unicrgcordnrten Sinne zu einem einigen Ganzen verbunden find; aber von einer eigentlichen Bearbeitung ist im Gründe auch keine Spur zu finden. Nicht viel besser steht es mit den Bibel - Commentatoren (S. 60 — 107), und den Punctatoren (S. 107 — 122), nur daß der Gegenstand an sich mehr Interesse darbietet und man schon die Nachrichten über das Vorhandensein dieser Männer und ihrer Leistungen mit Zntercsse verfolgt. Freilich sollte man auch gerade hier, wo ein allgemein bekanntes und interessantes Gebiet besprochen wird, wo Richtungen und Leistungen leichter anschaulich gemacht werden können, auch um so mehr ein tieferes Eingehen, einen Versuch, den Leser in das Innere der Sache einzuführen, erwarten. Allein wiederum finden wir eine fleißige Zusammenstellung der Werke, wo sie handschr. vorhanden find und wo sie angeführt werden, zugleich auch mit Angabe der frühern citirtcn Lehren; wie gerne aber hätten wir statt der Zusammenzählung, wie oft '21 1DÜ bei Raschi und Andern und Aehnliches verkommt (S. 64 — 67), eine genauere Angabe ausgenommen, wie dieser auf Jahrhunderte Ton angcbende Mann bei seiner Bibclerklärung verfahren ist! Die „Charakteristik, welche S. 195 — 199 (wo aber die mehr als eine Seite einnehmenden, die Ausdrücke, p’nyo ptvo und dgl. belegenden Anmerkungen doch eigentlich noch abzurechnen sind) kur; eine allgemeine Anschauung geben soll, kann natürlich nicht dazu hinreichen, und die einzelnen Männer, von welchen etwas mehr als das ganz Allgemeine gesagt wird, wie Tobiah b. Elirser und Josef Bekhor Schor (S. 195 u. S. 198), sind eben schon von Andern in dieser Weise ausführlicher behandelt worden. Hier gerade wünscht man jedoch recht klar dargelegt zu sehen, wie die Bibeleregese dieser ganzen Schule sich zu einer bewußten Freiheit niemals erheben konnte, wie sie immer von halachischen, ja auch haggadischen Traditionen abhängig blieb und nur bei einigen Männern der gesunde nüchterne Sinn so mächtig warb, um sich die natürliche Erklärung nicht ganz verdrängen zu lassen, und indem der halachischen Tradition ihr Uebergewicht unbestritten belassen wurde, auch der buntfarbigen Haggadah ihr Recht nimmer bezweifelt, für die einfache Erklärung jedoch immer mit einer gewissen Entschuldigung und wahrlich aufrichtig genug gemeinten Ergebenheitsversicherungen nach der andern Seite hin das Recht ihres Daseins erbeten ward. Nur Josef Kara und Samuel b. Meir nahmen sich mit Ernst und größerer Entschiedenheit der verwaisten einfachen Erklärungsweise an; aber auch kaum war diese Richtung aufgctaucht, so war sie auch bald wieder untergegangen, und die natürliche Auslegung trat fast ganz in den Hintergrund, selbst der von mir ehedem gerühmte Josef Bekhor Schor, den ich einer besonder» Beachtung werth hielt, scheint nach sorgfältigerer Prüfung der Anführungen im Com. der Thoßafoth, in Minchath Jehudah und in Pa'neach Rasa den gewöhnlichen Standpunkt einzunehmen, trotzdem daß einige gute Gedanken ihm fast unbewußt einkommcn. Von jener späteren Versunkenheit, wie ich sie z. B. an dem berühmten Gcsetzlehrer Meier b. Baruch aus Rothenburg in Kürze nachgewiescn habe (Ztfchr. IV. S. 400) und wie sie in diesen Commentaren immer wiedcrkchrt und sich verhärtet, kann man durch Beispiele eine richtige Vorstellung erhalten. Welch' ein Unterschied nun zwischen diesen Männern und denen der arabischen und spanischen Gelehrten, bei welchen ein rein wissenschaftliches Streben auch in der Bibeleregese her-rscht, volle Vertrautheit mit den nöthigen Vorkenntnissen und immer wei- * tern Ausbildung derselben, der natürliche Sinn feine volle Berechtigung ohne Weiteres erlangt hat und der Midrasch weit eher einer Rechtfertigung bedurfte, wenn er auch nicht ohne Einfluß auf ihr Verfahren blieb, bei denen aber allerdings gleichfalls die einfache Auffassung durch philosophische Voraussetzunf gen getrübt ward, welche sie in der Bibel, als der Quelle aller Weisheit und dem Cympendium aller philosophischen Wahrheiten wiederfinden zu müssen überzeugt waren. Was dort schwach geahnt ward, war hier zur vollen Klarheit aufgegangen, was dort ein Recht erringen mußte, war hier im vollen Besitze, was dort über allem Zweifel erhaben war, mußte hier gerettet werden, wenn dort halachischs' Voraussetzung dem Worte Zwang anthat, so mußte es sich hier den Resultaten der Spekulation fügen, und wenn dort im Verfalle Zahlenspielereien und kabbalistische Träumereien als heilige Mpsterien verehrt wurden, so schwelgte man hier, nicht minder zur Siechheit hinabsinkend, in philosophischer Symbolik! Noch auffallender zeigt sich die Verschiedenheit bei den Punktatoren. Die Spanier waren der Sprachwissenschaft als solcher