Der Israelit des neunzehnten Jahrhunderts
- Journal
- Der Israelit des neunzehnten Jahrhunderts
- Volume
- 7 (1846)
- Issue
- Heft 15 (12.4.1846)
- Date
- 1846-04-12
- Page
- – (sequence 9)
- Language
- German
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Literatur-Blatt zum Israeliten des 19. Jahrhunderts. Enthaltend: Abhandlungen, Aufsätze, Recenfionen, literarische Aphorismen re. rc. für die gelammte hebere Wissenschaft des Judenthums, und unter Mitwirkung von Geiger, Holdhcim, S. Hirsch, Jost, Rießer, Herzfelv, Wechsler, Maier, Rebenstein, Stern, Dukes, Adler und vieler anderer Gelehrten redigirt und herausgegebcn von vr. M. Heß, Großherzogl. Weimarschem Land-Rabbinen in Eisenach. Nr. 15, Sonntag den IS. April 1846. i. Jahrgang. Neeension von Rabbiner Pr. Geiger. Zur Geschichte und Literatur. Von vr. Zunz. Erster Band. Berlin, Veit. 1845. VIII u. 607 S. gr. 8. Zweiter Artikel. (Schluß.) In Beziehung auf Bibeleregese bekennt der Verfasser: „Der Schwung, den die Thoßafisten den talmudischen Studien gegeben, fing allmälig an, der Eregese nachtheilig zu werden; man übertrug die Methode der halachischen Diskussion sammt dem dabei nöchigen Scharfsinne auf den Tert der Schrift und der älteren Commentarien, gleichzeitig regte sich die Geheimlehre, und ihre neuen Betrachtungsweisen, ihre zügellose Eregese, ihre Alles gleichmachenden Gimatria's wurden um so mehr angestaunt, je nüchterner die Sprache der spätern Commentatoren wurde, denen keine fortschreitende Wissenschaft zu Hülfe eilte" (S. 199). Sicher stimmt nun ein Jever gerne dem Vers, bei, wenn er sagt: „Müssen wir schon der Unwissenheit Manches Nachsehen, so gebührt noch größere Schonung dem Leidenden, der nie genug der Beruhigungsmittel hat und in seiner Dedrängniß in den Gegenständen irrt, die er zu Hülfe ruft" (S. 178); aber was bleibt nun aus diesem ganzen Arbeiten und Mühen für die Literaturgeschichte übrig? Einzig und allein die Nachricht von der planlosen, unklaren Thätigkeit. Was für die Gegenwart als geschichtliche Errungenschaft? DerJrrthum, der zu bekämpfen, die Verwirrung, die zu lösen, die Stagnation, die wieder in Fluß zu bringen ist. Also wozu jene vorausgehenden Heiligsprechungen, jene Bitterkeit gegen die Vernachlässigung, gegen das Abwenden von der damaligen Weise, wozu die Reden von „nationalen" Richtungen, die wir verlassen, von seichter Aufklärungsucht, die sich unser bemächtigt? Hr. vr.Zunz' klarer Geist und wissenschaftliche Ehrlichkeit treten selbst im Kampfe mit der Liebe zur Versenkung in die Vergangenheit, die der eifrigen liierarhistorischcn Gelehrsamkeit so leicht droht, die höheren Anforderungen stören ihm selbst die Freude, welche er an der Betrachtung eines abgerundeten Ganzen,'wie es uns stets die Vergangenheit, gegenüber den im frischen Wogen und Streben begriffenen Gegensätzen der Gegenwart darbietet, empfinden möchte. In der Ferne schwinden uns die kleinen Flecken, die unsichtbar werden, die Gehässigkeiten, welche uns nicht mehr berühren, das Unfertige ist ergänzt worden, jedenfalls abgeschlossen, und wir können ruhig den Anblick genießen, ohne Störunge ohne betäubendes Geräusch um uns her; das besticht Manchen, der ein scharfes Auge hat für die Schattenseiten unserer Zeit, der empfindlich ist gegen Unmanierlichkeiten, welche im lebhaften Gedränge nicht ausbleiben, der sich nach behaglichem Genüsse der Früchte sehnt. Wer sich jedoch in den ftischen Strom der Gegenwart mit als ein kühner Schwimmer stürzt, der gesundet an dessen belebender Kraft, und geschärften Blickes weiß er auch das Ufer zu erkennen, von dem er ausgegangen, und das andere, dem er zusteuert. Also über die Thätigkeit der deutschen und französischen Gelehrten und welchen Gebieten dieselbe zugewandt war, wird uns berichtet; der Inhalt dieser Thätigkeit und das Resultat derselben, mit Ausnahme der Auszüge aus den Sittenbüchern und der sehr allgemein gehaltenen Charakteristik, bleibt uns verborgen. Wir erfahren, welche Männer Glossen zum Talmud angefertigt und welche Autoritäten in diesen Glossen citirt werden, wir hören von den Andern, welche Bibelcommentarien geschrieben und wiederum welche Vorgänger sie namentlich anführen; aber Geist und Charakter der Behandlung bleiben unbekannt, wie zuvor. Ein abgerundetes Bild irgend einer Persönlichkeit, eine kurze Zusammenstellung der Gesammtleistungen eines Mannes tritt uns in der ganzen Abhandlung nicht entgegen; wir müssen uns die einzelnen