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Der Israelit des neunzehnten Jahrhunderts · 1846-04-12 · Heft 15 (12.4.1846) · page 8

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Journal
Der Israelit des neunzehnten Jahrhunderts
Volume
7 (1846)
Issue
Heft 15 (12.4.1846)
Date
1846-04-12
Page
– (sequence 8)
Language
German
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120 Aber darum sind unsere Zustande noch weit, weit von dem rechten j Ziele entfernt, und es fehlen uns nicht blos, wie Ihr / -Corresponvent sich (in dem gedachten Artikel) auszudrücken beliebt, Enthusiasten, sondern es fehlet uns Alles, Alles was zum Aufbau eines höheren Zudemhume, zu seiner Befestigung in den Geistern und Gemüthern notwendig ist. Unser Rabbiner? Nun, ich verkenne seine vielen seelsorgerlichen Eigenschaften am wenigsten, ich ehre und achte es auch an ihm, daß er mit seiner romantisch-sentimentalen Uebcrzcugung, mit seiner halb conservativen, halb fortschreitenden Richtung, kein Hehl hat, obgleich es ihm nicht entgehen kann, daß er damit weder die Conservativen und Stabilen, noch die entschiedenen Anhänger des Fortschrittes, (und in diese beiden zerlegt sich der allergrößte Theil der Gemeinde) auf seine Sette bekommt. Aber eine wahrhafte Regeneration des Zudenthums, eine durchgreifende Heilung unserer Zustände» werden die Predigten des Hrn. Stein nimmermehr hrrbeiführcn und von denen in unserer Andachtsstunde, von Männern gehalten, welchen die Verkündigung des Wortes nicht Haupt-Beruf ist, ist dieses nicht einmal zu verlangen. Ja, und wenn der Prediger Ln der Syna. goge und die in der Andachtsstunde mit Engelszungen zu reden verstünden und das reine, lautere, von Gott entstammte Zudenthum den Propheten gleich zu verkünden wüßten, sie würden ein solches doch nicht zum Eigenthum der Gemeinde machen können, weil ihnen die Hörer fehlen, weil nun einmal der Samstag als Werktag deS Staates auch der des größten Theils unserer Gemeinde geworden, und Jung und Alt an diesem Tage in den Comptoirs, in den Gewölben, in den Werkstätten, auf der Börse, aber nicht in der Synagoge oder dem Tempel zu treffen ist. Mit einem Worte: Was uns fehlt, wenn die Wahrheit eine Gemeinde, die Religion Herrschaft unter uns erlangen soll, das ist die Einrichtung eines Sonntagsgottesdienstes mit einem tüchtigen, gesinnungövollen und aufgeklärten Prediger an der Spitze. Die Reformfreunde haben diese Idee anzuregen gesucht, aber leider! noch nicht Theilnahme, große, der Opfer fähige Theilnahme in der Gemeinde gefunden. Und doch ist sie die Grundbedingung von Allem, das womit Alles, und ohne Dieses nichts ausgcführt werden kann. Ist erst ein Sonntagsgottesdienst und ein Prediger für denselben da, dann ist auch die Zeit und der Ort da, in und wo für die Erneuerung unserer Lehre gewirkt und diese in uns und unseren Kindern befestigt werden kann. Dann kommt das Interesse für die heiligen Fragen der Gegenwart von selbst, dann ist ein sichtbarer Mittelpunkt da, dem alle Gutgesinnten sich anschließen können, und die kleine Schaar der Reformfreunde wird bald viele, ja den größten Thell der Gemeinde zählen. Das sehen Sie an Berlin, wo die Reform sich nicht mit Programmen und Artikeln begnügt, sondern in die Wirklichkeit getreten, und darin mit jeder Woche neue Anhänger gewinnt und bald den größten Theil der Gemeinde umfassen und auf viele andere ihrer Schwestern wirken wird. Was aber Berlin für den Norden und Osten, das könnte Frankfurt für den Westen und Süden des deutschen Vaterlandes werden, wenn dem Herrn und seiner Lehre ein Tag und durch diesen Tag eine Gemeinde gewonnen würde. Nachlese auS den Zeitungen. Was gleich zu vermuthen war. stellt sich jetzt auch thatsächlich heraus, daß die Juven keinerlei Theilnahme an der jetzigen polnischen Revolution genommen, und daß (einige Ausnahmen abgerechnet) die wenigen Individuen, welche scheinbar sich ihr angeschloffen, dazu gezwungen worden waren. — Montefiori ist jetzt auf seiner Reise nach Rußland begriffen, um sich beim Kaiser für die Juden zu verwenden. Unter seinem Gefolge befindet sich auch ein comc/, da er kein anderes als koscheres Fleisch genießt. — In Königsberg, wo Montefiori auf seiner Reise nach Petersburg mehrere Stunden verweilte, erregte sein Erscheinen eine ungewöhnliche Sensation und Alles eilte nach dem deutschen Hause, seinem Hotel, um ihn wenigstens zu sehen. Von den Juden waren ihm mehrere Ehrenbezeigungen zugedacht worden, die er aber zurückwies. — Mehrere Israeliten in Baiern haben am 16. März eine Audienz beim Könige gehabt und ihm eine Denkschrift über die Verhältnisse der Juden überreicht. — Der vorhinnige Aschaffenburger Rabbiner, bekannt durch den Bann, mit welchem er einen seiner Pflrgbefohlenen belegte, hat die Erlaubniß zur Betreibung eines Waarengeschäftes mit offenem Laven in Aschaffenburg erhalten, nachdem er seine .Fähigkeitsprobe abgelegt und bestanden hatte. — Bei den Consistorialwahlen in Strasburg entspann sich ein heftiger Kampf zwischen den Anhängern des Fortschrittes und des Stillstandes, der aber zu Gunsten der ersteren ausfiel, in der Hoffnung, daß auch bei den elfässischen Juden bald zeitgemäße Reformen werden in Anregung gebracht werben. — Im Großherzogthum Luxemburg ist ein Jude, der Tuchfabrikant Samson Govchau, zum Bürgermeister ernannt worden. Die Dauern legten ihre Freude darüber durch einen Ball und festlichen Aufzug und einem dem neuen Bürgermeister überreichten Ring an ven Tag. — Die Stadtverordneten in Posen haben die bisherige Besiimniung in der dortigen Stadtordnung, wornäch nur ein Scchstthril oder 4 Juden in die Versammlung gewählt werden können, aufgehoben. Erklärung an Hrn. vr. Anb. Ihrer Aufforderung in Nr« 8 dieses Blattes entsprechend, erkläre ich, daß meinem Sendschreiben an Sie vorläufig nichts weiter folgen soll; indem ich mir das, was ich gegen den Schluß Ihrer Abhandlung im 12. Heft der Frankcl'schen Zeitschrift zu sagen hätte, auf eine andere Gelegenheit vcrsparen muß. Ucber die Idee des Sabbathß bin ich mit Ihnen so ziemlich einverstanden (vergl. Messiaslehre des Juventhums, Predigt 11). Weniger über die aus dieser Jvee gezogenen Schlußfolgerungen. Am allerwenigsten aber mit der Stellung, welche Sie der Bejchneivung anweisen, da alsdann das Gebot der Beschncidung nach unv nicht vor dem der Sabbathfeier hätte gegeben sein müssen. KQOr6 Hl Hochachtungsvoll, Ihr ergebenster Samuel Hirsch. Luxemburg, 25. März 1846.

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