Der Israelit des neunzehnten Jahrhunderts
- Journal
- Der Israelit des neunzehnten Jahrhunderts
- Volume
- 7 (1846)
- Issue
- Heft 14 (5.4.1846)
- Date
- 1846-04-05
- Page
- – (sequence 11)
- Language
- German
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Vorkommen müsse»; wir verla»ge» von ih«, als ernstem Mkmne, Gerechtigkeit, vnd dahingefchwundcne Zeiten, dem» eine U'ebevolle Pflege ohnedies nicht mehr nütze» kaun, müßten im wahren Lichte dargestellt werden. Wenn ich es offen bekennen soll, so vermisse ich gerade, z« meinem Bedauern, diese volle Unparteilichkeit in dem vorliegenden Werke. Schon die Verdienste der Karaer möchte Zunz schmälern. „Seit Saadia", heißt es S. 104, „war der Kampf gegen die Karäer, die sich mit dem Verständnisse der Schrift besonders viel wußten, ein sehr bedeutendes Moment, welches antrieb, den Sinn der alten Vorschriften zu erforschen, damit die überlieferte Auslegung gerechtfertigt werde, und in den Geist der Propheten einzudringen, um die karäischen Angriffe auf die Hagada... zurückweisen zu können." Hr. vr. Zunz ist zu gelehrt und zu bieder, als daß er diese bedeutsame Anregung der Karaiten — auf welche in neuester Zeit besonders hingewiesen war*) — ganz hätte übergehen können, wie es etwa Sachs in seiner oberflächlichen romantisch-ästethifirenden Weise thut.**) Allein die volle Bedeutung vindicirt er dieser Erscheinung nicht, will er ihr nicht viudiciren. „Sir wußten sich besonders viel mit dem Verstänvnisse der Schrift"; soll dies etwa einen Tadel, Hochmuth und Dünkel ausdrückend Aber seit wann verlangt man von einer religiösen Secte, daß sie ihr unterscheidendes Merkmal, eine neugefundene, von Andern nicht genug gewürdigte Wahrheit nicht mit aller Schärfe und mit allem Nachdrucke hervorhob? Der Historiker hingegen darf nicht mehr von dem Parteigeiste der alten Kämpfer erfüllt sein, um an dem Gegner vas Gute nicht anerkennen zu wollen, es wenigstens zu bemäkeln und die Gesinnung zu verdächtigen; er muß hoch über den Leidenschaften stehen, in beiden das Ringen anerkennend, aber der Wahrheit freudig die Ehre gebend. Daß Zunz gewissermaßen hrute noch ein kampfgerüsteter Saadias dem alten Salomon b. Jerucham grollend entgegenttitt, gibt der ganzen Darstellung etwas Schiefes. Zedoch wir kommen nunmehr zum eigentlichen Thema der zweiten Abhandlung, zur mittelalterlichen literarischen Thätigkeit der jüdischen Gelehrten in Frankreich und Deutschland. In diesen Ländern war die cigenthümliche nationald-.Cultur zurückgeblieben und der noch nicht hervorbrechcnde selbstständige Bolksgeist vermochte keine gedeihliche Pflege der Wissenschaft zu erzeugen; die lateinische Kirche war allein das Gefäß, in welchem den Gelehrten fremde Literatur dargebracht wurde, und es mußte die Religion, nicht als die höchste Blüthe des eignen Denkens, sondern als ein *) Vrgl. wiss. Zeitschr. f. jüd. Theol. V. S. 271 ff. **) Die relig. Poesie re. S. 189 ff. und die ganz gelegentliche Erwähnung 'Anan's S. 191. A. 2. Angeeignetes, leblos ausgenommen werden und die Geister so um» spannen, daß sie in ihren Formen gefeffett eiuhergingen und die ganze Thätigkeit nicht a»f dere» innerliche Durchdringung, sonder» auf dere» äußerlich« Ausarbeitung verwendeten. Bon dieser Scholastik konnte sich die spätere Zeit nicht so leicht befreien, und diese harte Arbeit des Mittelaltergräbt noch ihre Spuren tief in die Gegenwart ein. Die Juden folgten auch hier ganz der allgemeinen Richtung. Auch sie kannten keine andere Aufgabe, als das Erbe des Morgenlandes in der Behandlung ihrer Religion aufzunehmen, in jedes einzelne Stück derselben sich zu erproben, nicht in geistiger Fortentwicklung sie fruchtbar zu machen, sondern ihre Formen mit unendlichem Fleiße und Kraftaufwand« zu erweitern, und fiir die Juden noch mehr als fiir die Christen ist diese Zeit folgenschwerer geworden, da der äußere Druck sie länger auf diesem Standpunkte erhält. Der Berf. gesteht dies im Allgemeine» selber zu. „Da die Alles verschlingende christliche Hierarchie, sagt er S. 159, „das Leben der Europäer in sich aufnahm, versteht sich mit Ausnahme der Juden:, so identificirte die Kraft des Gegendrucks das Leben der jüdischen Kirche mit dem ihrer Genossen» und den Juden verwandeltesich Wes, was gedacht und empfunden wurde, in ein religiöses, d. i. in ein ausschließendes. Nur in dem europäischen Süden hat die arabisch-griechische Cultur dieser einseitigen Richtung entgegenwirken, im Norden des Lebens stets sich verjüngende Gewalt einigen Raum erobern können. Annullirte das Christenthum die Juden, so annullirte das Judenthum alle übrige Welt." Einseitig und ausschlleßend war demnach die geistige Thätigkeit jener Gegenden, und das jüdische Element ward daher auch nicht in seiner lebendigen, allseitigen Fülle erfaßt, welche es nur bei einer wahren Frische des gesamm» ten Geisteslebens entfalten kann. Diese deutsche und französische Richtung mit dem Berf. unmittelbar vor und nach dem angeführten Satze eine „specifisch-jürische" oder gar eine „national-jüdische" zu nennen, ist man daher durchaus nicht berechtigt; sie ist vielmehr eine des eingeengten Jndenthums, eine Richtung, welche aller volksthümlichen Bildungs-Elemente entkleidet, dir religiöse Corporation an die Stelle des frisch alle Lebeosverhältnisse durchströmenven Nationalen setzt, dadurch aber gerade das Religiöse mit ungeeigneten Elementen zersetzt und trübt. Wenn nun diese Epoche die freie Entfaltung des geistigen Lebens mit deren herrlichen Früchten »ns keineswegs vorführt, so bleibt sie doch von großer Wichtigkeit, tbcils weil sich in ihr doch ein beharrliches und ansgedachtes Streben in ihrem verengten Gebiete zeigt und daher an und für sich die Aufmerksamkeit des Gcschichtforschers verdient, theils aber weil sie so wesentlich das ganze Leben der folgenden Jahrhunderte beherrschte und uns heute noch umklammert; die Namen