Der Israelit des neunzehnten Jahrhunderts
- Journal
- Der Israelit des neunzehnten Jahrhunderts
- Volume
- 7 (1846)
- Issue
- Heft 14 (5.4.1846)
- Date
- 1846-04-05
- Page
- – (sequence 10)
- Language
- German
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66 ratur nicht mehr in vollem Maß« kundig geblieben. Aber ihr Einfluß war ein höchst wichtiger, und auch diesen Schleier hat die neueste Zeit ciu wenig zu lüsten gesucht. Die von ihnen ausgegangene Anregung hatte großartige Nachwirkungen auf die Rabbiniten; allgemeinere phüosophische und wissenschaftliche Studien drangen auch bei ihnen ein, nüchternere Erforschung ihres Alterthums durch Anbau der Grammatik, Lexikographie und Eregese beschäftigt sie, und sie werden zu Versuchen getrieben, ihr berefts festgewordenes System mit den neu gewonnenen Resultaten auszusöhnen. Aus dieser weitverbreiteten Thätigkeit find uns nur Trümmer geblieben, und auch hier sorgt erst die neueste Zeit, die andern bisher unbeachteten Trümmer aufzugraben und sie mit den schon bekannten zu einem Ganzen zusammenzufügen; die Werke des Saadias Gaon, des Menachem den Seruk, des Dunasch (Adonim) b. Librat Ha-Levi werden erst allmälig wieder bekannt, aber der Vorzeit waren sie Lehrer und Führer. Unterdessen waren andere Gegenden, welche nicht unter der Herrschaft der Araber standen,' ihren Weg unbewußt fortgewandelt und hatten von den neuern Richtungen des Morgenlandes wenig Kenntniß erlangt, während die Juden Jaliens doch durch die noch nicht ganz gesunkene Cultur dieses Landes auch eine höhere Thätigkeit entfalteten. Bald aber tritt Europa an die Spitze der Bewegung, und es scheiden sich in ihm die zwei verschiedenen Culturzustände des arabischen Mittelalters, das die Wissenschaft bewahrte und förderte, und des christlichen, das wild durcheinander brauste. Die spanischen Juden nahmen das volle Erbe ihrer afiattschen und aftikanischen Brüder auf und wußten es durch gedeihliche Pflege immer werthvoller zu mar! en, die französischen und deutschen konnten die Vielseitigkeit derselben sich nicht aneignen, vertieften sich iu die eine talmudische Richtung, und blos ausgezeichnete gesunde Geister folgten zuweilen ihrem richttgen Gefühle in der Bibelerklärung, ohne sich jedoch im Allgemeinen über ihre Zett- und Landesgenosscn erheben zu können. Die arabische Cultur sank, und die Nachkommen der spanischen Juden, wie die provenzalischen, welche mit ihnen in enger Berührung lebten, nahmen die alten Producttoneu nicht mehr als ein Lebendiges auf, es bliebeo ihnen blos alte Stichwörter, die Frische des Geistes versiegte, die'Philosophie ward zur Mystik, und die Kabbalah cntwickette sich wuchernd, mehr blühte Italien, das aber den harten Dogma.ttsmus nicht los werden konnte, und Frankreich und Deutschland versank noch tiefer und verlor selbst die Gesundheit eines unverdorbenen natürlichen Gefühles. So ging es abwärts, bis das Wiederaufleben der Wissenschaften auch den ttalienischen Juden Geschmack und Gelehrsamkeit zuführte, ja sogar die ganz neue Kritik erweckte rc.; der bald wieder stumpf gewordeue Geist ließ es zu keiner Gesammterhebung kommen, hie und da einzelne hervorragende Geister, die gleichfalls immer seltener wurden, so daß polnische Barbarei endlich ganz den Sieg davon zu tragen schien, als der deutsche gründliche Geist mit einem Male aus langem Schlummer sich auftüttelt und mit gewaltiger Kraft nie geahnte Wege bahnt. Auf diesem weiten Gebiete, voll der verschiedenarttgsten Erzeugnisse, hat der Geschichtforscher sich zu bewegen, und neben dem gründlichen Fleiße, der mit glücklichem Tafte ahnenden Sagacität muß ihm die höhere Auffassung der Geschichte und daher das ernste Bestreben einwohnen, den Faden aufzusuchen, welcher die Zeiten verschlingt und mit der Gegenwart verknüpft, wenn seine Arbeit nicht blos eine Sammlung von Materialien sein soll, und zugleich die strenge Unparteilichkeit, welche nicht mit vorgefaßten Meinungen der einen Richtung und gewissen Persönlichkeiten ihre Huldigungen darbringen will, sondern Lob und Tadel überallhin gerecht abwägt, nicht von apologetischen Tendenzen sich leiten, sondern aus den Thatsachen heraus die Geschichte reden läßt. Es ziemt dem Geschichtschreiber das milde Urtheil, das auch den Einfluß der Zeit im Allgemeinen berücksichtigt, das namentlich in der Geschichte des Judenthums wohl erkennt, wie der verhängte Druck die Geistesblüthen nothwendig knicken mußte und dem Schriftsteller nicht anrechnet, was die Tyrannei und die Rohheit verbrochen; aber wenn er die Personen entschuldigt, so wird er damit doch die verkehrte Rich- , tung nicht billigen können. Mag immerhin der Zorn des Unmuthes über den Dränger sich äußern, die Thräne des Mitleids über den auch geistig Gebeugten in seinem Auge glänzen: so weit darf jedoch sein Herz ihn nicht bestechen, die unverschuldete Entwürdigung als höhere Ausbildung anerkennen zu wollen. Wir mögen es rührend finden, wenn die liebende Mutter das von der Natur körperlich und geistig schlecht bedachte Kind mit doppelter Liebe umfaßt, ihm durch eifrige Pflege und Theilnahme einen Ersatz zu geben sucht für die unverschuldete Zurücksetzung, die es den Begabteren gegenüber erfahren muß, wir entschuldigen sic gerne, wenn.Efie, von ihrer hingebenden Liebe bestochen, selbst die Mängel übersieht, das verwahrloste Kind bevorzugt; aber wir werden die zudringliche Forderung, daß auch wir im Höcker eine zierliche Ausbildung, in dem stumpfen Sinne eine treuherzige Naivität, in dem Hasse gegen mehr Begünstigte einen gerechten Anspruch finden sollen, uns wahrlich nicht gefallen lassen und diese parteiische und die Grenzen des individuellen Gefühls überschreitende Liebe gebührend von uns abweisen. Der Geschichtschreiber darf uns daher gleichfallsnichtsolcheZumuthungen machen, seine Lieblingsneigungen werden uns als Schwächen