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Der Israelit des neunzehnten Jahrhunderts · 1846-04-05 · Heft 14 (5.4.1846) · page 12

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Journal
Der Israelit des neunzehnten Jahrhunderts
Volume
7 (1846)
Issue
Heft 14 (5.4.1846)
Date
1846-04-05
Page
– (sequence 12)
Language
German
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der Männer aus dieser Epoche, wenn auch nicht im Strahlenglanze einer vielseitigen Gelehrsamkeit, einer freien spekulativen Beweglichkeit prangend, haben sich dennoch mit dem Heiligenscheine der Autorität umkleidet und ihre Stimmen sind lange für Fragen des Lebens entscheidend gewesen und haben ihren gewaltigen Nachhall noch keineswegs verloren. Ihre Richtung und Entwicklung muß daher mit Ernst verfolgt, aber auch ihre Unfteiheit nachgewiesen, ihre mangelhaften Kenntnisse aufgedeckt, wenn auch ihre lichten Seiten mit Freude begrüßt werden. In diesem Sinne hat Herr Dr. Zunz vor 23 Jahren das Leben Raschi's beschrieben und in gleicher Weise habe auch ich vor nicht langer Zeit auf die verdienstlichen Leistungen dieser Schule aufmerksam gemacht; aber der Verf. thut sich selbst und mir Unrecht, wenn er vorgibt, er habe mü seiner Biographie ein kränkendes Unrecht, eine Folge der Reaction gegen alles Specifisch-Iüdische, gut machen wollen und ich hätte durch meine Hinweisung dieses Unrecht eingestehen wollen. Bei allem Fleiße, mit welchem jene-Biographie ausgestattet war, war doch nicht die Vorliebe, nicht dw Beschönigung sichtbar; vielmehr wurden Raschi's Mängel und Schwächen, die allerdings nicht seiner Persönlichkeit zuzuschreiben sind, gegenüber der ftühern unwissenschaftlichen Anpreisung desselben, nicht verschwiegen; daß ich in jenem Aussätze, bei der Hervorhebung der nicht so bekannten Thätigkeit einzelner ftanzöfischer und deutscher Gelehrten für nüchterne Bibelerklärung, nicht ein kränkendes Unrecht,^ das diesen geschehen sei, anzuerkennen bereit bin, wird der aufmerssame Leser jenes Aussatzes zugleich mit der Begründung finden. Anders fteilich der Verf. im vorliegenden Werke. Er ist Apo, - löget, nicht zwar ganz im Sinne Luzzato's, der nur au den Gelehrten Deusschlands und Frankreichs Frömmigkeit, Milde, Redlichkeit und Geistesklarheit zu bewundern weiß, die Gelehrten Spaniens hingegen der Hartherzigkeit eines philosophischen Dogmatismus , der Doppelzüngigkeit und Voreingenommenheit bezüchtigt; nein, er benützt auch diese, wo es der allgemein apologetische Zweck erfordert, z. B. wp es gilt nachzuweisen, daß das Iudenthum auch Nichtiudrn den Autheil am ewigen Leben zuerkennt (s. die vierte Abhandlung, VIII, S. 381 ff.) Allein ihm genügt es schon an der ernsten, eifrigen Thätigkeit, an dem Streben, den Geist anzubauen, die vorhandenen Schätze sich anzueignen, gleichviel, ob sie mit Geschick verwendet werden oder nicht. Nun mag wohl der Ernst nud der Eifer in der Wissenschaft sehr anerkennenSwerth, der angestrengte Fleiß eine Tugend sein; aber die Literaturgeschichte erzählt nicht von tugendhaften Männern, sie berichtet von den Männern deS Geistes, von den Männern, welche mit höheren göttlichen Funken erleuchtet, die Menschheit gefördert haben. Ein einzelner genialer Einfall,, der neue Gedankenwege eröffnet, Richtungen angebahnt hat, ist ihr mehr werth als das mühsarne, oder erfolglose Nachgraben und Umherwandeln ganzer Jahrhunderte. Die Handlanger mögen rastlos arbeiten, unv die Schwielen an ihren Händen unzählige sein; ohne den künstlerischen Plan wird der Bau nimmer ein wohlgefälliger sein. Hr. Dr. Zunz zählt jedoch gerade die Steine auf, welche zusammengetragen worden, er läßt uns den gekrümmten Rücken erblicken, mit dem die Arbeiter unter ihrer Last gekeucht haben, wir gewahren die Emsigkeit, welche geherrscht; aber einen Bau bekommen wir nimmer zu seh^n, kein Ziel der Arbeit wird uns sichtbar, kein erfrischender, belebender Gedanke erfreut uns als Resultat dieser vielfachen Geschäftigkeit. Wir erhalten allerdings, lange Auszüge aus Sittenbüchern (S. 130 bis 157) und lesen darin manche schöne Regel, manche gemüthliche Ermahnung, unv wahrlich, traurig wäre es, wenn bei den stets geistig beschäftigten Männern nicht höhere Prinzipien Wurzel geschlagen hätten, und dennoch hat die ganze Moral, wie nicht anders möglich, etwas Gedrücktes, Asketisches, und die Mangelhaftigkeit derselben, wie oft tritt sie uns in den zuriickgelassenen Stcllen — denn die Auswahl ist gar stark von apologetischen Zwecken geleitet — bitter entgegen! Wenn z. B. den Auszügen aus dem Buche der Frommen des Iehudah Ben Samuel dessen Testament, das voll Aberglauben und Kleinlichkeit ist, unbefangen gegenüber gestellt wird, wird da auch das Bild des Mannes uns noch so ungetrübt sein? Der Geschichtschreiber muß nicht eine Seite beschönigend hervorkehren und uns die andere bedecken; die redliche Wissenschaft verlangt die volle Darstellung des Mannes und der Zcit, und wird immerhin diese jenen entschuldigen, so.darf er doch nicht in unverdientem Strahlenglanze uns vorgeführt werden. Auch eine „Charakteristik" wird uns S. 157 — 213 dargeboten, und es sind hier Notizen der verschiedensten Art, aus den tiefsten Schachten mit gelehrtem Sammlerfleiße und ausgebreiteter Sachkenntniß hervorgeholt, trefflich zusammengestellt und zu einem wohlgeordneten Ganzen verbunden; aber gerade hier muß der Verf. die Schwäche der Leistungen eingestehen, „der Wiffensvorrath war äußerst beschräntt" (S» 177), mit dem Zeitalter Ascher's b. Iechiel „versiegte die schöpferische Kraft selbst auf dem halachischen Gebiete, und dem nach anderer Nahrung suchenden Geiste wurden Spitzfindigkeiten und s. g. Mpsterien derKabbalah gereicht." (S. 189.) (Schluß folgt.) Verlag der I. C. Hermann'schen Buchhandlung in Frankfurt a. M. — Druck von Krähe 4c Map in Offenbach.

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