Der Israelit des neunzehnten Jahrhunderts
- Journal
- Der Israelit des neunzehnten Jahrhunderts
- Volume
- 7 (1846)
- Issue
- Heft 14 (5.4.1846)
- Date
- 1846-04-05
- Page
- – (sequence 8)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
- OCR quality
- 98% known words query
- IRI
…/2566751-2567017-2567032--1964-2569823- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
Mentioned entities
OCR text
selten die Gunst der Eltern, wenn er es ernstlich und gründlich meint; denn der Wiener haßt nichts so sehr als die Gründlichkeit und den Ernst. Davon gibt Ihnen auch das religiöse Leben selbst den besten Beweis. Nirgends ist dasselbe wohl mehr von den beengenden Nitualgesetzen befreit, als bei uns, ja nirgends vielleicht die Grenze so ungebührlich überschritten, als hier; aber nirgends herrscht gewiß auch so wenig Bewußtsein davon, so wenig wahre Selbstständigkeit und ächte, gediegene Ueberzeugung, als hier, und zwar dcßhalb, weil eben nur der Lebensgenuß das Triebrad und das allein geltende Motiv dieser faktischen Befreiung ist. — Das habe ich vor noch nicht langer Zeit an dem Urtheile eines sehr angesehenen Familienvaters gesehen. Es war die Rede von dem israelitischen Bürger in Frankfurt a. M., welchem Rothschild die Annahme seiner Wechsel verweigerte, weil er sein Söhnchen nicht der blutigen Beschncivungs-Ceremonie unterziehen lassen wollte. Jener Familienvater meinte nun, das Verfahren von Rothschild sei nicht so strenge zu tadeln; die Frankfurter Reformer übertrieben es, indem sic selbst die zehn Gebote (der gute Mann glaubte, die Beschneidung gehöre zu denselben) nicht achteten. Der Hofmeister erlaubte sich, zu entgegnen, daß dieses ja bei dem Herrn Prinzipal noch mehr der Fall sei, indem doch die Feier des Sabbaths wirklich in den zehn Geboten vorgeschrieben, aber weder in noch außer dem Hause in irgend einer Weise beobachtet werde; ja seine Zöglinge gar nicht einmal etwas von der Existenz dieses Tages erfahren, indem nur an den katholischen Fest- und Feiertagen der Tisch reichlich besetzt, am Sabbath aber der alltägliche sei; worauf der Herr erwiederte, das ginge nicht gut anders. — Bei solchen Zuständen gibt es freilich Nichts zu berichten; es müßten denn Klage- und Trauerberichte sein, die aber auch ziemlich gleichförmig ausfallen würden. — Doch ich hoffe, unser Staatskanzler soll mir bald angenehmen Stoff darbieten; denn wie ich höre, soll derselbe wirklich damit umgehen, einige der drückendsten Beschränkungen, namentlich die blauen Zettel und die Zudensteuer aufzuheben. Auch bin ich fest überzeugt, daß trotz der Hemmnisse, die das Naturell der Wiener Juden darbietet, sie doch wiederaufgerüttelt und zur Prüfung ihrer selbst gelangen werden. Nur fürchte ich, daß, wenn dieses geschehen wird, die Ungarn, Mähren und Galizier den Bewohnern der großen Kaiserstadt bereits vorangegangen sein werden. Eine Predigt von vr. Geiger. (Aus Schlesien.) — Eben erst lese ich zufällig in einem jüdischen Blatte die Schilderung einer Predigt, welche Geiger in Breslau vor einiger Zeit gehalten. Der Referent hebt darin besonderer Anerkennung hervor, daß Geiger sich offen gegen die Feier der christlichen Weihnachten Seitens der Zuden ausgesprochen, verschweigt hingegen manches Andere, und da ich nun, weil gerade in Breslau anwesend, auch ein aufmerksamer Zuhörer jener war, so werden Sie mir auch gestatten, daß ich die Hauptgedanken derselben hier niederlege, da diese keineswegs veraltet, oder von lokalem Interesse, sondern überall und immer auf's Neue unfern Glaubensgenossen zu Gemüth geführt werden sollten. Geiger sprach über die Gedankenlosigkeit unseres heutigen Israel im Glauben sowohl, wie im Handeln und tadelte da besonders, daß jene Feier von Manchem mit einer Weise, mit einer Heiligkeit begangen werde, als wäre sie vom Sinai herab befohlen und diese Leute, welche so fromm und andächtig fremden Gebräuchen huldigen, wären es gerade, welche vor jeder besseren Einrichtung, die man unter uns einführen wollte, zurückschaudern, weil — sie auch unter andern Glaubensgenossen herrschten, mögen sie auch ursprünglich uns angehört haben. Sprechet doch einmal — fuhr der Redner fort — zu jenen Leuten, man solle dem Gottesdienste durch die Klänge von Instrumenten, durch die Töne der Orgel eine höhere Weihe geben, sofort hört ihr die Antwort Nimmermehr! das ist D’Wil mpn — Blicket doch auf jene Leute, die sich so unter ihren Brüdern eingebürgert fühlen, daß sie sich unmöglich ihren Sitten und wären diese auch noch so sehr fern von jüdischer Anschauungsweise, entziehen können, wie sie dennoch täglich vor dem Herr die Lüge aussprechen können, daß sie nach Zion zurück sich sehnen, daß sie bei Posaunenschall vereint nach Jerusalem wandern wollen! — Sehet doch jene Leute, die von der Heiligkeit des Sabbaths, wie er in früherer Zeit begangen wurde, kaum noch eine Ahnung haben, die jede mögliche Freiheit sich an demselben erlauben, sich ganz ihren Geschäften hingebcn, welch' ein Zetergeschrei sie erhoben, als in jüngster Zeit ein Rabbiner faktisch einen kleinen Sabbathgebranch aufhob, der kaum irgend eine Geltung im Iudcnthum beanspruchen kann. — In dieser Weise sprach der begeisterte Redner und brachte auf alle, die ihn hörten, den tiefsten Eindruck hervor. Mit Spannung sieht man in unserer Provinz der nächsten Rabbiner-Versammlung in Breslau entgegen, und, wie hochgestellte Männer versichern, dürfte die Erlaubniß zur Abhaltung derselben recht bald erfolgen. Daß das Obervorstcher-Collegium sie mit allen ihm zu Gebote stehenden Mitteln begünstigen werde, läßt sich von den aufgeklärten Mitgliedern desselben wohl erwarten, und was vor einiger Zeit ein jüdisches Blatt über die Stellung, welche diese Behörde gegen die Rabbiner-Versammlung einnehmen werde, berichtet, bedarf daher kaum der Widerlegung. Verlag der Z. C. Hermann'schen Buchhandlung in Frankfurt a. M. Druck von Krähe & May in Offenbach.