Der Israelit des neunzehnten Jahrhunderts
- Journal
- Der Israelit des neunzehnten Jahrhunderts
- Volume
- 7 (1846)
- Issue
- Heft 14 (5.4.1846)
- Date
- 1846-04-05
- Page
- – (sequence 7)
- Language
- German
- Belongs to
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111 Tallis die Bedeutung von Kleid, und dieses den Schnitt eines Burnus hatte, und find nicht Schuld daran, daß ihn seine gründlichen Untersuchungen noch nicht auf dieses Gebiet und zu einem Resultate geführt haben, das Horace Vernet in seinen neuesten alttestamentarischcn und algerischen Darstellungen unbewußt gefunden hat. Grade das Fortbestehenlassen alter Mißbräuche, die Nachsicht mit anerkannten Vorurtheilen dient dazu, diese zu verewigen und auf Kind und Kindeskind zu vererben, und weil die Einfichtigern großentheils zu gleichgültig oder zu rücksichtsvoll find, ihnen offen entgegen zu treten, ist es gut, wenn fich Jemand findet, der sich nicht scheut, öffentlich das Ding bei seinem wahren Namen, den Hinz einen Kater, und den Tallis einen Burnus zu nennen. Die mit diesem Wesen noch behafteten gläubigen Juden zerfallen in wilve und zahme. Die Wilden lesen überhaupt nicht und am wenigsten diese Blätter, sie nehmen von dem, was Frevler unsres Gelichters sagen, keine Notiz und daran keinen Aerger; erpichter, in etwas gewagter Umschreibung, mehr Pech als sie schon find, können sie ohnehin nicht wohl werden; glücklicherweise fängt in Deutschland diese Gattung, wie in den norvamerikanischen Freistaaten die der Rothhäute, sich allmählig zu verlieren an. Die Zahmen hingegen find schon zu einer richtigeren Würdigung der Verhältnisse und größeren Nachgiebigkeit gekommen; scharfe Aeußerungen gegen von ihnen noch mitgemachte Ceremonien und Gebräuche berühren sie freilich zuerst unangenehm, sie gewöhnen sich aber daran und hören sie endlich mit dem Gleichmnthe, an den sie sich in der Beziehung in ihren Familien und nächsten Umgebungen ohnehin gewöhnen muffen, werden jedoch durch sic unwillkührlich zum Nach- und Selbstdenken veranlaßt, und finden, daß manches, in dessen unmittelbare Abstammung vom Himmel sie bisher keinen Zweifel gesetzt, vom Moder der Jahrhunderte, der es als Heiligenschein umgibt, gereinigt, sich sehr irdisch auönimmt. Die Gleichgesinnten aber, welche an solcher Rede nichtsdestoweniger einen Aerger nehmen, sind entweder im Innern noch nicht ganz vorurtheilsfrei, finden in solcher einen Tadel ihrer lächerlichen Jnconsequenz, oder gehören zu der Klaffe von Philistern, welche sich für Diplomaten halten und mit dem Krähwinkler Landsturm nur langsam vorangeschritten wissen wollen. Endlich hat der Arzt nur darauf zu sehen, daß seine Medicin wirke, und nicht, daß sic dem Kranken auch munde. — Gegen den Menschen alle mögliche Toleranz, auch in Allsübung sinnloser Ceremonien und Gebräuche; keine aber gegen diese selbst, weil sie als Zeichen und Folge geistiger Unmündigkeit oder Knechtschaft die Menschheit entwürdigen und deren naturgemäße Entwicklung hindern. Ihr Correspondcnt und Sic selbst werden vielleicht von dieser Rechtfertigung sagen oder doch denken: NüH *C, wir hätten Uebel ärger gemacht, allein wir lassen Ihnen Ihre, lassen Sie uns unsre Ueberzeugung und unsre Weise. Jüdische Zustände. (Wien, im März.) — Wenn Sie ein Bild von den hiesigen jüdischen Zuständen haben wollen, so müssen Sie nur an die Wiener selbst und ihr ganzes Wesen denken, und es ist Ihnen zugleich das Räthsel gelöst, warum von hier aus so selten eine Correspondenten-Fever in den jüdischen Journalen bemerkbar wird. Die Wiener lieben es, fich zu amüsircn, die Wiener find auch ge» scheidt, betriebsam, gutmüthig, wohlthätig, ja großherzig und äußerst ansprechend und liebenswürdig in ihrer äußeren Erscheinung, aber von der Metaphysik wollen sie nichts wissen, tiefere Bildung und religiöser Ernst find ihre Sache nicht, und noch weniger eine Gefinnungstüchtigkeit, oder eine Begeisterung für die großen Fragen, die das übrige deutsche Judenthum bewegen. Man liebt die Kunst, weil sie den Lebensgenuß erhöht und ihr hat man auch im jüdischen Tempel eine Stätte eingeräumt und einen herrlichen Chor errichtet und in Herrn Sulzer den größten Tenoristen in Deutschland als Vorsänger angestellt mit einem Einkommen von nahe an äOOO fl. Conv.-M.; unv so oft der Sabbath beginnt, strömen nicht nur Juden, sondern auch hochgestellte Beamte, Künstler, Grafen und Barone in den jüdischen Tempel und entzücken sich an dem seltenen Gesang; aber an eine wahre Umbildung des Gottesdienstes, an eine Beseitigung seiner mittelalterlichen unv orientalischen Bestandtheile haben nicht nur die Künstler, Grafen und Barone, sondern auch die Wiener Juden nie gedacht und werden auch nicht sobald daran denken, mögen die Rabbinervcrsammlungeu auch mit dem besten Beispiele vorangehen. Man hat ferner in l)r. Mannheimer dem Tempel einen Prediger gegeben, der hoch hervorragt unter seinen Eollegen; aber eie Wiener führen doch mehr die Gedankenblitze, die überraschenden Wendungen, die sinnigen Gleichnisse, der Schwung, Witz und der Scharfsinn des Redners, überhaupt mehr der Genuß, als die Erbauung, welche er bietet, in den Tempel. Der Jugendunterricht tragt auch ganz das Gepräge des Wiener Charakters. Neben der öffentlichen Schule, die aber meistens nur von den ärmeren Kindern besucht wird, eristiren noch in fast allen großen Häusern Hofmeister, und überall sorgt man meistens nur dafür, daß die Kinder, welche alle die öffentlichen Prüfungen mitmachen müssen, gute Censuren erhalten, was bekanntlich nicht so schwer, für ihr Fortkommen aber sehr ersprießlich ist — imgleichen, daß der Hofmeister ein feines, gebildetes Benehmen habe; mit dem Unterrichte selbst wird es aber so streng nicht genommen; ja der Hofmeister verliert nicht