Der Israelit des neunzehnten Jahrhunderts
- Journal
- Der Israelit des neunzehnten Jahrhunderts
- Volume
- 7 (1846)
- Issue
- Heft 14 (5.4.1846)
- Date
- 1846-04-05
- Page
- – (sequence 3)
- Language
- German
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107 bedeutende Umschaffungen erfahren hat. Vergebens stell« ten wir es vor Augen, wie die beiden jetzt allgemein üblichen Formen des Gottesdienstes unter den portugiesischen und deutschen Juden sich wesentlich von einander unterscheiden in der Abfassung fast jedes Gebetes und in der Anordnung der Gebete im Ganzen. Nicht eine dieser ernsten, feststehenden Tbatsachcn wurde bestritten, ja man versuchte es nicht einmal, sie zu bestreiten. Der Bannfluch war die einzige Erwiederung, die den geistlichen Häuptern passend schien. Der Beschluß des „Cberem" wurde bekannt gemacht, ans Sätze gestützt, die durchaus in schroffem Widerspruch standen mit jeder gründlichen Beurtheilung und dem wirklichen Sachverhältniß. Den Gläubigen wurde streng verboten, das Gebetbuch zu gebrauchen, und um dem Ganzen die Krone aufzusctzen, wurde öffentlich erklärt, daß jedes Gebet und demütbige Anflehen, das man aus jenem Buche zum Allgnädigen und Allbarmberzigen richten möchte, vor ihm keine Genehmigung finden würde; vielmehr würde es eben vor dem Throne der Barmherzigkeit angerechnet werden als Gotteslästerung und Sünde. Ihr könnt nicht umhin, Brüder, uns die Nächstenliebe und Schonung zu bezeugen, womit wir uns gegen solche herausfordernde Verletzungen verhielten. Sehr leicht konnten wir die Grundlosigkeit der Verketzerung darthun; wir konnten ganz klar die Angabe widerlegen, daß alle jetzt unter Juden üblichen Gebete wären von den Männern der großen Synode verfaßt und unverändert durch Ueberlieferung zu uns gelangt, wenn wir blos auf die vielen Formen des Gottesdienstes Hinweisen, die bei weitem den größern Theil bilden in der Menge von Gebeten, Lobgesängen und den vielfachen Stücken unter solchen Namen, und die jedoch unmöglich ein Datum beanspruchen können vor dem neunten Jahrhundert der gemeinen Zeitrechnung. Wir konnten ferner zeigen, daß da die Form des GebetcA der portugiesischen Juden bedeutend verschieden ist von der der deutschen, so ist es ein wörtlicher Widerspruch für die erster», auf die göttliche Eingebung ihres Rituals Anspruch zu machen, ohne zugleich dieses Vorrecht den andern abzusprechen; und eben so sehr widersprechen sich die deutschen Juden, die unmittelbar göttliche Abstammung ihrer Formen des Gottesdienstes zu behaupten, ohne durch eben dieselben Beweise einräumen zu wollen, daß die Gebete ihrer Brüder in der portugiesischen Synagoge nicht von Gott eingegeben sind. Jedermann, der durch die Gabe der Vernunft fähig zu unterscheiden zwischen voreiliger Behauptung und gründlich überzeugender Beweisführung, muß einsehen, daß der Ckerem, gerichtet von vr. Hirsche! gegen unser Gebetbuch, unter dem Einwand, daß die allgemein üblichen Betformeln festgeftellt seien von den Weisen der großen Synode (unter denen einige unsrer Propheten waren), und daker mit Recht betrachtet werden als völlig göttliche Eingebungen, daß ein solcher Cherem nicht nur ohne genügendes Nachdenken, obne Sorgfalt hingestellt wurde, sondern daß auch die Grundlage, auf die man ibn zu stützen suchte, äußerst grundlos ist. Wie durch ihre Beweisführung gänzlich unrichtig, war die „Warnung" auch nicht besser gestützt durch das Beispiel eiues solchen Verfahrens in ähnlichen Fällen bei andern jüdischen Gemeinden. Bis zum Datum der Urkunde, über die wir so eben unsre Bemerkungen machen, hatte man es unsres Erachtens, wie als Grundsatz aufgestellt, daß schon eine bloße Abänderung des Rituals, ganz abgesehen von der innern Beschaffenheit derselben, gleich wäre einem gänzlichen Abfall von Israel. Hätte man sie wirklich als solchen betrachtet, wie sollen wir es erklären, daß seit Jahrhunderten unter Israeliten verschiedener Länder eine Menge verschieden abgefaßter Gebetbücher gleichzeitig gebraucht werden, ohne deshalb die Einheit Israels irgendwie anzutasten? Wie sollen wir die widerstreitenden Verschiedenheiten erklären, welche in unfern Tagen und innerhalb eben dieses Trtes Statt finden zwischen dem Rituale der deutschen und dem der portugiesischen Juden, wenn diese nichtsdestoweniger verharren in ungestörter Glaubensgemeinschaft? In vielen Städten Deutschlands haben unsere Brüder in ihre besondere Rituale Veränderungen ausgenommen, welche an Umsang und Charakter die unfern bei weitem übertreffen. Ware nun jeder besondere Fall solcher Veränderungen mit dem Bannfluch heimgesucbr, wie es gegen uns geschehen, so wäre das JudcntKum mit einem Hiebe in Bruchstücke zerschlagen; es müßte sich im civilisirten Europa als aufgelöst erklären, und so würde der Haß der ärgsten Feinde unseres uralten Glaubens durch unfern eignen Wahnsinn gesättigt sein. Daß dies nicht erfolgt ist, kommt daher, daß man einen