Der Israelit des neunzehnten Jahrhunderts
- Journal
- Der Israelit des neunzehnten Jahrhunderts
- Volume
- 7 (1846)
- Issue
- Heft 13 (29.3.1846)
- Date
- 1846-03-29
- Page
- – (sequence 10)
- Language
- German
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endliche und vergängliche Bedeutung nothwendig begründet. Der Satz: Israel sollte der Träger der göttlichen Offenbarung für die Menschheit sein, ist im Munde der geschilderten orthodoxen Ansicht eine große Unwahrheit, da diese Menschheit nicht durch diese in Israel niedergelegte Offenbarung Gottes allmählig erleuchtet, erzogen und auf eine höhere Stufe der Gotteserkenntniß auf dem Wege geschichtlicher Entwicklung gehoben, sondern durch den Messias mit Gewalt bekehrt werden soll. Die crthovore Ansicht muß, wenn sie nicht durch eine an den Tag gekommene Unwahrheit den letzten Rest von Ansehen einbüßen soll, es geradezu aussprechen: Israel sollte nicht der Träger der göttli. chen Offenbarung für die Menschheit, sondern nur für sich selbst sein und es bis in die Ewigkeit mit Ausschluß aller übri« gen Menschen bleiben. Sieht sie sich aber zu diesem Geständniß -ingedrängt, so dürfte es nicht schwer werden, ihr den Widerspruch aus der Bibel selbst entgegenzuhalten. Die heilige Urkunde beginnt mit der Schöpfung der Welt und des Menschen, den Gott in seinem Ebenbilde geschaffen. In dieser einen Thatsache, welche die Urkunde so scharf betont, ist all die Liebe und väterliche Thellnahme Gottes für den Menschen als Menschen, d. h. als Ebenbild Gottes, in dem Umfange und der Innigkeit, wie sie im weitern Verlaufe der Schrift nur je für Israel ausgedrückt sich findet, offenbart, und ist, wie das lauteste Zeugniß von dem innigen natürlichen Bündniß zwischen Gott und dem Menschengeschlecht, dessen Wesen Liebe ist, so auch die Grundlage aller spätern Bündnisse, die zwischen Gott und Menschen'je errichtet worden sind. Das erste Menschenpaar führte Gott inö Paradies und verlangte von ihm die Befolgung eines Gesetzes das, wenn auch nach allen darüber versuchten Erklärungen uns ein unenträthseltes Geheimniß geblieben, deshalb den Bethciligten selbst keincswegrs ein unbegreifliches und unbegriffenes gewesen sein mußte. Aus dieser ganzen Begebenheit mit ihren Folgen wie aus der Geschichte von Kain und Hebel geht das eine als gewiß hervor, daß Gott die Menschen als Menschen, d. h. seine Kinder liebt, für ihre physische und moralische Wohlfahrt sich intcrcssirt, sie durch väterliche Ermahnung zum Guten erzieht und an ihrer reinmenschlichen Veredlung ein väterliches Wohlgefallen finret. Wenn später das sündige Geschlecht durch die Fluth vertilgt und Noah mit seiner Familie errettet worden, so läßt uns die heilige Urkunde einerseits über die Beschaffenheit des Guten und Bösen, der Sünde und Tugend nicht in Zweifel, andererseits gilt die dem Geschlechte Noahs erhaltene Liebe keinem andern als dem Menschen, welcher jenes natürliche ursprüngliche Bündniß , das in der Ebenbildlichkeit Gottes offenbart worden ist, nicht durch Sünde und Abfall zerstört hat. DaS nach der Fluth mit der Schöpfung und der erretteten Familie Noahs erneuerte Liebesbündniß gilt wiederum in dem die letztere betreffenden Theile lediglich dem Menschengeschlecht als solchem, dessen Repräsentanten eben jene Familie, wie einst das erste Menschcnpaar war. Wie dies erneuerte Bündniß in dem ursprünglichen der Ebenbildlichkeit Gottes im Menschen seine natürliche Wurzel hat, so ist dieses wiederum Grundlage und Voraussetzung aller spätern zwischen Gott und Menschen eingegangenen Bündnisse, deren in der Bibel Meldung geschieht. Nach vielen Verirrungen und Schicksalen der ersten Menschengeschlechter tritt Abraham als Repräsentant der Menschheit, als Mensch par excellence, der dem Bündniß der Ebenbildlichkeit Gottes treu geblieben, wieder in ven Vordergrund. Mehr als alle seine Vorgänger fühlte er als Mensch sein inniges Verhältniß und seine Gemeinschaft mit Gott, dem Schöpfer der Welt, den er in seiner Einheit und Geistigkeit, als einen persönlichen Gott mit einem heiligen Willen an die Menschheit erkannte und dessen Namen er lehrte. Wenn Gott mit Abraham ein besonderes Bündniß geschlossen und ihm seine Nachkommen betreffende Verheißungen gegeben» so hat dies nach dem Zeugniß der Schrift (1. M. 15. 1. 18, 19) in dem Wohlgefallen Gottes, dieses wieder in dem persönlichen Verdienst Abrahams seinen Gmnd. Dieses Verdienst bestand in nichts Anderem, als in reinmenschlichem Wandel, in Uebung von Tugend und Gerechtigkeit und in der rechten Erkenntniß von Gott und dessen heiligem Willen. Nichts Anderes als dieses brachte Abraham seine Erwählung und die damit verknüpfte seinen Nachkommen geltende Verheißung zu Wege. Ständen alle Menschen auf der Stufe der Erkenntniß und der Tugendhaftigkeit Abrahams, so hätte Gott ihn nimmer besonders auserwählen können, denn nur der vor allen Andern ausgezeichnete ist auch der vor allen Andern Auserwählte, und wenn Gott vermöge seiner Gerechtigkeit jeden Einzelnen nach Verdienst belohnen und nach dem Sinne der Schrift diese Belohnung auf die Nachkommen sich erstrecken müßte, so könnte doch eben in Folge dieser Gerechtigkeit diese Belohnung, nur so beschaffen sein, daß sich zwar Alle dabei Nach Verdienst belohnt fühlten, doch Alle bei gleichem Verdienst auch gleichmäßig belohnt würden und daher kein Einziger vorzugsweise sich belohnt fühlte. Wenn Gott daher an dem ausgezeichneten Menschen, an Abraham, ein ausgezeichnetes Wohlgefallen gefunden, so kann doch unmöglich bezweifelt werden, daß Gott es lieber gesehen hätte, daß alle Menschen gleich Abraham ausgezeichnet wären und Alle gleich ihm einer ausgezeichneten Belohnung sich würdig gemacht hätten, das heißt, cs kann vermöge des Wohlgefallens, das Gott an Abraham gefunden, welches nach dem Zeugniß der Schrift kein parteiisches und willkührliches, vielmehr ein gerechtes gewesen,