Der Israelit des neunzehnten Jahrhunderts
- Journal
- Der Israelit des neunzehnten Jahrhunderts
- Volume
- 7 (1846)
- Issue
- Heft 13 (29.3.1846)
- Date
- 1846-03-29
- Page
- – (sequence 8)
- Language
- German
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104 — Unter den Beschwerden an die baierische Stände-Versammlung befindet fich auch eine der jüdischen Gemeinde zu Floß, in der Oberpfalz darüber, daß der dortige Landrichter fich erlaubt, jeden Hanvclsjuden, der länger als eine Nacht innerhalb der Landgerichtsgrcnzcn bleibt, sofort in Arrest zu setzen, over mit Geldunv Prügelstrafen zu verfolgen; daß die dortigen Juden noch fi. 1. 30 kr. Schutzgelv für den Kopf zahlen müssen, und daß die Verwaltung Beschlüsse über Las jüd. Cultusvermögen faßt, ohne zu den betreffenden Berathungen nur den Cultuspfleger zuzuziehcn. — — Montcfiori will nach Petersburg reisen, um vom Kaiser ein milderes Loos für seine russischen Glaubensgenossen zu erbit. ten. Er ist mit starken Empfehlungen der britischen Regierung versehen. Die revue illsepeuckante über Juden. (Paris.) — Ich glaube mir den Dank Ihrer Leser zu verdienen, wenn ich Ihnen heute Einiges von dem mittheile, was die „revue luckepensaute" vor einiger Zeit über die Juden Europa's gebracht. Arago, Michelet, Lerour, G. Sand u. A. find Mitarbeiter an genannter Revue und dieser Umstand bestimmt schon ih. ren Werth. Diese Männer scheinen es sich zur Aufgabe gemacht zu haben, ihrer Nation den Fortschritt des Judenthums vor Augen zu führen. Die französischen Juden haben in jenem Aufsatze eine ganz besondere Berücksichtigung gefunden, ohne daß jedoch die Zustände unserer Glaubensgenossen in dem übrigen Europa dadurch nicht gehörig gewürdigt worden wären. Der Verf. desselben geht in dem Eifer für den Fortschritt so weit, daß er die Maßregeln der russischen Regierung gegen die Gränzjuden ves Kaiserreichs sogar in Schutz nimmt, indem er glaubt, daß der Civilisation und Cultur unserer unglücklichen Glaubensgenossen, wenn auch nicht jetzt, so doch in Zukunft ein Dienst geschehe. Er schildert den Aberglauben und die geistige und moralische Verfinsterung der Unglücklichen mit raphaclfchen Farben, welcher Schilderung wir auch leider das Siegel der Wahrheit aufdrücken müssen. Der Aussatz beginnt mit den Worten: „Das jüdische Volk hat drei Männer hervorgebracht, welche auf die Geschichte der Menschheit einen unendlichen Einfluß ausgeübt haben. Moses, Jesus, Spinoza." Die mosaische Gesetzgebung wird von dem Verf. sehr gepriesen. Die Uebel, welche die nokhwendigen Folgen der modernen Institutionen find, hat sie durch ihre agrarischen Gesetze zu umgehen gewußt. Schmitha und Jobel sind jene beiden großen, prohibitiven Bollwerke gegen eine einbrechende Verarmung des Volkes. Daß Jesus dieses agrarische Gesetz nicht aufrecht erhielt, zeigt, daß er mehr Moralist als Staatsökonom war. Die neuere Zeit kömmt auf mosaische Jnstitulionen, wenn auch auf andern Wegen, zurück. Der nüchterne Fleiß. die milden Sitten und socialen Pflichten des Mosaismus werden besonders hervorgehoben.; Die Verfügungen hinsichtlich der Fremden waren liberaler, als die, welche in dieser Beziehung noch immer in Deutschland herrschen. Daß Moses der Einbildungskraft keine Qualen der Hölle jenseit des Grabes, daß er vielmehr Gutes und Böses auf den Schauplatz der Erve verlegt, dies zeigt, meint der Vers., von einer Weisheit und philosophischen Tiefe, von der wir noch immer lernen können. Der Talmud wird hier nicht, wie es neulich in Deutschland geschehen, als Fortbildung des Juventhums aufgefaßt, sondern als Verschlechterung desselben. Hat Spinoza auf die ganze Menschheit einen unendlich großen Einfluß ausgeübt, so erstreckte fich die Thätigkeit M. Menvelsohns zunächst auf die Juden. Was ferner von diesem großen Manne und seiner Schule gesagt ist, enthält für uns nichts Neues, so interessant es auch den christlichen Bewohnern jenseit des Rheines sein mag. Die Philantropine in Frankfurt a. M. nebst dem mit ihr verbundenen religiösen Cultus wird als die Vorläuferin des Reformvereins aufgefaßt. Die Glaubensartikel des Letzteren werden ausführlich mitgetheilt, und ihrer innern Wichtigkeit nach denen des Wittenbergischen Reformators an die Seite gestellt. I'Israellte äu äix neuvleme siöcle wird zwar nicht als Organ des Vereins, aber doch als das fortgeschrittenste unter den jüdischen Blättern bezeichnet. — Der Einfluß der Juden auf die wissenschaftlichen und politischen Bestrebungen Deutschlands ist nach genannter Revue von der größten Wichtigkeit. Auf das politische Leben Deutschlands haben besonders Börne und Heine und auf das wissenschaftliche die jüdischen Professoren an deutschen Universitäten einen unendlich großen Einfluß ausgeübt. Auch haben fich die Juden der periodischen Presse zu bemächtigen gewußt. Die politische Literatur wurde von Juden geschaffen; Börne sowohl wie Heine haben Cohorten von Nachahmern gefunden. — Bemerkenswerth ist es, daß ein katholisches Blatt, (die Augsb. Allg. Ztg.) in jener Reformfrage die Partei des Fortschritts ergriff, während eine protestantische Zeitung (die deutsche Allgem.) sich der talmu. dischen Juden annahm. Die Revüe sucht auf ihre Weise das beftemdende Faktum zu erklären und schließt ihren Bericht mit den Worten: Der Frankfurter Reformverein steht geharnischt und fest da, und wie die Menschheit niemals zurückschreitet, ohne einen desto stärkeren Anlauf zum Fortschritt zu nehmen, so wird auch dieses Faktum zur allgemeinen Civilisation der Menschheit das Seinige beitragen, da 3,929,500 Menschen (so viele Juden zählt Europa) in den Bildungsprozeß des menschlichen Geistes nach den Gesetzen der Weltgeschichte thätig mit eingreifen müssen. Verlag der I. C. Hermann'schen Buchhandlung in Frankfurt a. M. - Druck von Krähe & May in Offenbach.