Der Israelit des neunzehnten Jahrhunderts
- Journal
- Der Israelit des neunzehnten Jahrhunderts
- Volume
- 7 (1846)
- Issue
- Heft 13 (29.3.1846)
- Date
- 1846-03-29
- Page
- – (sequence 7)
- Language
- German
- Belongs to
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103 nach wahren Grund des Ansinnens unsres Rabbinen, ihm ein Confirmations - Patent für die hiesige Gemeinde zu erthcilen, dahin anzugeben, daß er von der Anziehkraft dieser einen öffentlichen religiösen Feier auch für den Besuch der andern ersprießliche Folgen hoffte. Wir bemerkten dies zur Entschuldigung des Herrn Stein, zur Entlastung desselben von schwereren Anklagen, würden uns jedoch nicht wundern, wenn wir erfahren müßten, daß es als Angriff auf denselben verstanden worden. Freilich darüber, was wir von der Stufe wissenschaftlicher und ästethischer Ausbildung, auf welcher Hr. Stein steht, mit Recht oder Unrecht halten, sind wir niemanden Rechenschaft schuldig, auch würbe es uns sehr freuen, wenn er uns in der Folge überzeugte, daß cs bei ihm nicht blos auf ihm zusagende äußerliche Reformen im Iudenthume abgesehen, sondern daß es ihm um eine zeitgemäße Reform des Iudenthums zu thun sey. Nur meide er künftig selbst den Schein der Wühlerei, und lasse er ein Institut wie die öffentliche Gemeindeschule, das nicht nur ihn, sondern das ganze gegenwärtige Rabbinatswesen bei uns zu überleben die Bestimmung zu haben scheint, unangefochten. Wenn unsere Schule dem unmittelbaren Einflüsse des Rabbinen ganz entzogen ist. so freuen wir uns des als einer glücklichen Errungenschaft, welche wir nicht aufzugeben Willens find, auch nicht aufgeben können, ohne eimn unseligen Rückschritt zu thun. Wer weiß es nicht, welche große Anstrengungen in der Christenheit gerade jetzt für Emancipation der Schule von der Kirche gemacht werden, und wir, die wir sie besitzen, wir sollten uns derselben entäußern dem Hrn. Stein zu Gefallen? Welche Anmuthung! Als ein benachbarter Rabbiner vor etwa zwanzig Jahren eine Schrift gegen das copernicanische System veröffentlichte, in welcher er zu beweisen suchte, daß die Sonne gehe, rieth ihm ein wohlmeinender Freund, er möge doch die Welt gehen lassen. Auch wir geben dem Hrn. Stein wohlmeinend diesen Rath; er thue, was seines Amtes, halte sich an seine Dienst- Instruktion, und lasse im übrigen die Gemeinde in Frieden. Hr. Stein hat Organisationstalent und Productionsvermögen, er hat sich um den Cultus in unserer Gemeinde bleibende Verdienste erworben. Allein non omnia possumus omnes, man muß nicht alles in allem sein wollen, sich vielmehr bei dem bescheiden, was Natur und Umstände anweisen. So eignet sich nicht jeder Religionslehrer, auch nicht jede Gemeinde, daß den Kindern der Religions-Unterricht auf die einfache und herzliche Weise ertheilt werden kann, wie nach Voßens Erzählung dereinst zu Flensburg von seinem Schwiegervater und Vorbilde zu dem Pfarrer von Grünau, dem alten Boie. „Nach einer lehrreichen Homilie im Volkston, ging er von der Kanzel zu den 80—100 Kindern, die im Gange gereiht standen, fragte auf und abgehend, und knüpfte daran irgend ein Stück des Katechismus, zuerst hochdeutsch, allmählig, wie er mit den Kindern sich erwärmt hatte, in der saffischen Herzenssprache, die er, ein Dithmarscher, und Nachkomme von Luthers Freunde Nico laus Boie, erstem evangelischemPrediger zu Meldorf, in alter Reinheit, nicht zu gemeinem Plattdeutsch entstellt, redete. Dann drängten sich die Alten an den Gang, dann öffneten sich^ die Stühle. Männer und Weiber traten hervor, und antworteten mit den Kindern." *) Wir wollen, nach dieser langen Abschweifung zu unserm Ausgangspunke zurückkehrend, in der Kürze unsre Ansicht dahin aussprechen, daß der Leser sich dem Ideengange des Schreibers anschließen muß, nicht aber dem eigenen folgen darf. (Schluß folgt.) (Aus dem Großherzogthum Mecklenburg.) — Ich beeile mich, Ihnen die Nachricht mitzutheilen, daß unser Holdheim bei der am 2. April stattfindenden Einweihung des Tempels der Berliner Reformgenossenschaft die Weihepredigt halten wird. In ver That Härten die Berliner keine bessere Wahl treffen können, da Holdheim durch seine rabbinische Gelehrsamkeit, durch sein tiefes Forschen und durch die höchst geistreiche und entschiedene Weise mit welcher er in neuester Zeit für die Reform des Iudenthums aufgetreten, auch eine der besten Stützen derselben geworden ist.— Aber auch unsere Regierung hat ihr Interesse für die Sache des Fortschrittes dadurch auf's Neue bethätigt, daß sie auf das zustimmende Gutachten des Oberraths unserem Land - Rabbinen Urlaub zu dieser Reise gegeben. Ueberhaupt geht es bei unseren Gemeinden durch das rastlose Streben Holdheims und die Unterstützung, welche ihm vom Oberrath und der Regierung wird, rasch vorwärts und erst kürzlich sind von einigen Gemeinden Anträge auf Einführung der von der zweiten Rabbiner-Versammlung beschlossenen Cultus - Reformen gemacht worden. Ueber das Resultat derselben denke ich Ihnen bald Ausführliches melden zu können. Nachlese aus den Zeitungen. Nach einem Befehle des Kaisers von Rußland sollen zur Versorgung der Juden mit hebräischen Büchern in denjenigen Gouvernien, in welchen ihnen ein stetiger Aufenthalt gestattet ist, künftig in Wilna und Schitomir zwei Druckereien bestehen. — *) Wie ward Friz Stolberg ein Unfreier? in Paulus, Sophronizon, B- 1, H. 3, S. 54.