Der Israelit des neunzehnten Jahrhunderts
- Journal
- Der Israelit des neunzehnten Jahrhunderts
- Volume
- 7 (1846)
- Issue
- Heft 13 (29.3.1846)
- Date
- 1846-03-29
- Page
- – (sequence 5)
- Language
- German
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lOl hat. Wenn wir über die Vernünftigkeit einer Ansicht, über ihre Uebcreinstimmung mit dem Gcschichtsboden urtheilen und darin ihre Beglaubigung finden, so fällt kein anderer das Urtheil als eben das Religionsbewußtsein, welches mit sich einig, vor keinem andern Forum sich zu legitimircn bat. Wenn also bei unserem Rcformiren unser Rcligionsbewußtsein, vorausgesetzt cs sei das Bewußtsein der Zeitgenossen im Ganzen oder auf einem getrennten Gebiete, uns als Quelle und Wegweiser dient, so bandeln wir durchaus nicht unhistorisch, im Gegentheil erfüllen wir nur hiermit und zwar bewußt den Auftrag der Geschichte, die nichts anderes ist als ein Product des jedesmaligen Rcligionsbewußtsein s. Unsere Nachkommen werden auf unsere That sich berufen als auf die That der Geschichte, die ihnen Zengniß geben wird, wie unser Religionsbewußtsein beschaffen war. Wenn wir uns auf überkommene Thaten der Geschichte berufen könnten, so würde für uns gleichfalls nichts Anderes darin liegen, als das Zeugniß, daß unser gegenwärtiges Rcligionsbewußtsein mit dem einer frübercn Zeit übereinstimmt, da dieses immer nur an den Früchten sich erkennen läßt. Für diejenigen aber, welche nicht blinde Werkzeuge der Geschichte sind, wie das talmudische Zeitalter cs gewesen, sondern mit vollem Bewußtsein in ihrem Aufträge handeln, liegt in diesem historischen Zeugniß durchaus keine Art von „Beglaubig u n g", da man, so sehr man sich solcher Uebereinstimmung freuet, sich gleichwohl gestehen muß, daß auch im Falle, wenn das frühere Religionsbewußtsein von dem unserigen abgewichcn hatte, wir doch nur in Uebereinstimmung mit dem unserigen handeln müßten, und daß wir un historisch handelten, wenn wir unser religiöses Bewußtsein dem eines vergangenen Zeitalters aufopfern, d. b. die Geschichte nicht zu Wort kommen lassen wollten. Sich aber auf ein Zeugniß zu berufen, das man nur im Falle der llebereinftimmung mit dem, was wir wollen, nicht aber im Falle des Widerspruches Glaubwürdigkeit beizumessen geneigt ist, halte ich für unredlich. Wir stimmen also mit unserem Verf. in den meisten Punkten überein, daß namentlich 1) die talmudische Reform ein bewußtloser Zrrthum sei; daß 2) der Talmud jede Entwickelung, die über ihn hinausschrcitet, abweise; 3) daß wir mit dem Talmud deshalb brechen müssen und des Bruches Wort haben wollen; 4) daß die Objektivität des biblischen Gedankens seine Strahlen durch die Subjektivität des Zeitalters brechen mußte, und daß ein anderes Zeitalter mit veränderter Subjektivität das ursprüngliche ungebrochene Liebt ganz anders in sich aufnebmen und reflectiren darf, ohne der biblischen Wahrheit zu nah zu treten; 5) daß die Beglaubigung unsrer Reformansicht lediglich in ihrer innern Wahrheit ruhe. Bei so wesentlicher Uebcreinstimmung in den Grundgedanken können wir die geringe Abweichung über die Redlichkeit und Rathlichkeit unseres Bcrufens auf den Talmud füglich auf sich beruhen lassen, die hoffentlich über kurz oder lange ihre friedliche Verständigung finden wird. H o l d h e i m. Schwerin, den 26. Zannuar. Geschichte des Tages. Die israelitische Schule. (Dortmund, in Westphalen.) — Wenn der das Israelitcnthum auf dem Gange seiner Entwicklung und geistigen Wiedergeburt begleitende Beobachter den Weg überschauet, welchen dasselbe bereits darin zurückgelegt hat, so wird derselbe im Ganzen ein erfreuliches Vorwärtsstreben gewahren und mit Vertrauen seinen Blick wieder in.die Zukunft richten. Aber eine Entdeckung wird ihn dabei betrüben, nämlich die, daß die Schule, der sicherste Maßstab für die Cultur der Menschen, bei den Israeliten eben so dunkel und dürftig, wie sie räumlich fast allerorten dem leiblichen Auge sich entzieht, auch dem geistigen Auge der Oessentlichkeit verhüllet bleibt, und ihr Inneres von keinem Lichtstrahle erhellet wird, als schäme sie sich, an den Tag zu treten; aber das ist eine falsche Scham, die eine Erkenntniß der Gebrechen verhindert und ihre Heilung unmöglich macht. Während die religiöse Erhebung Israels von dem harten Druck des Formendienstes und der Vernunftwidrigkeit offen vor den Augen der Welt vor sich gegangen und durch die verjüngende Wissenschaft in vielen Schriften befördert worden, ist die israel. Iugendbildung, obwohl der mächtigste Hebel der religiösen Reform fast gänzlich ignorirt und verurtheilt gewesen, seine Wünsche und Ansprüche in sich zu verschließen und sein Leben zu vereinsamen. Schon einmal sollte die stiefmütterliche Behandlung von Seiten der israel. Literatur durch die Gründung einer israel. Schulzeitung wieder gut gemacht werden; allein der Versuch mißlang. Dies war vorauszuschen; denn erstens ist der Weg, wo die israe. litische und die allgemeine Volksschule in der Pädagogik auseinander