Der Israelit des neunzehnten Jahrhunderts
- Journal
- Der Israelit des neunzehnten Jahrhunderts
- Volume
- 7 (1846)
- Issue
- Heft 13 (29.3.1846)
- Date
- 1846-03-29
- Page
- – (sequence 2)
- Language
- German
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08 entwickelung des talmudischen Alterthums strenge verweist, dem in dasselbe über die Maßen verliebten und deßhalb melancholisch gewordenen Zunz, der uns bitterböse und gram geworden, weil wir nicht ewig in dem Entwickelungsprocesse verharren und wie das arme Hühnchen es wagen, endlich die harre Rinde des Eies zu durchbrechen und ein selbstständiges Leben zu beginnen, nicht minder scharf und gerüstet entgegen. „Wir wollen Vrod", ruft er ihm im L. B. zum Israel. Nr. 2. meisterhaft zu. „Wir wollen Brod für unseren Hunger, Wasser für unseren Dnrst, der Geist soll frische kräftige Nahrung erhalten, und man tändelt mit uns und reicht uns Blumen, noch dazu sehr zweifelhaften Geruches; wir wollen einen Glauben der den Geist erfüllt und zu Thaten für die Gegenwart begeistert, und man will uns zu Menschen erziehen, die blos in der Erinnerung an die Vergangenheit träumen, wir wollen eine Liebe die Früchte tragt (die nicht ewig brütet and nichts ausbrütet), und man füttert uns mit weichlicher Pietät und herzloser Sentimentalität" rc. Seit langer Zeit haben Worte keinen so tiefen Eindruck auf mich gemacht, als die von Geiger in gedachter Nr. gesprochenen, woran ich ihn erkannt. Es war übrigens Zeit, daß er wieder stark und energisch eingriff. Die Athmosphäre war von so vielen sentimentalen Dünsten und wässerigen Reden übervoll geschwängert und diese Worte Geigers werden sie hoffentlich auf lange Zeit geläutert haben. Diese Worte haben der beunruhigenden Sphinr das Rätbscl gelöst, und sie wird nun wissen, was sie zu thun hat, nachdem ihr Räthsel gelöst ist. — Ich kehre wieder zu unserm Verf. zurück, und um so lieber, als wir beide zu dem Punkte gelangen, der unser Einverständniß vermitteln soll. Nicht blos unbillig, sondern auch uuphilosophisch wäre der Borwurf der Befangenheit, den wir der talmudischen Entwicklung machten, meint der Verf. Denn „das Wort", sagt er, „ist nur der Spiegel, ist nur der Rester des Gedankens, das Objektive, das in ihm liegt, bricht seine Strahlen nach der Subjektivität des Zeitalters, und wenn daher ein Zeitalter es anders, vielleicht entgegengesetzt auffaßt, wie das andere, so folgt es seiner innern Nothwendigkeit, es verleugnet in dieser Auffassung die Wahrheit nicht, wenn es auch ihre historische Entwicklung nicht merkt." Was Wahres in diesem Satze enthalten ist, unterschreiben wir um so unbedenklicher, als wir denselben Grundgedanken in unserem Antwortschreiben nicht blos mit andern Worten ausdrückten, sondern auch in seiner vollständigen Wahrheit entwickelt haben, während er hier, dieser vollständigen Entwicklung entbehrend, in eine Spitze der Unwahrheit hinausläuft. Das Objektive des Gedankens, dessen Spiegel und Rester nicht blos das Wort, sondern auch das durch dasselbe auSgedrückte Gesetz ist, ist der Urgeist der Religion, das ideale geistige Verbältniß zu dem reingeistigen, übersinnlichen Gott. Dieses soll dem Menschen zum Bewußtsein gebracht, d. h. offenbart, und er dasselbe in seinem Bewußtsein lebendig zu erhalten, d. h. sich es fortwährend darzustellen belehrt werden. Dieses Objektive, wenn es dem menschlichen Bewußtsein offenbart werden soll, muß seine Strahlen durch die Subjektivität des Zeitalters, nämlich die allgemeine Erkenntnißstufe und Empfänglichkeit für die Erfassung und Darstellung idealer übersinnlicher Verhältnisse, auf welcher in ihm die Menschen stehen, brechen, und daher sowohl den übersinnlichen Gedanken selbst nur in einer dieser Subjektivität begreiflichen Weise offenbaren, als auch die Darstellungsmittel dieses Gedankens, die Cultusformen, in einer derselben angemessenen Form einrichten. Es ist daher sehr natürlich, daß nach dem Verlauf einer gewissen Zeit, während welcher diese vorausgesetzte Subjektivität fortgeschritten, die Erkenntnißstufe eine höhere geworden ist, jenes Lickt, wie es durch die frühere Individualität gebrochen wurde, der gegenwärtigen nicht mehr genügen, die Tarstellungsmittel des religiösen Gedankens, wie sie einer ältern niedriger« Erkenntnißstufe angemessen waren, der höhern nicht mehr entsprechen können. Es entsteht also ein Constict zwischen der Vergangenheit und der Gegenwart, der, wenn er in seinem wahren Wesen erkannt wird, seine Lösung darin findet, daß man mit dem Gegensatz zugleich der Gründe desselben sich klar bewußt wird, daß man das Geständniß nicht scheuer, die Objektivität, dw sich damals durch eine bestimmte Subjektivität brechen mußte, kann heute, da sie cs mit einem ganz andern Medium zu thun hat, von demselben in ganz anderer Weise ausgenommen und reflcktirt werden, daß die Darstellungs- und Vergegenwärtignngsmittel des Uebersinnlicheu von der Beschaffenheit sein müssen, wie sie der gegenwärtigen höheren Bildungsstufe Zusagen. Es muß der Glaube vorwalten,