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Der Israelit des neunzehnten Jahrhunderts · 1846-03-22 · Heft 12 (22.3.1846) · page 10

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Journal
Der Israelit des neunzehnten Jahrhunderts
Volume
7 (1846)
Issue
Heft 12 (22.3.1846)
Date
1846-03-22
Page
– (sequence 10)
Language
German
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58 Andern auffordert, an der Verwirklichung der Wahrheit auf Erden kräftig zu arbeiten. Zur Verwirklichung der Wahrheit rechnen wir aber auch vorzüglich dasjenige, daß der Jude nicht ewig ein Knecht des Symbols zu sein und auf dessen Krücken einher zu gehen, sondern mit seinem Beispiel in rechter UeLung von Tugend und Gerechtigkeit und mit seiner Lehre, daß der Mensch nur durch diese allein seine von Gott ihm gestellte Aufgabe würdig löse und mit Gott in inniger geistiger Gemeinschaft bleibe, allen Andern wacker voranzugehen habe. Wenn der Jude die Forderung, welche eben seine Geschichte an ihn stellt, hat er nur fleißig in ihr zu studiren und das höhere Verständniß derselben sich zu vermitteln, dann wird er bald gewahren, wie eben diese seine Geschichte, indem sie seit Jahrtausenden das Centrum der mosaischen Symbolik zerstört hat, eben dadurch den ganzen symbolischen Cultus dem Reiche der Vergangenheit anheimgegeben und den Juden von nun an auf die Anbetung Gottes im Geiste und in der Wahrheit, wie sie die Propheten gelehrt, hingcwiesen hat. Kehren wir nach dieser Digression zu unserer aljorthodoxen Ansicht zurück, welche, feind aller philosophischen Theorien, die das F undament, in welchem die alte Symbolik ruhte, erschütternd, auf dessen Ruinen den Grund zu einem neuen Bau für die Nothwendigkeit symbolischer Handlungen für die Gegenwart legen will, dieses Fundament vielmehr noch fest und unerschüttert glaubt und die Symbolik des mosaischen Cultus aus denselben Gründen, die sie ursprünglich ins Leben riefen, noch jetzt für nothwendig hält. Nach dieser Ansicht ist das theokratische Bündniß zwischen Gott und Israel zugleich der ausschließliche Grund des symbolischen Gesetzes für Israel, und wie dieses Bündniß im Verlaufe der Jahrtausende nicht schwächer geworden, und Israel dadurch noch immer der alleinige Träger ver göttlichen Offenbarung für die Menschheit, so ist dieses Bündniß noch fortwährend der Verpflichtungsgrund des symbolischen Gesetzes ausschließlich für Israel, das auserwählte Volk Gottes. Es gehört freilich ein starker Glaube dazu, der achtzenhundertjährigen Geschichte zum Trotz das theokrattsche Bündniß in seiner ungeschwächten Kraft fortbestehen zu lassen; allein dieser Glaube zieht seine Kraft eigentlich aus einem andern Glauben, nämlich an den Messias, der seinen alten Zustand der Theokratie in ihrer strahlenden Herrlichkeit restituiren wird. Aber was soll aus der übrigen Menschheit werden, die doch auch nach der orthodoxen Ansicht von dem Plane der Vorsehung nicht ganz ausgeschlossen werden kann? Sie soll, antwortet die Orthodoxie, in der messianischen Zeit der Erfüllung durch den Messias und die Verherrlichung Israels sämmtlich zu N oach iden, d. h. zu Monotheisten mit den wenigen Gesetzen der natürlichen Religion, bekehrt werden. Bis auf die noachidischen Gesetze soll ihr das jüdische Ceremonialgesetz nicht mit Gewalt aufgedrängt werden und sie in einer engern Schranke der Religiosität verharren dürfen, wobei es noch überdies weder dem Einzelnen noch ganzen Völkern verwehrt sein sott, gänzlich ins Judenthum aufzugehen , d. h., durch Uebernahme des ganzen Ceremonialgesetzes, dem jüdischen Volke einverleibt zu werden und aus ün:i in pTS nJ überzugehen.*) Allein abgesehen davon, daß ein großer und wesentlicher Theil des symbolischen Ceremonialgesetzes seinen Zweck nicht sowohl in der positiven Belebung und Befestigung wahrhaftiger religiöser Vorstellungen als vielmehr in der negativen Entfernung und Ausmerzung falscher Ideen der heidnischen Naturreligionen und als Gegensatz zu denselben, hat, welcher in der messianischen Zeit, wo das Heidenthum überwunden sein und die ganze Menschheit dem Monotheismus anhängen wird, gänzlich bedeutungs- und zwecklos werden müßte, eine Jnconsequenz, die wir an dieser Ansicht bereits an einem andern Orte (Ceremonialgesetz im Messiasreich) rügten, möchten wir hier fragen: wie kann von einem göttlichen Erziehungsplan behauptet werden, daß er es nie bis in die Ewigkeit dahin bringen werde, die nach diesem Plane Unterrichteten als reif und'mündig aus der Schule entlassen zu können? Zugestandenermaßen haben die äußerlichen symbolischen Handlungen, welche das mos. Gesetz vorschreibt, ihren Zweck nicht in sich selber, sind nicht despotisch willkürliche Gesetze, welche mit der sittlichreligiösen Freiheit der sie Ausübenden in keinem inner» bewußten ' Zusammenhänge stehen, sondern sinnbildliche Darstellung geistiger ' übersinnlicher Verhältnisse und haben in der Erregung und B.'let bung dieser ihren Zweck und ihre Erfüllung. Wenn sie Gott nur für Israel eingesetzt, so ist nach jener Ansicht, nur dieses Volk erwählt, Träger der göttlichen Offenbarung und aller der übersinnlichen Verhältnisse, die durch diese Gesetze dargestellt werden. Aber *) Nach der Analogie, daß man in der klassischen Periode der Theokratie, unter der glücklichen Regierung Davids und Salomo's keinen Proselyten aufnehmen durste, aus Furcht, dieselben möchten aus Furcht oder Eigennutz sich ganz zum Judenthum bekehren (Jebamoth 76 a; Maimonid. über verbotene Ehen 13,15.), durfte man in den glücklichen Zeiten der Verherrlichung Israels in der messianischen Zukunft um so weniger solche Proselyten, die dem Judenthume sich ganz einverleiben wollen s>"l2 '"tf aufnehmen S. Ceremonialgesetz im Mesfiasreich S. 43. Allein hievon abge-' sehen ist das theokratische Judenthum schon räumlich so sehr eingeschränkt , daß es der Menschheit absolut unmöglich ist, daran Theil zu nehmen. Außer Palästina ist der Opfercultus streng verboten , ein großer Theil des Ceremonialgesetzes ans Land gebunden, wie soll daher die ganze Menschheit ihr Heil bewirken können? Es bleibt also für sie nichts übrig, als außer dem Judenthum als Noachiden zu leben.

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