Der Israelit des neunzehnten Jahrhunderts
- Journal
- Der Israelit des neunzehnten Jahrhunderts
- Volume
- 7 (1846)
- Issue
- Heft 12 (22.3.1846)
- Date
- 1846-03-22
- Page
- – (sequence 8)
- Language
- German
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06 Kopf und Gcmüthc sein, da wird auch der Mensch seiner Bestimmung nacb durch vernünftige Erziehung zu einem glücklichen Wesen herangcbildet. Wo aber die Eltern mit religiösen Vorurtheilen behaftet, mit religiöser Blinrhcit geschlagen sind, da läßt sich nichts Ersprießliche? erwarten. Die Eltern überliefern treulich ihre verworrenen Glaubens - Ansichten der lieben .Nachkommenschaft. So ist es hier zu Lande. Sie werden, Herr Red. gewiß fragen. was bewirken denn in diesem Lande die Lehrer und Schulen? Hierauf crwiedre ich Ihnen, daß wir weder letztere noch Erster« im wahren Sinne des Wortes besitzen. Ich höre Sie ferner erstaunt fragen, wie ist dies möglich, 24,000 F. ohne Schulen und Lehrer? Scheint da auch die Sonne in diesem Lande? Za wohl! Sie werden sich hoffentlich von derselben überzeugen, nur nicht der Juden wegen. Denen genügt ägyptische Finsterniß. Wir begegnen dann und wann Gemeinden, die eine Arr von Schule, auch oft 2 besitzen. Dies sind aber nur jämmerliche Privaianstalicn, und die sie belebenden Lehrer fino theils kluge Lohnknechte, fügen sich in das Unabänderliche, theils aber geht ihnen sowohl die Kenntniß des Jsraelitenthums, als die Begeisterung für dasselbe ab. Findet sich aber ein (solcher) Schulmann, dem Beides eigen ist und der natürlich zu den weißen Raben gehört, nun dem geht es übel. Er hat nicht nur gegen das Heer von Vorurtheilcn, sondern gegen den ganzen schlesischen Rabbinismus zu kämpr'en, und muß natürlich unterliegen. Aber fragen Sie wiederum, was machen denn in diesem Lande die Herren Rabbincn? Nun sehen Sw, cimnal leben sie nach der Zidonierwcise (Richter 16, 19.) und dann paskenen sie “irr1“* TiD’N und dar will im 10. Jahrhundert viel, sehr viel sagen. Als vor einigen Jahren Jemand in der Allg. Z. d. I. den schlesischen Rabbinern den gerechten Vorwurf machte, sie möchten doch wenigstens Etwas für die Schule thun, den Religionsunterricht übernehmen :c., da trat unser Nestor, Rabbiner Rabbi Jsroel Deutsch vor die Schranken und wies jenen Unbescheidenen zur Ruhe. Von jener Vertheidigung blieb mir im Gedächtniß, daß er (unser Rablih wohl wisse, welches Unheil dem Judenthum aus dem Religionsunterrichte der Lehrer der 2 *j;:p 2'7>'B en'prieße; doch aber könne er dem Uebel nicht abhelfen, weil er kein geprüfter Katechet ist. In seiner begeisterten eifernden Selbstvertheidigung fährt derselbe nach rabbinischcr Weise fragend fort: „Was soll nun ver Rabbiner machen, der keine Prüfung gemacht hat?" Worauf ihm Dr. Philippson naiv erwidert: „er mache das so sehr leichte Examen, wie ich cs vor 10 Jahren bereits gemacht habe." Dem Manne ist leicht reden, der hat etwas gelernt und konnte ein Eramen bestehen. Aber unser Rabbinerthum kann unmöglich, felost dies leichte Eramen bestehen; weil es doch immer ein bischen Orthographie vorauesctzl. Ungerecht waren wir, nachdem uns der niedrige Bildungszustand unserer Rabbiner eben so bekannt, wie die Geschichte der Jurenheit überhaupt ist, wenn wir bei solcher Bewaudniß uns hier cm Arkadien wünschten. Nein! wir sind billig, verlangen von den Herren Rabbinern nichts, rein gar nichts; weil sie eben nichts leisten können, und betrachten sie als ehrwürdige Reliquien einer uns fern liegenden Vergangenheit, als bemooste Monumente einer grauen Vorzeit. Allein schweigen tnüssen sie, da sie wie aus einem früheren Jahrhundert in das unserige hineingeschneit scheinen, und die Verhältnisse, die Bedürfnisse der Gegenwart weder kennen noch zu würdigen vermögen. Thun sie Dies nicht? Nein, Hr. Redakteur, wie aus Folgendem erhellen wird. Ww Schlesier beginnen niit dem Erscheinen Geigers in unserer Provinz eine neue religiöse Aera. Bis zu dieser Zeit ging Alles seinen gewöhnlichen Schlendrian. Die Rabbiner besorgten Schochtim, batten sonst noch sehr wachsame Augen auf Küche und Keller bezüglich des Pesach re. Dies genügte den Nichtdenkenden denn die Denkenden dachten wie schon erwähnt an nichts Religiöses. Seil dem Auftreten Geigers ist's anders geworden. Als wahrer Priester „hat er viele durch seine verständigen Predigten und Lehren nicht nur von Sünde znrückgebracht, sondern was mehr sagen will, von Taufe abgehalten. Allein was hieniden von Menschen ausgeht, kann nicht makellos sein, so auch das wahrhaft fruchtreiche Wirken G. Dieser große Mann hat durch sein Auftreten in unserer Provinz, die lichtscheuen Rabbiner Oberschlesiens aus ihrer sorglosen Ruhe unangenehm geweckt. Sie ermannten sich und bekanntlich richtete träumend Rabbi Jsroel Deutsch (nach der Emdner Lescart) mir Zuziehung seiner Collcgen einen Brief an das Obervorsteher-Collegium zu Breslau. Dann folgte das Traktätlein: Rücksprache mit allen Gläubigen des rabbinischen Judenthums, das zuerst von demselben in deutscher Sprache und jüdischer Schrift verfaßt, dann von dessen Bruder, Rabbi David Deutsch gcrmanisirt wurde; weil, i nu, weil die Orthographie unscrm Rabbi Schwierigkeiten bietet. Genöthigt durch so vieles Geschwätze, ließ G. seine „Ansprache an meine Gemeinde", ferner „die letzten 2 Jahre", erscheinen, erwähnte beiläufig unser Rabbinerpersonal, wurde von manchen sogar der wahre Biograph, namentlich des Rabbi Jsroel Deutsch. Was Wunder also, daß dieser Rabbi, durch einen so höchstwürdigen Biograph wie G. auf seine Personage aufmerksam gemacht, sich nun zu fühlen begann, und nun fortfährt die jüdische Literatur unter brüderlichem Mitwirken zu bereichern unv gleichzeitig die Kaufläden mit Makulatur zu versehen? Außer jenen beiden Compagnie-Werken, erschien ferner in jüngster Zeit ein offenes Sendschreiben an den Graffchasts - Besitzer Herr Berlin auf Zulz, wo derselbe ans eine Eckensteher-Weise von diesen schriftstellerischen Compagnons heruntergerissen wird; weil derselbe freilich etwas ungeschickt, doch aber zum Heile Israels wirken wollte, und noch will — ferner eine Adresse an Frankel, Beides im Wassersacke der jüd. Journalistik „im Orient" und endlich abermals ein Traktätlein 2’“iiTX Dnm da? ich int nächsten Briefe näher zu beleuchten gedenke. Das Vcrlinersche Sendschreiben wird wie man hört, unser Rabbi im Gefängnisse bereuen. Wir haben also auch in unserer gottlosen Zeit Märtyrer, aber freilich nur unter den oberschlefischen Rabbinern. Und die oberschlesische rabbinersche Schriftstellerei ist der finstre Schat- ten der dem lichtvollen Geigerschen Wirken hierorts folgt, der freilich durch jenes ausströmende Strahlenmeer fast unbemerkbar bleibt; doch aber zur Ruhe gebracht zu werden verdient, welches ich in meinem Nächsten gu thun beabsichtige. Verlag der I. E. Hermann'schen Buchhandlung in Frankfurt a. M. Druck von Fried. Krähe in Offenbach.