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Der Israelit des neunzehnten Jahrhunderts · 1846-03-22 · Heft 12 (22.3.1846) · page 6

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Journal
Der Israelit des neunzehnten Jahrhunderts
Volume
7 (1846)
Issue
Heft 12 (22.3.1846)
Date
1846-03-22
Page
– (sequence 6)
Language
German
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04 kraftloser wird und sich nur noch krampfhaft an die ohnmächtige Stütze seiner schwachen Verfechter klammert; während dort das Licht des freien Gedankens sich durch feine wackern Streiter einer segensreichen Verbreitung und einer allgemeinen Anerkennung zu erfteuen hat, herrscht unter den Juden dieser Gegend eine traurige Nacht/ die jegliche Regung des freien Gedankens zurückdrängt, nur hie und da dämmern manche Lichtschimmer auf, um das Dunkel nur noch schrecklicher sehen zu lassen. Der krasseste Aberglaube und die strengste Observanz von Gebräuchen, bei deren Ausübung das menschliche Herz eiskalt bleibt und die Vernunft trotz aller Kraftanstrengung keinen befriedigenden Sinn herauszukünsteln vermag, gelten hier für Religion, für Annäherung an das göttliche Wesen. Die meisten Rabbinen, denen das geistige Wohl der Gemeinden anvertraut ist, die uns den rechten Weg wandeln, das Wahre und Wesentliche an unserer heiligen Religion vom Falschen und Unächten unterscheiden lehren sollten, sind in der tiefsten Unwissenheit, in der sie der unerschütterliche Glaube an die Perfectibilität des Talmud und seiner Extravaganzen nur noch bestärkt. Das einzige und ausschließliche Eigenthum alles geistigen Wissens und Erkennens bilden hier der Talmud und seine Commentatoren; das Regulativ alles Thuns und Strebens und sonach die Sphäre des ganzen Lebens bilden hier abermals der Talmud und seine Commentatoren. Alles andere Wissen ja alles Streben nach irgend einem andern geistigen Erkennen wird, da es sich mit dem talmuvischen Prinzipe nicht gut in Einklang bringen läßt, für ketzerisch und sündhaft gehalten. Die Jugend wird, sobald sie nur irgendwie die leiseste Spur von geistiger Thätigkeit bekundet, in ihren zarten Jahren in dieses Gebiet talmudischer Dialektik eingeführt, ohne zu berücksichtigen, ob sie irgend einen Begriff von Sprache, um nicht zu sagen von logischer Beurtheilungskrast, habe. Alle andere zu jeglichem Lebensbcrufe nothwendigcn Gegenstände des Wissens werden von ihr ferngehalten. Selbst das Studium der hebräischen Sprache und der Bibel ist verpönt. Sagt doch der Talmud: il’Jnn p DD'jZ IpD, was nach einem Interpreten auch das viele Lesen rer Bibelschriften gemeint sein soll. So sehr wirb gesorgt für die Befangenheit des Geistes, daß man dem empfänglichen Gemüthe des Kindes nicht dasjenige, was, vermöge seiner natürlichen Anlagen, seinen Geist stärken, befruchten könnte, sondern dasjenige, was denselben beinahe erdrückt und ihm alle selbstständige Entwicklung benimmt, frühzeitig einzuimpfen bemüht ist. Daher die nachherige Geistesverkrüppclung, daher der totale Mangel an Lebensfitte, das knechtische Gefühl und die erbärmliche Nnbeholfenheit der polnischen Juden, die leider mit Recht bei den gesitteten Völkern für Asiaten gehalten werden. Die Kanzel, welche für die das Gemüth zur wahren Andacht I und zum reinen Erguß des sittlich ftommen und religiösen Gefühls anregende Predigt bestimmt ist, wird von den Rabbinen dazu benutzt, um in der sogenannten Derasche irgend einen für das praktische Leben meist gleichgültigen Widerspruch des Talmud oder eines nachtalmudischen Autors auf eine spitzfindige Weise zu lösen, oder irgend einen Bibelvers, mit Hintansetzung alles natürlichen und grammatischen Schriftfinnes, zum Träger einer seltsamen oft abgeschmackten Idee zu machen. Davon soll dem Gemüthe die Durchdringung jenes warmen andächtigen Gefühls werden, das den Menschen erhebt, veredelt und auf seine moralische Handlungsweise sowohlthuend wirkt! So steht es mit der geistigen und sittlichen Fortentwicklung der hiesigen Juden, so mit dem Gottesdienst in der Synagoge und so mit dem Jugendunterricht! wahrlich wir müßten zur fortwährenden sittlichen und geistigen Unreife verdammt sein, wenn dieser Zustand fortdauern, wenn die drückende Formstarrheit und namentlich die, hier fast die meisten Geister unter ihr Joch knechtende Autorität des Talmuds und seiner Consequenzen ihre volle Geltung beibehalten sollten. Die Masse ahnt von diesen traurigen Zuständen nichts; das gesunde Bewußtsein ist ihr noch nicht aufgegangen. Einzelne gibt es zwar, deren innere Ueberzeugung bereits zur Gediegenheit sich emporgeschwungen und die praktische Unbrauchbarkeit vieler talmudischer Ccremonien eingesehen har; aber was vermögen Einzelne, deren Stellung eine private ist, auf eine Gesammtheit zu wirken, die mit fanatischem Eifer an ihrem Aberglauben hängt. Unsere Erlösung ist einzig zu erwarten von der Verwirklichung eines K. K. Gesetzes, in dem es heißt, daß alle erledigten Rabbiner-Stellen nur mit solchen besetzt werden dürfen, die eine gehörige Gymnafialbildung und die darauf folgenden philosophischen Studien regelmäßig durchgemacht haben. Auf diese Weise scheint es mög. lich, wenn auch nicht ohne vielen Kampf, eine radikale Umgestaltung der Juden Galiziens vorznnehmen. Der Zorn der voice of Jacob. (London.) — Die „voice of Jacob." ereifert sich über den Beschluß der Rabbiner-Versammlung, nach welchem ihr Siegel die Worte: „die Versammlung der deutschen Rabbiner" tragen soll, da doch Baiern, Sachsen, Hannover und Lübeck keine Vertreter in ihr aufzuweisen hätten. Die gute „voice" ist eine schlechte Politikerin und Geographin, sie weiß nicht, daß die baieriiche Regierung, und nicht die Juden, die Rabbiner nicht zur Rabbiner-Versammlung zuläßt; sie weiß nicht, daß Sachsen, vr. Frankel abgerechnet, der Juden, geschweige der Rabbiner blut-

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