Der Israelit des neunzehnten Jahrhunderts
- Journal
- Der Israelit des neunzehnten Jahrhunderts
- Volume
- 7 (1846)
- Issue
- Heft 12 (22.3.1846)
- Date
- 1846-03-22
- Page
- – (sequence 5)
- Language
- German
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93 Erklärung und Begründung '-findet, der Befangenheit und des Zrrthums, wie auch diejenigen, welche in der Gegenwart jener Entwicklungsphase das Wort redend^ dieselbe für die Gegenwart festhalten wollten, entweder des unbewußten Jrrthums oder der bewußten Unwahrheit zu zeihen? Auch in der organischen Entwicklung des Pflanzen - und Thierrekchs sind Korruption und Fäulniß nothwendr'ge Vorstufen, welche eine frühere Lebensentwicktung vorbereiten und möglich wachen , wer daher solcher Fäulniß spottet und in ihr die lebensfähige Entwicklungskraft, mithin ihre geschichtliche Nochwendigkeit übersieht, verdient Spott. Wer aber die aus solchem organischen Entwicklungsproceß hervorgegangene reife Lebensfrucht abweisend, das in Entwicklung begriffene, in Fäulniß befindliche Saamenkorn zur Stillung seines Hungers vorzieht, das Werden also über das Gewordene setzt, den wird wahrlich Niemand einen Freund und Kenner historischer Entwicklung nennen. (Schluß folgt.) Geschichte des Tages» Fra n f e l. (Vom Rhein.) — Als ich in dem bekannten Archive die vielen Adressen an den Oberrabiner Dr. Frankel und dessen salbungsvolle, phrasenreiche und nichtssagende Antworten las, da rief ich mit jenen berühmten Talmudlehrern in jener sehr erbaulichen Erzählung aus: nytso ruip m dw HD3D mip r? nr?& d. h. zu Deutsch: „Mancher erwirbt sich seine Welt erst nach vielen Jahren anstrengender Thätigkeit und mancher erwirbt sich diese in einer Stunde." Während nämlich die 30 Rabbinen und Prediger, welche mit der größten Selbstverläugnung und den schwersten Opfern im heiligsten Interesse unsrer heiligen Religion bei ihren Versammlungen zu Frankfurt a. M. ununterbrochen arbeiteten und von so vielen (Feiten nur mit Schmähungen und Verdächtigungen überhäuft und manche derselben sogar bei ihrer Rückkehr in ihre Gemeinden mit den größten Erbärmlichkeiten zu kämpfen hatten, wurde dem Flüchtling Dr. Frankel wegen seiner so großen Heldenthat, aus den Versammlungen geflohen zu sein, von so vielen ähnlichen Helden Weihrauch gestreut und er von diesen zum Götzen des Glaubens erhoben! Wie schnell und wie leicht hat sich Hr. Dr. Frankel hienach seine Welt erworben, was viele mit den größten Anstrengungen in vielen Jahren, ja in ihrer ganzen Lebenszeit nicht vermögen!! Frankens Kraft scheint überhaupt nur in Flucht und Ausflüchten zu bestehen, unv dieses bei ihm zum historisch positiven Standpunkt geworden zu sein. Jedoch ist nicht zu leugnen , daß er die seltene Gabe besitzt , diese seine Flucht und Ausflucht mit den großrednersschsten Worten zu beschönigen, und sich hierdurch zürn märtyrischen Helden in den Augen des Volkes zu stempeln. Wer bisher noch zweifelte, daß Frankel die Rabbinerstelle zu Berlin nur aus Feigheit ansgeschlagen, daß er aber dieses durch sein Schreiben an das preußische Ministerium, von welchem er im Voraus wissen mußte, daß dasselbe sein System nicht auf einmal durch einen Rabbiner ändern würde, nur zu einer Heldenthat zu erheben gesucht, dem muß dieses jetzt zur vollkommenen Gewißheit geworden sein. Die dritte Flucht oder Ausflucht von Seiten des Hrn. Dr. Frankel glaube ich in diesen Tagen zufällig entdeckt zu haben. Ich bekam nämlich die von dem Vorstände zu Papa herausgegebene Broschüre: „Zulässigkeit und Dringlichkeit der Synagogen-Reformen" zu Gesicht. Von 21 Rabbinen der verschiedensten Richtungen, unter welchen auch Dr. Frankel, sind in diesem Schriftchen die an sie gestellten fünf Fragen begutachtet, und alle bis auf den ersten Theil der vierten Frage fast in gleichem Sinne, was bei der Geringfügigkeit all dieser Fragen nicht anders zu erwarten war. Nur der erste Theil der vierten Frage: „Ist das der europäischen Gesittung fremdartige Entbehren der ledernen Schuhe ein so wichtiges Gebot, daß dieUnterlafsug desselben eine Entweihung und der Bestimmung des hohen Festtages zuwider handeln heißt" ist von Wichtigkeit, weil es hier auf ein Princip ankömmt, ob wir nämlich wenigstens da gegen den Talmud handeln dürfen, wo dessen Verordnung in eine ganz andere Zeit gehört, und mit der Gesittung unserer Zeit in Widerspruch steht. Ich war nun begierig, wie Hr. Frankel diese Frage begutachten würde und siehe da, diese ist von ihm ganz mit Stillschweigen übergangen wordep. Hatte ich nun nicht recht , wenn ich beim Anblick dieser Dankadressen mit jenem Rabbi rief: nm rutGO )übw rwp W Galizische Zustände. (Aus Galizien.) — Indem ich Ihnen, geehrter Hr. Redakteur die geistigen Zustände der hiesigen Juden beschreibe, kann ich mich unmöglich einer tiefen Wehmuth entschlagen über den tiefen Verfall alles Sittlichen und Geistigen unserer Glaubensgenossen in Galizien. Während in dem benachbarten Deutschland der Geist mit jedem Schritte vorwärts kommt und immer größeres Terrain über den starren todten Buchstaben gewinnt, der immer