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Der Israelit des neunzehnten Jahrhunderts · 1846-03-22 · Heft 12 (22.3.1846) · page 3

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Journal
Der Israelit des neunzehnten Jahrhunderts
Volume
7 (1846)
Issue
Heft 12 (22.3.1846)
Date
1846-03-22
Page
– (sequence 3)
Language
German
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Ol nett« Entwicklung auf dem Wege der Umdeutung, aber seine neueste Entwicklung auf ganz andern Wegen gefunden. Der Rationalismus Eichhorns, Paulus und der ganzen Schule ist im Christentbum längst als ungenügend erkannt worden, den schroffen Gegensatz zwischen dem biblischen Alterthum und der Gegenwart zu lösen, und ist diese Lösung, wie bekannt, auf ganz anderem Wege gesucht und gefunden worden, indem man nämlich die Gegensätze nicht durch künstliche Deutung auszugleichen sucht, sondern sie vielmehr als solche anerkennend, ihre Lösung darin finden läßt, daß der Menschengeist in verschiedenen Zeiten auf verschiedenen Culturstufen auf ganz verschiedene Weisen das Ideale und Uebersinnliche sich vorzustellen sucht. Freilich war der Rationalismus trotz der vielfältigen Vorwürfe der Einseitigkeit, der Halbheit, ja selbst der Unredlichkeit, die er heute anhören und sich gefallen lassen muß, dennoch eine Vor- und Uebergangsstufe, eine „Brücke", die zu dem gegenwärtigen Standpunkte der Theologie herüberführte und den höhern Rationalismns, welcher die künstlichen Umdeutungswege, weil er ihrer entbehrt, verschmähet, vorbereitete, und somit cin nothwendiges geschichtliches Moment in der allgemeinen Entwicklung des menschlichen Geistes, der nnn etwas mehr Pietät und rücksichtsvollere Behandlung von Seiten derer verdiente, die über ihn hinausgeschritten, eigentlich von ihm über sich selbst hinausgeführt worden sind. Allein es würde ganz sonderbar und seltsam klingen, wenn man an die über den ältern Nationalismus, weil sie ihn in seiner Umvahrbeit erkannt baden, hinausgeschritten sind, zumuthen wollte, sie sollen bei ihm bcbarren, weil er die „Brücke" war, der sie an das diesseitige User berüberführte. Und doch verlangt der Verf. nichts Geringeres von uns! „Will Holdheim", sagt er, „diese Brücke auf einmal mit Gewalt hinter sich, weil er diesseits ist, abwerfen, ohne Rücksicht auf die Tausende, die noch auf derselben sieben? will er diese nöthigen, zu ibm herüber zu kommen, oder wieder zurückzukebren?" Allerdings will ich, daß die Tausende nicht auf der „Brücke" stehen bleiben, sondern, daß sie entweder berüberkommen oder umkehren. Die Brücke ist znm Uebergang, aber nicht zum Stehenbleiben da, sie soll znm Ziele führen, aber nicht das Ziel selber sein. Der Verfasser mag immerhin meinen angeblichen „Scharfsinn" schelten, ihn sogar als „dialektische Haarspattung" bezeichnen, es thut mir leid, aber ich kann mir nicht Helsen. An beiden Ufern ist ein fester natürlicher Boden, die Brücke ist ein künstliches Werk, und mag sie noch so festgehämmert sein, so kann sie doch vom Sturme fortgerissen werden und man befindet sich auf ihr immer über einem gefahrvollen Abgrund schwebend. In der talmudischen Orthodoxie, eigentlich im talmudischen Rationalismus, ist Wahrheit, der Talmud, indem er die Bibel nach seinem Sinn umdeuket, glaubte alles Ernstes an diese Umdeutung selbst als den wahren Sinn der Schrift, oder einer mit der Bibel gleich berechtigten göttlichen Tradition nachzubelfen; die Talmudgläubigen lesen die Bibel nach takmudischer Interpretation und glauben in der Wahrheit zu sein. Auf diesem einen Ufer ist also ein fester Boden der Wahrheit. Diejenigen, welche die talmudische Bibelerklärnng in ihrer Unwahrheit erkannt, daher diese verlassend und zu dem Urgeiste der Bibel selbst zurückkebrend, aus diesem eine selbstständige Erkenntniß zu schöpfen suchen, was derselbe unter gegebenen Bildungs-Verhältnissen des menschlichen Geistes von diesem verlangt, sind gleichfalls in der Wahrheit und befinden sich an dem entgegengesetzten Ufer gleichfalls auf festem Boden. Man kann zugeben, daß diese vielleicht noch nicht zu diesem festen Standpunkte gelangt sein würden, wenn sie nicht durch die mannigfachen talmudischen Operationen auf dem biblischen Grunde znm tiefern Nachdenken veranlaßt worden wären, wenn der Talmud durch seine Uebergänge diele höhere Entwicklungsstufe nicht vorbereitet und vermittelt hätte. Aber dem sei, wie ihm wolle, es ist einmal geschehen, man ist über den Talmud, in dem Augenblick als man seine Unwahrheit erkannt hat, hinausgegangen nnd nur dadurch, daß man bei der Erkenntniß seiner llnwahrheit ihm nicht treu und anhänglich geblieben, ist man zur Wahrheit gelangt. Diejenigen hingegen, welchen den naiven talmudischen Glauben an die Wahrheit seiner Bibelerklärung verloren, mithin das feste Ufer des talmudischen Standpunktes verlassen und dennoch nicht zu einem höheren auf dem entgegengesetzten Ufer befindlichen Standpunkt einer selbstständigen Ansicht über die biblische Religion sich erbeben wollen, sondern auf der zwischen beiden Ufern liegenden Brücke sich befinden, harrend bis die Tausende mit ihnen zum Uebergänge an das diesseitige Ufer sich entschließen werden, mögen zusehen, daß die Stürme der Zeit ihnen

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