Der Israelit des neunzehnten Jahrhunderts
- Journal
- Der Israelit des neunzehnten Jahrhunderts
- Volume
- 7 (1846)
- Issue
- Heft 11 (15.3.1846)
- Date
- 1846-03-15
- Page
- – (sequence 11)
- Language
- German
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55 eines geistigen Vorzuges glaubten, so wird der heutige nur einigermaßen gebildete Jude, der für die Beurtheilung der geistigen Bildung seiner nichtjüdischen Umgebung ein unbefangenes Nrtheil hat, schwerlich in seinem Ceremonialgesetz ein vorzügliches Bildungsmittel in sittlich - religiöser Beziehung erblicken und seinen nichtjüdischen Bruver um den Mangel dieses Bildungsmittels bedauern. Es mögen alle jüngere Rabbinen, die auf Universitäten studirten, auftreten und behaupten, daß ihre nichtjüdischen Lehrer, weil sie durch die religiöse Thätigkeit nicht stündlich und täglich zur Aneignung religiös-sittlicher Ideen angeregt worden find, in dieser Beziehung hinter ihnen tief zurückstehen. Freilich wird jeder Jude, der mit der ersten Jugenderziehung einen reinen und geläuterten Göttesglauben überkommen, im Besitz desselben sich glücklich fühlen. Aber er wird, wenn er ausrichtig rst, eingestehen müssen, daß er den Besitz dieses Glaubens nicht dem Ceremonialgesetz verdanke. Trotzdem ich die rabbinische Lehre von der ewigen Nothwendigkeit des Ceremonialgesetzes am eifrigsten bekämpfe, welches mir von unverständigen Eiferern und noch unverständigern Nachbetern den lächerlichen Vorwurf der Judenfeindlichkeit zugezogen hat, habe ich nie meine Achtung gegen die Persönlichkeit der alten Rabbinen verleugnet, habe nie diesse und immer nurjihre Ansicht vor den RichterstuhlAer Kritik gefordert, habe nie ihrer Person etwas zugcmuthet, was über den Bildungskreis ihrer Zeit hinausreicht und immer nur ihre Lehre für eine erweiterte Bildungssphäre bestritten. Ich fordere daher den essrigsten Verfechter des lalmudischen Judenthums, oder was dasselbe ist, des Ceremonialgesetzes, meinetwegen Hrn.. Frankel heraus, er möge aufrichtig ge, stehen, ob er, wenn der gefeierteste Mischnahlehrer, Rabbi Jehuda Hanasi, genannt der Heilige, vor ihn träte, trotz der Achtung, die er ihm als Mann seiner Zeit nicht versagen kann und wird, nicht dennoch im Vergleich mit sich selber, seiner Kenntniß der Geschichte bis zur Epoche der Mischnahlehrer und von dieser bis zurGegei^ wart, seines philosophisch geübten Scharfsinns, seiner Sprachen« kenntniß, kurz seiner ganzen orientalischen und europäischen Bildung über den engen und beschränkten Gedankenkreis, über die bornirte Einfalt des Mischnah-Rcdacteurs nicht mitleidig die Achsel zucken würde. Und Hr. Frankel wird doch nicht behaupten wollen, daß er diese seine Gcistesen inenz etwa blos seiner religiösen Thätigkeit verdanke, sondern vielmehr zugeben müssen, daß außer ihm noch Männer cristiren, die des Vorzuges der religiösen Thätigkeit beraubt, gleichwohl eine Parallele mit dem Heros vcö Mischnahzcitaltrrs aushalten würden. Es ist daher thöricht und eitel, wenn mau dem heutigen Menschen, der ein ganz anderer als der des Alterthums geworden ist, »och .nnner das Ceremonialgesctz als das ausschließlich geeignete Mittel, den Menschen in sittlich-religiöser Beziehung zu fördern, anpreißt. Cs ist wahrlich der Ausdruck nicht zu stark, wenn wir dies einem Pasquill auf die Weisheit Gottes nicht unähnlich halten. Wir müssen uns daher nicht wenig wundern, in der des Gediegenen und Vortrefflichen recht viel enthaltenden, äußerst belehrenden Schrift des rüstigen Forschers auf dem Gebiete der Religionsphilosophie, unseres Freundes und Amtsbruders Hrn. Dr. Sam. Hirsch (die Reform im Juventhum re. 1844) Aeußerungen über diesen Punkt zu finden, die mit dem ganzen tüchtigen Forschergeist, der jene Schrift durchweht, ziemlich stark kontrastiren und wirklich in derselben außer allem Zusammenhang und wie ein höre d’oeuvre erscheinen. „Viele Symbole," heißt es das. S. 39 sehr richtig, „find dem alten Judenthume, den alten Religionen überhaupt nöthig gewesen; denn zu einer Zeit, wo noch keine Buchdruckerkunst erfunden, wo schriftliche und Privatbelehrung kaum möglich war, mußte das Symbol im öffentlichen Cultus und in der häuslichen Andacht den Religionsgedanken immer lebendig zu erhalten suchen." Was sollte man nach dieser Vorausschickung billig anderes erwarten, als daß in einer fortgeschrittenen Zeit, in welcher namentlich die Buchdruckerkunst den Menschen in geistiger Beziehung völlig umgewandelt, in welcher öffentliche und Privatbelehrung den Geist fortwährend anregen, das Symbol entbehrlich sei? Allein diese gerechte Erwartung hat der Berf. seltsam genug auf das Auffallendste getäuscht. „Symbole", fährt er vielmehr unmittelbar darauf fort, „find auch heute unerläßlich; denn der Mensch muß sein Religionsleben in äußern Handlungen sich und Andern zur Anschauung bringen, um sich des gemeinsamen geistigen Lebens bewußt zu werden." Mit einem gewaltigen Stoß hat der Sefcf. uns von der Höhe der Gegenwart in die unabsehbare Tiefe Ler Vergangenheit hinabgeschleudert. Umsonst gibt die Geschichte der Menschheit Zeugniß von mehrtauscnvjährigcr Geistesarbeit, umsonst eifert Deutschland unv Frankreich um den Erfinder der Buchdruckcrkunst, der dem Menschengeist die letzte Fessel des Mittelalters gebrochen, umsonst ist die Gegenwart stolz aus die großen Errungenschaften im Gebiete des geistigen Lebens, umsonst, Symbole sind auch heute unerläßlich; denn der Mensch muß sein Religionsleben in äußern Handlungen sich und Andern zur Anschauungbringen, um sich des gemeinsamen geistigen Lebens bewußt zu werden." Abgesehen von allem Andern, enthält dieser Nachsatz zwei logische Fehler. Denn bedarf erstens der Mensch keines Symbols, um sich des rndivivurllen gestigrn Lebens bewußt zu werden, und braucht somit sein Retigionslcbrn sich nicht in äußern Handlungen zur Anschauung zu bringen, wie sollte das für das individuelle geistige Leben unnütze, weil entbehrliche S um bol hinwiederum für das Bewußnverven des gemeinsamen gerstigen