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Der Israelit des neunzehnten Jahrhunderts · 1846-03-15 · Heft 11 (15.3.1846) · page 7

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Journal
Der Israelit des neunzehnten Jahrhunderts
Volume
7 (1846)
Issue
Heft 11 (15.3.1846)
Date
1846-03-15
Page
– (sequence 7)
Language
German
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87 Anregendste desselben. Vor Allem ist es die reiche Lebensanschauung des Redners, welche die Hörer fesselt. Er weiß, wie nur wenige, den in den verschiedenen Zeiten und Richtungen waltenden Geist zu würdigen, die gegenwä tigen Zustande mit denen der Vorzeit zu parallclisiren und das gewonnene Resultat für das Leben der Gegenwart und das, was diesem Noth thut, zu benutzen. Dabei entwickelt er in der Ucbertragung der alten Termini jüdischer Scholastik in die der neuern Philosophie eine seltene Gewandtheit und versteht es auch durch die Lebendigkeit und Angemessenheit seines Ausdrucks dem Terte selbst Leben und Frische zu geben. Und wer bilden nun die Zuhörer des Pr. W., weder unsere i sogenannten Lamdanim, die, ohngeacktet der Bann des Rabbi Salomo Ben Adcrethe seit 500 Jahren erloschen, immer noch jeden philosophischen Gedanken als^^tzerei und Gotteslästerung ansehen, noch unsere Ultras, denen nn vernunftgemäßes Judenthum ein unzuentdeckendes Land zu sein scheint. Nein, außer den Hörern, für welche die Vorträge ursprünglich bestimmt waren und wozu sich noch einige christliche Theologen gesellten, besteht die Zahl der übrigen größtentheils aus derjenigen Klaffe unserer Gemeinde, welche die ganze Woche mit Kummer und Sorge zu kämpfen haben, um ihren Familien das tägliche Brod zu verschaffen, aber freudig die freie Stunde benützen, die sich ihnen am Sabbathe für ihre Erholung und Belehrung darbictet. Ein neuer Beweis, daß cs mit dem Volksbcwußtsein nicht so steht, wie Herr Frankel meint, daß, im Gegentheil, viel Empfänglichkeit und Elastizität, sich umzuformen, in ihm vorhanden ist, und daß es nur von seinen Lehrern abhängt, aus dem bildungsfähigen Stoff eine Medusa, eine Megära, oder eine Minerva zu bilden! — Emancipations - Gesuche in Baiern. (Aus Mittelfranken.) — Ich kann Ihnen heute mitthei. len, daß nunmehr auch von den Gemeinden Oberfrankens Vorstellungen, die Emancipation betreffend, bei der Kammer eingelanfen sind, die sich die Abgeordneten Willich, Wagner, Sattler und Schwager als Anträge angeeignet haben. Somit haben alle Gemeinden Baiern's, haben 60,000 Bedrückte einen gleichen Nothschrei erhoben und gewärtigen , daß er nicht abermals spurlos verhallen wird. Das Gesuch der Gemeinde Ansbach hatte sich in der sechszehnten öffentlichen Sitzung der Abgeordnete Leibold angeeignet, was im ersten Augenblick uns auf das Angenehmste überraschte. Hr. Leibold ist der Abgeordnete Rothenburgs, der Stadt, welche ihren Juden in früheren Tagen so viel Leids zugefügt hatte (hier saß ja der bekannte L"-,7p2'Rothenburg viele Jahre im Kerker.) Diese Stadt, dachte ich, wird, wie Straßburg. Main; und Köln, die früheren Nnbillen gegen die Juden wieder gut machen. Wird Rothenburg seine Thore wieder den Juden öffnen, so wird es auch Nürnberg :c. thun, und die in Aussicht gestellte Aufhebung der Matrikel wird eine Wohlthat uns werden. Aber wie bald wurde ich enttäuscht. Aus den Worten, welche der Hr. Abgeordnete hiebei sprach, sieht der Pferdefuß hervor. „Mehrere ähnliche Anträge, sprach er, seien bereits von der hohen Kammer für zulässig erkannt worden. Wenn er sich daher für heute auf die Einpfehlung einer gleichmäßigen Zulassung des gegenwärtigen beschränke, so sei es dabei nicht gemeint, für eine völlige Einräumung aller politischen und bürgerlichen Rechte zu sprechen, welche die Verfassung im Tit. III §. 9 den christlichen Kirchengesellschaflen Vorbehalten habe unv deren Aushebung oder Abänderung nur von der Krone den Ständen vorgeschlagen werden könne. Auch könnte er andrerseits auch nicht für die Entziehung derjenigen Rechte und Privilegien stimmen, welche manche Gemeinden, insbesondere die ehemaligen freien Reichsstädte in Bezug auf neue Ansiedelung von Israeliten bisher unangetastet besessen haben." Bei Morivirung der Vorstellung der israel. Bürger der Pfalz, welche sich, wie bereits gemeldet, sämmtliche Abgeordnete dieses Kreises angeeignet hatten, äußerte der Abgeordnete Eppelsheimer: Das vorliegende Gesuch der jüdischen Glaubensgenossen in der Pfalz bezwecke nicht die politische Gleichstellung derselben mit den christlichen Confessioncn, sondern blos die Aufhebung eines Dekrets, welches die Ausübung ihrer bürgerlichen Rechte beschränke und von Vorbedingungen abhängig mache, welche die Grundfesten ihrer rechtlichen Existenz erschüttern und geeignet erscheinen, noch als Denkmale des finstern Mittelalters daznstehen. Das napoleonische Dekret vom 17. März 1808 habe in den politischen Verhältnissen der Juden eine Aenderung der Art zu erzielen bezweckt. daß sich dieselben mehr und mehr den bürgerlichen Gewerben und dem Ackerbau zuwenden möchten. Die hierdurch eingeführten Beschränkungen beständen im Wesentlichen darin, daß kein zu Gunsten eines Juden ausgestellter Schuldschein gerichtlich verfolgt und daß hierauf auch nicht exekutiv vorgeschritten werden könne, wenn nicht bewiesen sei, daß der Schuldner das Geld ohne Abzug erhalten habe. Ferner dürfe kein Jude Handel »reiben, ohne ein jährlich zu erneuerndes, aus ein von Jahr zu Jahr vorzulegendes Sittenzcugniß sich gründendes Handelspatent; sodann sollen Handelsakte von nicht patentisirten Juden null und nlchtlg, unv endlich den Juden nicht gestattet sein, einen Ersatzmann bei dem Militär zu stellen. Diese Beschränkungen, welche nach rem Dekret nur provisorische Gültigkeit auf 10 Jahre haben sollten.

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