Der Israelit des neunzehnten Jahrhunderts
- Journal
- Der Israelit des neunzehnten Jahrhunderts
- Volume
- 7 (1846)
- Issue
- Heft 11 (15.3.1846)
- Date
- 1846-03-15
- Page
- – (sequence 6)
- Language
- German
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86 spricht von großen Vermächtnissen, welche er in seinem letzten Willen jüdischen wie christlichen öffentlichen Zwecken zugewendet haben soll. Doch fehlen hierüber noch die Einzclnheiten. Bevor ich ineinen Nachtrag schließe, will ich Ihnen noch den, in unserer Zeit nicht zu übersehenden Umstand mittheilen, daß sich eine ansehnliche Anzahl orthovorrr Juden zusammengerhan, um vorläufig darüber zu berathschlagen, ob sie dem Parlamente Nicht eine Petition vorlegen sollen, in welcher sie dasselbe um die Entwerfung einer Bill zu bitten hätten, nach welcher kein Jure am Sabbath vor ein Gericht, besonders vor das Schuldgerichi, mit welchem sie es am meisten wohl zu thun haben, geladen werden darf. Es dürfte sein, daß sie die Hülfe des Chief-Rabbi hiezu in Anspruch nehmen und daß selbst Christen ihnen dabei behülflich sind. Die Sache ist nicht mehr als billig und gerecht. Fortschritte in Prag. De. Wessely. (Prag im Marz.) — Der Artikel über die hiesigen Zusta'nke in Nr. 4 Ihrer Blätter hat, wie Sie sich denken können, hier einen sehr verschiedenen Eindruck hervorgebracht. Die, welche vermöge ihrer Stellung in der Gemeinde, auch den verzeihlichen Wunsch haben, daß die letzte ihren früheren alten Ruhm im Auslande noch fetzt behaupte, waren natürlich etwas empfindlich über jenen scharfen Artikel, während diejenigen, die cs der Gemeinde nicht verzeihen, daß sie so ganz hinter den Bewegungen der neuen Zeit zurückgeblieben, ihre stille Freude an jener Darstellung hatten. — Jndeß möchte auch hier die Wahrheit in der Mitte liegen, und so wenig ich die Richtung, welche unser Oberjurist Rappaport und unser frühere Prediger Sachs vertreten, billigen kann, so möchte ich doch auch nicht die Aeußerung in dem gedachten Artikel unterschreiben, „Prag, das jüdische Prag nämlich, ist von dem neuen Geiste, der das Judenthum erweckt und belebt, ganz unberührt geblieben." Das ist nun einmal nicht wahr! Freilich an den großen Reformbewegungen, wie sie in andern deutschen Gemeinden hervortratcn, konnte das österreichische Prag sich nicht betheiligen. Das liegt einmal an der ganzen Richtung unsres Landes, die das Geräuschvolle, Polemische, mit Ungestüm und Räsonnement Auftretende nicht mag. Aber darum hat der Geist der Reform nicht minder seine Werkstätte auch bei uns aufgeschlagcn und hämmert und schmiedet im Stillen an dem Bau einer neuen Zeit. Das bezeichnet die Begierde, mit welcher man hier die jüdischen Journale, sowie überhaupt alle neuen Erzeugnisse unserer Literatur liest; das bekundet der kritische Geist, welcher in unseren Gelehrten erwacht ist,*) und der schon die ftarr-kabbinische Anschauung, ohne daß er fich*s gesteht, überwunden, und das stellt sich am klarsten durch das große Interesse heraus, welches man den ganz vom Geiste des Fortschrittes beseelten Borträgen unseres Dr. Wessely über den Kusari schenkt. -- In der That gehören diese zu den erfreulichsten Erscheinungen in unserer Gemeinde und Sie müssen mir daher auch schon gestatten. Einiges über dieselben zu äußern. Wessely, der auch Religionslehrer am Gymnasium und für die Lehramts- und RabbinatS-Candidaten ist, hatte es vor einiger Zeit unternommen, den etwa aus 40 Personen bestehenden Schülern der höhern Klaffe unentgeltlich religiös-philosophische Vortrage zu halten. Er machte nun mit der Erklärung des Kusari von R. Jehuda Halewy den Anfang und wollte diesem die des More Ncbuchim voy Maimonides und Andere folgen lassen. Diese Vorträge, zu welchen er die Vormittage vom Sabbath und Sonntag bestimmte, fanden aber einen solchen Anklang in der Gemeinde selbst, daß die Zahl der Zuhörer sich jetzt auf 4 — 500 beläuft und der Vortragende sich nach mehrcrem Wechsel gcnöthigt sah, den größten Saal des Schulgebäudes zu seinen Vorträgen zu wählen, der aber auch die Zahl der Wißbegierigen nicht mehr faßt, so daß schon stundenlang vor Eröffnung sich Leute einfinden, um sich Plätze zu versichern. Was nun diese Vorträge in so hohem Grade auszeichnet, ist weder die Persönlichkeit des Vortragenden, noch ausschließlich der allerdings höchst interessante Inhalt des Buches, sondern muß in der Art der Behandlung gesucht werden, in welcher so ungemein viel Geist- und Gemüths - Fond liegt, daß unvermerkt ein Verschmelzen vom Denken und Empfinden des Redners mit dem des Hörers sich bildet, was für die Zukunft nur von den wohlthätigsten Folgen sein kann. Das Material des Vortrags bildet jedesmal ein Abschnitt des Kusari. Dieser wird nach seinen sprachlichen Elementen, historischen und philosophischen Beziehungen erläutert, übersetzt und erklärt und dann die innere Wahrheit der Ansichten auf die fteimüthigste Weise besprochen. In dem, was sich an diese Besprechung reihet, liegt eben das *) Selbst unser Rappaport, der in seinem Sendschreiben an die Rabbiner-Versammlung in Frankfurt a. M. eine Wissenschaftslosigkcit und Naivität verräth, wie sie bei den Rabbinen des vorigen Jahrhunderts angetroffen wird, gesteht doch in demselben, daß die Institutionen der sogenannten mündlichen Lehre tausend Jahre später als die der schriftlichen cingeführt wurden, was dem Grundgedanken des Rabbiniömus, wornach beide zugleich dem Moses auf, dem Berge Sinai geoffenbart wurden, pm nvnb uru» mson (Maimomd.) ja geradezu widerspricht.