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Der Israelit des neunzehnten Jahrhunderts · 1846-03-15 · Heft 11 (15.3.1846) · page 4

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Journal
Der Israelit des neunzehnten Jahrhunderts
Volume
7 (1846)
Issue
Heft 11 (15.3.1846)
Date
1846-03-15
Page
– (sequence 4)
Language
German
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84 und wiederum sie entlockte der hebr. Sprache ihr ganz fremdartige Klänge, sie schmückte die edel einfache mit allerhand Flitterwerk neuer Künstelei; aber so mächtig ist der Trieb der Wirksamkeit, so sehr weiß der Geist sich die nothwendigen, wenn auch noch so eigenthümlichen Wege zu bahnen, daß ein jeder innere Widerspruch verstummt, daß dieser selbst in den Organen und Trägern einer solchen Wirksamkeit durchaus nicht unheimlich gefühlt wird, sondern die verschiedensten Seiten, Gesichts¬ und Zielpunkte sich harmonisch vereinigen. Erst dann, wenn das Mittel seine Wirkung gethan, unnöthig und unbrauchbar geworden, wenn es zu seiner eigenen Vernichtung bereits hingeführt hat und sich dennoch noch geltend machen will, dann entsteht Mißmuth und Unzufriedenheit, Klage über zu geringe Beachtung, und es wird nicht erkannt, daß der Geist sich nun bereits andere Gefäße gewählt. Die Zeitschrift „der Sammler" wurde von den Einsichtigen und Empfänglichen mit Jubel begrüßt, von den Erstarrten mit Mißtrauen als ein ganz fremdartiges Element betrachtet, von den Eiferern verdammt, aber sie war ein großartiger Hebel zur Heranbildung der Juden, sie war die Brücke, welche sic aus ihren engen Gassen in die Zeit einführte. Den armen Geknechteten eröffnete sich eine ganz neue Welt des freien heitern Geistes, sie gewannen Geschmack an schöner Literatur, sie lernten die Bibel nach ihrem einfachen Sinne, in ihrer kunstvollen Simplicität kennen, sie hörten von Kenntnissen, die ihnen einen Blick in Narur und Menschheit gestatteten, und mit freudiger G-er schöpften sie, bis sie sich vorbereitet hatten, an die Quellen selbst zu gehn. So erschien der Sammler sechs Jahre hindurch, und mit bewundernswerther Gewandtheit, jugendlicher Lust und Frische bewegten sich die Arbeiter, doch dann versiegte die Kraft, oder vielmehr nicht die Kraft, sondern die Empfänglichkeit; die großen Weltereignisse, die mit dem I. 1789 begannen, hatten den langsamen Gang der Zeit beflügelt und die Juden mit in den Kreis der Begebenheiten hineingestoßen, schon regte sich in ihnen immer mehr das vaterländische Gefühl, schon wurden allmälig die Grundsätze der Staatseinheit, der Bürgergleichheit, wenn auch in Deutschland sehr langsam, mit auf sie angewandt, und so war die Sprache der Bildung für sie nicht mehr ein geläutertes Hebräisch, sondern die Muttersprache. Der Sammler hatte seine Mission erfüllt, und als die alten bewährten Kämpfer, Wolfsohn und Löwe, im I. 1794 in Breslau den Entschlafenen wieder in alter Gestalt zu erwecken versuchten, da konnte er, trotz der alten Kunstfertigkeit, trotz neuer polemischer Zutbat, nicht mehr zu vollem Leben erwachen, und Löwe selbst mußte eingestehen, daß kein Publikum mehr für ihn vorhanden sei, wie er dies in einem witzigen Epigramme aussprach, das in Uebersetzung etwa lautet: „Man ftagt mich, ob der Sammler fürder sammle oder selber eingesammelt werde, darauf erwiedere ich: nicht an Trieb fehlt's, sondern an dem Treiber". Und so oft später Wiederbelebungsversuche gemacht wurden — und es fehlte daran nicht bis zur neuesten Zeit, namentlich vom Osten angeregt —, sie gingen wirkungslos vorüber, spurlos unter. Die bebr. Sprache ist auch für die Juden aus dem Leben gewichen und sie ist nicht mehr die Sprache der Bildung; frisch strömt ihnen das Geistesleben in! der vaterländischen Sprache zu, und sie ist die Mittlerin für Gedanken und Lebensanschauungen geworden. Wenn die hebr. Sprache noch eine überwiegend kirchliche Geltung für die Juden hat und dadurch noch eine gewisse Bekanntschaft mit ihr unter ihnen vorhanden ist, so beruht dies in der breiten geschichtlichen Unterlage, welche die hebr. Sprache für ihre Religion gewonnen, und in religiösen Institutionen behauptet die Geschichte eine oft heilsame, oft auch zähe Macht. Für die allgemeine Bildung bedürfen die Juden keiner besonderen, eigenthümlich gefärbten Organe mehr, sie nehmen geistig an Allem Antheil, was das deutsche Volk bewegt, empfangen unmittelbar, was es zu Tage fördert, und fördern redlich mit; für ihre religiösen Angelegenheiten, traurig genug, daß der Staat an diese noch manches Andere nicht dazu Gehörige knüpft — für sie allein sind in neuerer Zeit besondere Zeitschriften in rascher Triebkraft hervorgetreren, aber alle in deutscher Sprache, mochte auch die Richtung manches dieser Blätter eine streng altertbümliche sein, Beweis genug, daß Deutschlands Juden, soweit es an ihnen liegt, im vollsten Sinne des Wortes jüdische Deutsche geworden sind. Möchte die Zeit bald erscheinen, in welcher des Staates volle Gesundheit sich in der vollen bürgerlichen Gleichstellung de Juden kund gibt, in welcher der tiefdenkende deutsch Geist auch in noch erhöhterm Aufschwünge der jüdischreligiösen Literatur sich manifestirt! Dann wird auch die Unbckannlschaft von jüdischen Zuständen und Be-

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