Der Israelit des neunzehnten Jahrhunderts
- Journal
- Der Israelit des neunzehnten Jahrhunderts
- Volume
- 7 (1846)
- Issue
- Heft 11 (15.3.1846)
- Date
- 1846-03-15
- Page
- – (sequence 2)
- Language
- German
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linge aus der pyrenäischen Halbinsel das Spanische und Portugiesische, die Juden Italiens das Italienische handhabten und in diesen Sprachen Werke schrieben, konnte es den deutschen Juden — denn jüdische Deutsche gab es damals nicht — nicht in den Sinn kommen, sich der deutschen Sprache, welche die literarischen Bestrebungen des deutschen Volkes selbst noch nicht umspannte, zu bedienen. Woher sollte auch für sie, die in tiefster Entwürdigung schmachteten, eine freundliche Berührung mit dem Geiste des herrschenden Volkes entstehen? Eingepfercht in Iudengassen, mit besonder» Abzeichen versehen, bei jeder kleinen Wanderung einen Lcibzoll zu entrichten verpflichtet, von jeder ehrenhaften Laufbahn zurückgedrängt, dem Hobne und Spotte preisgegeben, konnten die Juden zu einer höhern geistigen Entwicklung nicht gelangen. Dazu kam, daß die Verfolgung der Juden durch die Kosacken im I 1648 eine große Anzahl von Flüchtlingen dorther nach Deutschland wälzte, wo sie Iugendlehrer und Rabbiner wurden, die Sprache noch mehr verderbten und manche barbarische Sitte aus ihrer Hcimatb verbreiteten; waren die Juden auch sonst nicht Deutsche, so hatten sie doch die Eigenthümlichkcit des deutschen Volkes angenommen, einen besondern Gefallen an und besondere Achtung vor dem Ausländischen zu empfinden. Doch die allgemeinen Verhältnisse erlitten einen großartigen Umschwung, der deutsche Geist erwachte und ermannte sich, und ein Sinn edier Humanität verbreitete sich, und urplötzlich wurden auch die Juden davon getroffen, erst in leisem Zucken, dann in stärkeren Regungen, bis sie dann endlich ganz davon durchdrungen wurden. Die Humanität, welche die Sitten veredelte und die Milde vorherrschend zu machen bestrebt war, drang freilich nicht alsbald in rechtliche Verhältnisse, in gesetzliche Stellungen ein; man wollte Vorrechte, Ucberordnungen keineswegs aufgeben, sondern blos in seiner höhern Stellung die Gewalt nicht mißbrauchen, sie menschlich anwenden. Die Juden blieben daher im Ganzen in ihrer Rechtlosigkeit, und es kostete viele Jahrzehnte, bis der Lcibzoll in den verschiedenen Staaten Deutschlands abgeschafft wurde; Friedrich der Große behandelte die Juden noch immer als ein unnützes Gesindel, und er konnte sich nicht entschließen, den 1771 in die Akademie gewählten Moses Mendelssohn zu bestätigen, und Joseph's des Zweiten Tolcranzedikt, des vielgepriesenen, von Klopstock dithyrambisch besungenen, zeigt, wie weit die Zeit von einer rechtlichen Anerkennung war, eine jede Milderung als Ausfluß überschwenglicher Huld betrachtete. Und dennoch, wo der Geist sich entfaltet, da spottet er der willkürlich ibm gesetzlenSchranken und er durchbricht die Hindernisse, die vor ihm aufgethürmt werden. Auch in die Herzen der Juden zog allmälig der Frühling, wenn auch der Winter mit seinem Froste und seinen Stürmen noch alle ihre Verhältnisse durchbrauste. Moses Mendelssohn (geboren 1729, gestorben 1786) war cs, der mit großartiger Einwirkung die Umwandlung der Juden beschleunigte, er führte die Begabten seiner Umgebung in die Literatur und Anschauung der Zeit ein, der Gesammkbeit bahnte er den Weg durch manche kleine hebr. Schrift, welche den Geist aus den Engen und Finsternissen rabbinifcher Scholastik befreite, und durch seine Ausgabe der fünf Bücher Mo, ses mit deutscher Uebersetznng — die sich aber auch der hebr. Lettern bedienen mußte — und einen verständigen hebr. Commcntar. So weit war die Kluft geworden zwischen den Juden und ihren Mitbewohnern im Vaterlande, daß es für sie noch immer eines besonderen Mediums bedurfte, um ihnen die neuen Bestrebungen zuzuführen; in den nun eröffncten Gärten der deutschen Dichtkunst zu lustwandeln, mit den deutschen Denkern in die Tiefen hinabzusteigen vermochten sie nicht, weil ihnen Verständm'ß und Geschmack dazu fehlte, weil die Sprache, welche diese Schätze ihnen darbot, ibucn unzugänglich war. Sollte die Gesammtbcit der Empfänglichen angeregt werden, so mußte an das angeknnpir werden, womit sie vertraut waren. Und wo ein Streben und ein Bedürfniß vorbanden ist, da weiß es sich auch immer die Wege zu seiner Befriedigung durchznbrechen. Berlin, Königsberg und Breslau zeigten sich als die strebsamen Orte, als die Brennpunkte der nun erwachten Bildung unter den Juden, jedes in der ihm eigenthümlichen Art, Berlin in rascher Aufnahme der ihm zugeführten Elemente, mit reicher Intelligenz, aber ohne Thatkraft, ohne Nachhaltigkeit, Königsberg in jugendlicher Lust den Gedanken zu einer That verwirklichend und das Banner vortragend, Breslau sich freudig und rüstig anschließend. Eine Zeitschrift mußte gegründet werden, welche ununterbrochen und mannigfaltig anregte, den Geschmack bildete und die Gebiete des Wissens zugänglich machte, aber diese Zeitschrift mußte in der Sprache erscheinen, welche ebensowohl die Auto-