Mannheim
Compact Memory

Der Israelit des neunzehnten Jahrhunderts · 1846-03-08 · Heft 10 (8.3.1846) · page 5

Scan of the page
Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Der Israelit des neunzehnten Jahrhunderts
Volume
7 (1846)
Issue
Heft 10 (8.3.1846)
Date
1846-03-08
Page
– (sequence 5)
Language
German
Belongs to
journal issue
OCR quality
96% known words query
IRI
…/2566751-2567017-2567028--1905-2569760
Visual Library
page viewer of the UB Frankfurt

No entity mentions on this page.

OCR text

77 sich erfreuen, während hier um jeden Zoll des Rechtes Jahrzehnte, und auch Dies oft ohne Erfolg, zu kämpfen haben. (Schluß folgt.) Geschichte des Tages. Verschiedenes aus England. (London im Jan.). — Werfen wir e.nenBlick auf das vcr- J fivfsene Jahr, so hat sich dieses für die Juden keines andern Landes so ersprießlich gezeigt, wie für die israelitischen Bewohner des j britischen Reiches. Ich hebe hier zwei Emancipationen hervor, die ihnen in diesem Zeiträume geworden und welche die zwei Welten des Menschen umfassen; ich meine die physisch-sociale und die sirtlich - geistige. Von crsterer brauche ich wohl kaum zu sprechen, denn ihre Eindrücke find in unserer aller Gedächtnisse noch so frisch, daß sich wohl alle Gebildete unseres Glaubens derselben in ihrer Erkämpfung noch recht gut erinnen werden. Jedoch will ich auch hier eines Umstandes hervorheben, welcher der Beachtung aller Welt, besonders der deutschen Bevölkerung werth ist. Als nemlich 1830 (am 5. April) R. Grant sich zuerst in England mit dem Ruhme krönte, im Unterhause die bekannte Motion für Judcncmancipation eingebracht und sie so siegreich verfochten zu haben, daß ihre erste Verlesung mit einer großen Majorität durchging erhob sich in der zweiten Sitzung, wo dieser Gegenstand wieder verhandelt wurde, der damalige Staats-Sekretair des Innern und jetziger Premier Sir Robert Peel vorzüglich aus Gründen des christlichen Staates gegen diese Bill und wußte ihr auch so durch seine Beredsamkeit ihre frühere Majorität zu entziehen. Jetzt hat sie der Gegner selber, wenn gleich in etwas beschränkterer Umfassung, (denn jene schloß auch die Parlements-Emancipation in sich, während sic diese ansschloß) eingebracht und durchgeführt, was de, sagt das Anderes, als das daß sich das Pr nzip des christlichen Staates, will man anders nicht die größten bürgerlichen Jneousequenzcn, ja moralischen Grausamkeiten begehen, praktisch nicht durch, führen läßt! Was der Premier in spe nicht durch Theorie lernen wollte, das mußte der Premier in netu durch die Erfahrung lernen. Wenn Peel diesmal den Juden das Parlament noch verschließen zu müssen glaubt, so liegt dies nicht an einem noch theil« weisen Festhalten an der früheren Verstellung des christlichen Staates, sondern es ist der Grund hiervon vielmehr darin zu suchen, daß der erste Minister einen stusenweisen, durch die Erfahrung bewährten Fortschritt haben will, sich vielleicht auch seinem Freunde Wellington vorläufig noch etwas zu accommodiren sucht. Kommt doch, was die Umstände herbeifjjhren könnten, ein Russel-Peelfches Ministerium zu Stande, so dürfte die völlige Emancipation vielleicht noch in dieser Session um so mehr zu erwarten sein, als Rüssel schon 1830 entschieden für dieselbe auftrat und er in den dazwischenliegenden 15 Jahren seinen Whigismus mit der Zeit noch tiefere Wurzeln schlagen'ließ. Ich führe dies blos mehrerer Staaten Europas halber an, welche, da sie doch einmal auf die Peelschen Prinzipien der Staatspolitik so viel halten, auch das Aufgeben eines Prinzips von ihm lernen möchten. Die zweite Welt, welche die englische Zudenheit errungen, oder doch zu erringen bestrebt ist, ist die geistige, die Welt der Erkenntniß. Den Grund hiezu hat das „Institut zur Verbreitung literarischer und wissenschaftlicher Erkenntniß unter Juden" gelegt, und wird auch hoffentlich das Gebäude der geistigen ganz fest, deren gerade die diesseitigen Juden so sehr bedürfen, aufführen helfen. Das Institut ist ein Jahr alt und hat seinen Sitz in der Weltstadt, kann aber nichts destoweniger als ein Institut für die Juden des Reichs bezeichnet werden, da in London zwei Drittheile von ihnen (40.000) residnen und das übrige Drittel an dessen Wirken durch die jüdische Presse theilhaftig gemacht wird. Es werden in demselben von Gelehrten aller Confessionen Vorträge über die verschiedensten Fächer des Wissens gehalten, welche nicht nur Mitglieder, sondern auch Nichtmitglieder anzuhören berechtigt sind, insofern letztere eingeführt werden oder ein geringes Entree zahlen. Die Anzahl der Mitglieder ist sehr groß, und was besonders hervorzuheben, wahrhaft wißgierig, was demjenigen, der den englischen Juven noch vor wenigen Jahren gekannt, viel sagen will. Herr de Castro ist Präsident und der Seelsorger der deutschen Gemeinde, Dr. Adler, hat sich als Mitglied aufnehmen, und der Bibliothek des Instituts die Werke Mendelssohns übermackcn lassen. Ihm find viele orthodoxe Häupter gefolgt und scheinen gelehrte Zeloten, wenn dies Anders möglich werden zu wollen. Die altfränkisch fromme, "„Voiee ok Jacob0 fm$t bei den Gebildeten der Gemeine den neuen Rabbi durch seinen Hinzutritt zum Institut auf's beste zu insinuiren; sie ruft: seht, wie der fromme Mann auch der Wissenschaft und Kunst nicht in den Weg tritt. — Wichtiger noch dürfte dies Institut dadurch werden, daß man jetzt einen Plan entworfen, nach welchem mit demselben eine jüdische Akademie, eine Art Rabbiner-Schule verbunden werden soll. Demzufolge sollen drei gelehrte Autoritäten berufen werden, von welchen die eine Talmud und 2'pvlS, die andere hebräische Sprache und Literatur und die dritte das klassische Gebiet der künftigen! Volkslchrer i erbringen soll; allerdings muß es mit diesen küftigen! jüdischen Gelehrten schlecht aussehen, wenn sie in Philosophie und Naturwissenschaften ununterrichtet bleiben sollen. Doch liegt dies

Text as recognised by OCR (ABBYY FineReader), without corrections. Entity mentions: TagMe (2021); their positions were matched to this text again.