Der Israelit des neunzehnten Jahrhunderts
- Journal
- Der Israelit des neunzehnten Jahrhunderts
- Volume
- 7 (1846)
- Issue
- Heft 10 (8.3.1846)
- Date
- 1846-03-08
- Page
- – (sequence 3)
- Language
- German
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75 Nicht einmal ein Urtbeil zu fallen vergönnt sein sollte. Als die Helden der deutschen Jahrbücher, Bruno Bauer und Genossen, sich zu solcher Einseitigkeit hinaufschraubten, jeden Andersdenkenden, zumal die Juden, aus dem alleinseligmachenden philosophischen Staate auszuschließen, da erkannte! man, daß das Reden von dem befreiten und befreienden! Gedanken eine bloße Phrase geworden, die von ihnen! machtlos verhängte Vehme war bald wirksam über sie j ausgesprochen. Hätte man in Deutschland den Gedanj feit einer freien Religiousübuug ohne Behinderung in den . Rechten der Juden verwirklicht, man würde in neuerer! Zeit nicht einen Kampf zu bestehen haben, für den man früher durch engherzige Ausschließung einer Religionspartei wegen ihrer Religion die Waffen gegen sich selbst geschmiedet, und dessen Ausgang dadurch ein so sehr zweifelhafter ist. Ist man ja bis zur Stunde, durch die Ereignisse allerdings zu schärferer Conscquenz gedrängt, noch immer nicht zu der Reife gelangt, das Scheidende und Sondernde aufzugeben, und Zittel's Motion für Religionsfreiheit schrumpft doch zuletzt zu einem Freibriefe für das Cbristenthum ein, wo jedoch der besondere Regierungsbegriff über wahres Christenthum eine jede Einengung möglich macht. Hingegen gab für die Blüthe des Reiches die günstige Stellung der Juden, als ein Zeugniß von der Vollkraft des staatlichen Lebens, die beste Bürgschaft. Die Macht der Araber in Spanien war ungebrochen, das Land stand voran nicht blos in Wissenschaft und Gesittung, auch in Festigkeit und Kriegsglück, bis die Almahaden um die Mitte des 12. Jahrhunderts fanatisch gegen Christen und Juden zu wüthen begannen. Frankreich hat unter Unruhen und Stürmen, unter den drohendsten Gefahren seine Macht Und Selbstständigkeit nicht eingebüßt^ da es den Gedanken der Gleichheit unter seinen Bürgern nicht verloren und ein nationales Band seine Glieder so umschlingt, daß der Staat sich immer wieder neu regenerirt; Holland und Belgien wissen sich eine Bedeutung zu erhalten, die nicht in dem Umfange des Landes, nicht in der Anzahl der Bajonette beruht, sondern in dem politischen Gedanken, der dem schwachen Körper eine starke Seele verleiht. Auch die lebendige, geistige Erregtheit eines Volkes spiegelt sich in den geistigen Bewegungen der jüdischen Literatur ab. Das elektrische Fluidum höherer Bildung zittert auch in den äußersten Gliedern des Volkes — und das waren noch immer die jüdischen Bewohner — nach; trotz Druck und Zurücksetzung— obgleich auch die Humanität mit den Resultaten des ernsten Denkens sich nothwendig vermählt — trotz dem Mangel an Begünstigung von den Lenkern des Staates, trotz der Verdrängung aus der vollen Theilnahme an dessen geistiger Tkätigkeit, fühlten die Juden dennoch immer die mächtigen Wirkungen der über das ganze Volk sich ausbreilenden geistigen Arbeit, sie arbeiteten endlich mit, und machten auch in sich den geistigen Prozeß bis zu dem Punkte durch, bis zu welchem jenes Volk sich durchrang. Nicht einzelne Hervorragende sind es dann blos, obgleich diese zuerst angeregt werden, eine ganze reiche Literatur knupfr sich an diese Epochen, und wo sie aus der Vergangenheit zu uns herüberragt, da mahnt sie den Geschichtsforscher zu ernstlicher Verfolgung einer in sich würdig ringenden, selbstständig nach der Lösung der wichtigsten Probleme strebenden Geisterbewegung in jenem Lande. In dem großen Gebiete der Weltgeschichte kann die Thätigkeit eines Volkes oft durch die gleichzeitigen mächtigeren mehr in die Aeußerlichkeit hervortreteuden Wirkungen eines andern Volkes leicht verdrängt werden; der Einfluß, welchen ein Volk auf die Gesammtbeit ausübt, hängt nicht blos von der Intensität seiner geistigen Macht ab, diese ist oft zu innig mit der ganzen, den übrigen Völkern weniger zugänglichen Volkseigentkümlichkeit verschwistert, als daß die Resultate derselben leicht übergehen könnten, und ihre Spuren können sich unter gewissen Umständen bald verwischen. In der jüdischen Literatur ist der Zusammenhang weit inniger, die gegenseitige Einwirkung weit weniger von Zufälligkeiten abhängig, ihr Andenken daher in ihrem Kreise bleibender. Nicht als ob unter den Juden ein gewisses geheimes Band außer dem ihres Glaubens, dem rein unsichtbaren, bestände — solche Ausgeburten des Vorurtheils schwinden vor dem klaren geschichtlichen Blicke —; allein ihre Literatur ist, gerade weil sie nicht in alle concreten Lebensverhältnisse eingehen konnte und zum Tbeile noch nicht kann, weil sie weniger mit der eigentkümlichen Beschaffenheit des Staates sich mischt, sondern gewissermaßen blos dessen reine geistige Essenz aufnimmt, auch dadurch einem weitern Kreise wenigstens unter den Ihrigen zugänglich, und sie gräbt ihre Spuren in geschichtlicher Ursächlichkeit in die ganze Zukunft ein. Nicht blos auf die spanischen Araber, die