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Der Israelit des neunzehnten Jahrhunderts · 1846-03-01 · Heft 9 (1.3.1846) · page 14

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Journal
Der Israelit des neunzehnten Jahrhunderts
Volume
7 (1846)
Issue
Heft 9 (1.3.1846)
Date
1846-03-01
Page
– (sequence 14)
Language
German
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4L Heber die Priucrpien eines dem gegenwärtigen Religionsbewußtsei« entsprechenden Cultus. Von Pr. Holdheim. (Erster Artikel.) (Fortsetzung.) „Die neueren Untersuchungen", fährt er das. fort, „über die Religionen des Alterthums haben zur Genüge dargethan, daß sie sammtlich einen symbolischen Charakter haben, also wie der Mosaismus in sinnlichen Formen sich bewegen. Daraus folgt nothwendig, daß die Stufe geistiger Entwicklung, welche sich solcher Form bediente, im Allgemeinen nicht gerade eine eigentümlich mosaische, israelitische, sondern eine dem vorchristlichen Alterthum überhaupt gemeinsame, allgemein menschliche ist. Das Bedürfniß, die Summe aller religiösen Vorstellungen in lauter sinnlichen Formen darzustellen und aufzufassen, setzt eine Anschauungsweise voraus, bei welcher eine unzertrennliche Verbindung des Geistigen und Biblischen, des Ueberfinnlichen und Sinnlichen, des Idealen und Realen stattfindet, und dieses war eben die dem ganzen Alterthum, besonders dem alten Orient gemeinsame Anschauung. Nach ihr ist die ganze reale Welt nichts anderes als die Erscheinung der idealen; die ganze Schöpfung ist wie ein Erzeugniß so auch ein Zeugniß unv eine Offenbarung der Gottheit; nichts Reales ist blose todte Masse, sondern ist Leib und Körper eines Idealen.... Diese Weltanschauung ist daher eine eigentlich religiöse zu nennen, die Welt wird dadurch zu einem großen Heiligthum, und ihre Einzelnheiten find lauter Zeichen, Worte und Buchstaben eines großen Offenbarungsbuches der Gottheit... Das Reale ist dann nicht blos äußerliches Zeichen, sondern steht als der Leib und nothwendige Ausdruck des Idealen mit diesem in einer Lebensgemeinschaft, so daß in und mir dem Realen zugleich das Ideale als unzertrennlich von ihr geschauet wird. War nun dem Menschen die Sinnlichkeit und Sichtbarkeit überhaupt der unmittelbarste Ausdruck des Ucberfinnlichen, eine Sprache und Offenbarung der unsichtbaren Gottheit an ihr, so folgte daraus nothwenvig, daß wenn er sein Inneres der Gottheit wollte offenbaren und darthun, worin überhaupt aller Cultus besteht, er sich derselben Sprache bediente, die die Gottheit mit ihm redete, daß er dasselbe durch die Gottheit selbst sanctionirte Darstellungsmittel, das Sinnliche, Sichtbare und Aeußerliche gebrauchte. Da die sinnliche Anschauung überhaupt die erste Basis aller geistigen Entwicklung ist... so ist ein an die sinnliche Anschauung unmittelbar anknüpfender Cultus vorzüglich dazu geeignet, den Menschen von Außen nach Innen, vom Leiblichen zum Geistigen, vom Sinnlichen zum Ueberfinnlichen zu führen. Jene ganze religiöse Weltanschauung, aus der die symbolischen Culte des Alterthums hervorgegangen sind, ist nun keinesweges eine irrige, unwahre.... Demungeachtet ist aber die Stufe geistiger Entwicklung, auf welcher, wie im Altcrthum, das Ideale nur in und mit dem Realen geschauet wird und beides in einer unzertrennlichen Verbindung sich befindet, nicht eine höhere' vollendete, sondern im Gegentheil die niedere, unvollkommene, es ist in Hegelscher Sprache die Stufe der Unmittelbarkeit. Eine höhere Stufe ist die, wo der Geist, ohne an das Medium des Nichtgeistigen gebunden zn sein, sich selber schauet und weiß. Auf jener Stufe religiöser Anschauung/ wo das Ideale nur in und mit dem Realen geschauet wird, ist der Geist noch mehr oder we. Niger in dem Realen, in der Natürlichkeit befangen und gebunden, er ist noch nicht zum völligen Bewußtsein seiner selbst gekon.men; es ist noch mehr Stufe und Standpunkt der Kindheit. Der Cultus daher, der aus dieser religiösen Anschauung hervorgegangen, der auf dieser Stufe der menschlichen Entwicklung Bedürfniß ist, nämlich der durchaus sinnliche, symbolische ist keinesweges der höhere, vollkommene, sonst wäre auch Christi Wort: „Es kommt die Zeit, und ist schon jetzt, daß die wahrhaftigen Anbeter werden den Vater anbeten im Geiste und in der Wahrheit," Ioh. 4, 23, ein verfehltes, und das Christenthum überhaupt, das jenem symbolischen Cultus e.n Ende machte, könnte dann kein Fortschritt (in der geistigen und religiösen Entwicklung der Menschen sein. Ein sinnlicher symbolischer Cultus in der Art, wie er im Alterthum überhaupt und namentlich im A. B. statt hatte, entspricht nicht mehr der Stufe christlicher Erkenntniß re." Wir wollen zuvörderst in Bezug hierauf von unserem jüdischen Standpunkt aus Bähr entgegnen, daß diese Umwandlung des sinnlichen, symbolischen Cultus in einen geistigen und innerlichen, wie er einer höheren Stufe geistiger Entwicklung, auf welcher das Ideale nicht blos in und mit dem Realen angeschauet uno beides in unzertrennlicher Verbindung mit einander gedacht wird, sondern vielmehr der Geist zum vollkommncn Bewußtsein seiner selbst gekommen ist, entspricht, und welche nach Bährs Darstellung erst durch das Wort Christi bewirkt worden sein soll, nach unserer jüdischen Ueberzeugung längst durch die Propheten, welche gegen den symbolischen Cultus als einen niedern, der höhern Stufe ihrer geistigen Entwicklung nicht mehr genügenden ankämpsten und die Anbetung des rein geistigen übersinnlichen Gottes im Geiste und in der Wahrheit lehrten, geschehen unv vollbracht war. Wenn daher das Christenthum, welches dem symbolischen Cultus des Mosaismus ein Ende*) gemacht haben will, erst seinen Durchgangspunkt *) EL ist noch sehr die Frage, ob die Apostel, denen nach jüd orthodoxen Begriffen die ausschließlich geheiligte Opfcrstätte nichj zu Gebote stand, freiwillig auf den Opfercultns verzichtet ha-

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