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Der Israelit des neunzehnten Jahrhunderts · 1846-03-01 · Heft 9 (1.3.1846) · page 10

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Journal
Der Israelit des neunzehnten Jahrhunderts
Volume
7 (1846)
Issue
Heft 9 (1.3.1846)
Date
1846-03-01
Page
– (sequence 10)
Language
German
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3S unserer Zeit mit Lieblosigkeit Novellen über Juden schreiben kann, der hat kein Herz für Mcnschenwohl- und Leid, der hat überhaupt seine Zeit nicht begriffen. Wer in jedem Seufzer und jeder Klage, die der von achtzehnhundertjährigem Drucke gepreßten Brust des Juden sich entringt, nur den Jammer über „schlechte Zeiten" und nicht über die schlechte Zeit mit ihrer Engherzigkeit, Selbstsucht und ihren Vorurtheilen vernimmt, der bleibe zurück von jenem geheiligten Berufe des Schriftstellers. Ein Bcrthold Auerbach, dem aus warmem Herzen das Wort für seine gedrückten Brüder entquoll. er war daher auch auscrsehen, der erste deutsche Volksschriftsteller zu werden. Unübertroffen steht er als solcher durch seine Dorfgeschichten und vollends durch seine Novelle: Sträflinge (vrauin 1846) da, und während Andere das Räthsel nicht losen können, wie Einer, der nicht von den Urwäldern Germaniens abstammt, so innig mit den armen, schlichten Nachkommen Herrmann's und Thusnclda's mitfühlen könne, so darf man nur erwägen, daß Auerbach Jude ist, und dem Juden ist Thcilnahme und Mitgefühl für Andere die erste Empfindung, die das kindliche Heiz bewegt, den Jüngling thatkrästig anspornt und den Mann tröstet. Dasselbe gilt zum Theil von Carl Beck (obgleich dieser, wenigstens in seinen Liedern vom armen Mann nicht viel von seinem Judcnthum wissen will, während er doch sein tiefes Mitgefühl für seine ehemaligen (?) Glaubensgenossen in dem schönen Gedichte: Der Trödeljude, nicht verbergen kann) der in poetischer Form und mit dem „Zorne des Dichters" das für das Volk fordert, wofür Berthold Auerbach in grmüthlicher Weise uns erwärmt und gewonnen hat. — Wenn Etwas durch die Literatur*) zur Verständigung über Juden und Judenthum gewirkt werden soll, so ist die erzählende Form gewiß die geeignetste, und vollends die Volkslitcratur, besonders wenn man es versteht, so geschickt und scheinp ar zufällig und absichtslos ein gutes Wörtchen für die Juden einfiießen zu lassen, und darin ist Auerbach Meister, das wohl dem Leser feiner Dorfgeschichten, seines Gevaltersmann (1845 und 1846) nicht leicht entgangen fein kann. Auch Honeck (pseudonym Cohen, Herausgeber der Winterabende 1845 und 1846) besitzt viel Talent zum Volksschriftstcller, und bietet in dem genannten Buche Manches, was auch zur Aufklärung jüdischer Verhältnisse beiträgt. Erfreulich ist es, daß gerade Juden dem schönen Berufe für das Volk zu schreiben ihre Kräfte nicht entziehen; so finden wir auch den genialen (den Lesern ves Israeliten nicht unbekannten) Dav. Honigmann in dem Volkskalender von *) Vergl. den trefflichen Aufsatz von Dav. Honigmann: Die Belletristik als Vorkämpferin der Emancipation. in Mundt's Freihafen 1844. Steffens (Berlin 1846) als Verfasser der Betrachtung: ein Denkmal Friedrich's des Großen, als auch in dem illustrirten Volskalrnder (Leipz. 1846). der eine Novelle von ihm bringt. Der letztgenannte Kalender enthält auch in seiner Uebersicht über kirchliche Verhältnisse eine (eben nicht sehr gründliche) Schilderung der jüdischen nebst einem (sehr schlecht getroffenen) Bilde des vr. Geiger. Wir müssen uns schon freuen, wenn Juden bei solcher Gelegenheit wenigstens nicht übergangen werden, so lange ein Correspondent einer'Zeitschrift noch immer in die traurige Aothwendigkeit sich versetzt sieht, Schriften über Emancipation der Juden in seine Monatsberichte aufzunehmen. Diesmal habe ich gottlob nur die mit Geist und Gewandtheit geschriebene Abhandlung von 0r. F. Falkson: Die Emancipation der Juden und die Emancipation der Denkenden (Altona 1845. Hammerich) zu nennen. Von demselben Verfasser ist (das.) erschienen: Gemischte Ehen zwischen Juden und Christen, Dokumente, hcrausgegebcn re. Einem sehr kurzen Vorworte, das den Zweck der Veröffentlichung ausspricht: um „einen moralischen Eindruck auf die öffentliche Meinung auszuüben, damit was dem Einzelnen nicht gelang, dem vereinten und weiterreichenden Streben aller derer zu Theil werde, die in der Zerrüttung des Familienglücks und dem Gewiss nszwange ein allgemeines Unglück erkennen", folgen die verschiedenen Eingaben des vr. Falkson in Königsberg an alle Instanzen, um die Erlaubniß zum Ehebündniß mit einer Christin zu erwirken; zwei Eingaben an das Consistorium, eine an den Minister Eichhorn endlich zwei Immediateingaben an den König von Preußen, und der langen Eingaben kurzer Bescheid ist der am Schluß der Dokumente gegebene, daß eine solche Ehe nach den bestehenden Gesetzen nicht zulässig sei. Einen theoretischen Beitrag über die Ehegesetze der Juden hat kürzlich der in neuester Zeit so rüstige und wackere Vorkämpfer der Reform deS Jndenthums, Hr. vr. Herzfeld, durch seine Schrift gegeben: Vorschläge zur Reform der jüy. Ehegesetze, Braunschweig 1846, auf deren Inhalt wir hier nicht weiter eingehen können, weil sie eine ausführlichere und gründliche Besprechung in Anspruch nehmen darf. Ebenso die gründliche und fleißige Arbeit: Das psychologische System des Maimonives, eine Einleitungsschrift zu dessen More Nebuchim von Dr. S. D. Scheper. Frankfurt am, Main 1845. __________________ Weitere Proben aus einer confervativen Recenfion. *) Von Rabbiner Pr. Geiger. Schon beim Beginne feiner Recenfion hatte der Ree. meiner Lescstücke im Orient die Aufmerksamkeit auf den zweiten Abschnitt *) S. Nr. 5 u. 6 vom vorigen und Nr. 5 u. 6 von diesem Jahrg.

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