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Der Israelit des neunzehnten Jahrhunderts · 1846-03-01 · Heft 9 (1.3.1846) · page 8

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Journal
Der Israelit des neunzehnten Jahrhunderts
Volume
7 (1846)
Issue
Heft 9 (1.3.1846)
Date
1846-03-01
Page
– (sequence 8)
Language
German
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wohnlichen Wortstnn nehmen. Wiederum stellt sich heraus, welchen Einfluß die örtliche Lage, die Gränzung an Polen auf Gesittung und Bildung, namentlich auf religiöse Anschauung übt. Oberschlesien daS an Polen grenzt, birgt weit mehr polnische Elemente in sich als Mittel- und Niederschlefien. Je weiter man sich von dem Gebiete des verwahrlosten unglücklichen Polenlandes entfernt, desto mehr nähert sich auch die Judenfchaft dem Deutschthume. Breslau die Hauptstadt Schlesiens, das wie der AtlaS Sie überzeugen wird in der Mitte der Oder liegt, somit weder zur rechten, noch linken Oderseite gehört, hat aber doch in israeliüscher Beziehung einen recht polnischen Anstrich. Der vielfache Verkehr mit dem lieben Polenlande, die Anwesenheit einer enormen Zahljüdischer polnischer Kaufleute, verleihen Breslau die Physiognomie einer großen polnischen Gemeinde. Aber Gottlob nur im Aeussern, denn im Innern waltet ein höchst thätigtt, die Gegenwart wohl im Auge habender Vorstand, der durch die Umsicht des unermüdlichen Geiger geleitet nur Erspriesliches zu Tage fördert. k'actn loguuntur. Im ganzen beträgt die jüdische Bevölkerung der Provinzen 24000 Familien. Hiervon kommen auf das Rabbinat Breslau ungefähr 8279 Familien, auf Liegnitz 2750 und auf Oppeln 12971 Familien. Die Judenschaft der beiden ersten Rabbinerbezirke, sind theils durch die wenige, oder gar keine Berührung mit dem schleichenden Rabbinismus, theils durch die Entfernung von Polen für Reformen empfänglich. Ja! selbst Breslau trotz der polnischenUeberffutung und der Ansicdlung der lieben Posener, und ttotz der Anwesenheit eines Haufens Zeloten mit ihrem Popanze, dürste in dieser Beziehung keine große Schwierigkeiten bieten, wie schon die Adresse an die hochw. Rabbiner-Versammlung bekundet. Aber dafür wirkt und scbafft auch hier Geiger. Es bedürfte in der That, bei derartigen Umständen eines solchen großen Mannes, der so viele Vorzüge wie Gelehrsamkeit, wahre unverheuchelte Frömmigkeit, ein eminentes Redncrtalent, Herzensgute, einen biedern Charakter unv eine unermüdliche Thatkraft vereint, um einer Zelotenmasse, mit ihren verknöcherten Borurtheilen imponiren zu können, den der Herr auch zur rechten Zeit, zum Heile unserer Provinz uns gesandt. ' Oberfchlesien hingegen unv namentlich das auf der rechten Odcrseite, steht in Rücksicht religiöser Cultur - Empfänglichkeit, erwähnten beiden Bezirken bei Weitem nach, was übrigens sehr natürlich ist. Denn einmal grenzt dieser Landesstrich unmittelbar an Polen, dann aber hausen hier in vielen Gemeinden sogenannte Rabbiner. Wir müssen daher auch diesem Bezirke, mehr Aufmrrsamkeit als den beiden übrigen widmen, werden daher wenn auch nicht aller Gemeinden, der vielen auf dem platten Lande wohnenden Juden, die in der Regel an die nahe wohnende Gemeinde sich anschließen; doch aber der ziemlich bedeutenden, namentlich aber Rabbiner - Gemeinden gedenken. Oppeln an der Over ist eine ziemlich bedeutende und wohlhabende Gemeinde. Sie hat eine zahlreiche Schulu. Gymnasial-Jugend u. die geschmackvollste Synagoge in Oberfchlesien. Doch fehlt dieser Gemeinde, die körperlich vorhanden, der sie belebende Geist. Ein zeitgemäßer Rabbiner, thättge Lehrer, wie auch ein musikalisch gebildeter Cantor, gehen derselben ab. Zum Lobe dieser wohlhabenden Gemeinde verdient Erwähnung, daß sie schon eine geraume Zeit den so löblichen Entschluß, wie die Aufnahme eines klassisch gebildeten Rabbiners, zur Reise gebracht; doch kann dieser kühne Vorsatz aus purer Bor-, Rückunv Nachsicht nicht verwirklicht werden. Man muß Vorsicht brauchen. Groß Strehlitz auch eine Rabbiner- und jetzt Lehrerlose Gemeinde. In der jüngsten Zeit hat diese Gemeinde durch ihre Schul- und Lehrer-Manöver sich vortheilhaft ausgezeichnet. Wie erwähnt sie hat weder Rabbiner noch Lehrer, dafür aber recht viel talmide-chachamim. Ist aber dies nicht bei Weitem praktischer? daher ahmt ihr auch (das so praktische) Jost nach. Daselbst ist auch weder Lehrer noch Rabbiner. Tarnowitz bezog unlängst einen wahrhaft romantischen Rabbiner aus Mähren. Sonderbarer Weise, spricht der gute Mann im gewöhnlichen Umgänge kein Wort deutsch, ist aber dennoch in seinen Borträgen unerschöpflich romantisch. Dafür ist er aber auch ein ausländisches Produkt. Beuthen; hier lebt und wirkt Großes Rabbi Israel Deutsch, den wir noch in den folgenden Briefen zur Sprache bringen. Myslowitz wäblte unlängst einen stockpolnischen Herzogthümer zum Rabbiner. Die Wahl dieser löblichen Gemeinde, wie des dortigen umsichttgcn Vorstandes können wir nur loben. Denn obgleich M. mit allen Gemeinen nächstens 1846 zu zählen beginnt, so ist leider diese Gemeinde, durch ihre unmittelbare Berührung an Polen noch zu weil der Gesinnung und Bildung des 19ten Jahrhunderts entrückt, als daß sie einen klassisch gebildeten Rabbiner wählen könnte. Also wozu ein Zwitter-Rabbiner, wie sie unter uns gang und gäbe seien?— Gleiwitz eine nicht unbedeutende Gemeinde Oberschles. Hier ist das Rabbinat seit einigen Jahren erledigt. Der dort gewesene Rabbiner, welcher e.st am Ende seiner Tage zur Einsicht kam, verdient dieserhalb einer Erwähnung. Nachdem derselbe dort fast 30 Jahre wirkungslos nach Rabbiner-Sitte verlebt hatte, sah er endlich ein, daß er blos um einige Jahrhunderte zu spät kam, und concentirte seine ganze Thatkraft in einen Akt. Aber eS war in der That ein höchstwürdiger ehrenwerther. Derselbe kam nämlich zur Einsicht, daß er durchaus für unsere Gegenwart sich nicht eigene, unv übte dadurch die schönste Handlung seines dortigen Wirkens, daß er seinem Amte freiwillig, natürlich für eine nicht unbedeutende Entschädigung, entsagte. Möchten mehrere Rabbiner Oberschlesiens dem Beispiele ihres würdigen College» folgen, aber auch mehrere Gemeinden eben so großmüthig wie im wahren Wortsinne pietät Gl. hierin nachahmen. Die Liturgie - .deform macht im Stillen in Peiskretscham Fortschritte. Es sott nämlich dem dortigen Rabbiner gelungen sein, eines der rührendsten, lichtvollsten Gebete, das so schöne;'p'*?"l!2 HDD, und nach Andern sogar mit dem Rabbi Jsmael, ohne weitläufige R. B. Debatten abzuschaffen. Nicolai, Kybnik, Sohran, Loslau, Ratibor, Lublinitz, Guttentag unv in neuester Zeit Rofenberg, sind Rabbiner-Gemeinden. Auf der linken Oderseite eristirt blos eine Rabbiner-Gemeinve. Sie gewährt darum aber aber auch einen erfreulichen Anblick. Wir begegnen hier Neustadt, Kofel und Leobschütz. Erstere Gemeinde bekundete ihren gesunden Sinn, durch die Adresse, welche sie der R.-Vers. übermachte; allein die zwei letzterwähnten Gemeinden stehen gewiß N. nicht nach. Dafür bürgen jene Männer. Hr. Bing in K. und Hr. Holländer in L., die in diesen kleinen Gemeinden äußerst vortheilhaft wirken. Pleß und Nosenberg, beide zwar auf der rechten Oderseite gelegen, verdienen aber einer besondern Erwähnung. Die erstere ihrer Männer, der HH. Muhr und Kutsch wegen, die das Verdienst haben, die politischen Kämpfer des oberschlestschen Israels zu sein, und letztere wegen ihrer Rabbinerwahl. Rosenberg, trotz dem sie nahe an Polen liegt, ist doch die erste Gemeinde Oberschl., die einen Dr. zum Rabbiner wählte. Ziehen Sie freunvlichst die Nothwendiqkeit der Terrain-Kenntniß bei jedem Kampfe, mithin auch bei einem Geisteskampfe, in Erwägung, und ich darf hoffen, daß .Sie, Hr. Rev., die Länge dieses Briefes entschuldigen. Verlag der I. C. Hermann'schen Buchhandlung in Frankfurt a. M. Druck von Fried. Krähe in Offenbach.

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