Der Israelit des neunzehnten Jahrhunderts
- Journal
- Der Israelit des neunzehnten Jahrhunderts
- Volume
- 7 (1846)
- Issue
- Heft 9 (1.3.1846)
- Date
- 1846-03-01
- Page
- – (sequence 7)
- Language
- German
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71 fie schicken lieber ihre Kinder in die christlichen Elementarschulen, und stellen einen Religionslehrer mit 150 oder höchstens 200 fl. jährlichen Gehalt nebenbei an, welcher alsdann zwar wenig Arbeit hat, zumal die Anzahl der Schüler meistentheils nur gering ist, aber auch von seinem Einkommen höchst kümmerlich leben muß. Unsere Lehrer haben bereits mehrmals um Aufhebung jener, eigentlich zu ihren Gunsten getroffenen Bestimmung petirionirt und darauf angetragen, daß wenigstens den kleineren Gemeinden gestattet werden möchte, einen Elementar- und Religionslehrer in einer Person anzustellen, und ihm nur 200 oder 250 fl. Gehalt auszusetzen, wodurch ihre Lage ohne Belästigung der Gemeinden verbessert werden könnte. Ihre Bitte, welche sich auch darauf stützet, daß nicht wenige christliche Elementarlehrer gleichfalls einen niedrigcrn Ge. halt als die Summe von 300 fl. genießen, wurde bisher nicht gewährt, wahrscheinlich, weil man höheren Ortes der Ansicht ist, es sei für das bürgerliche Leben ersprießlicher, wenn die jüdischen Kinder zusammen mit den christlichen eine Elementarschule besuchten. Man finvrt aber diese Ansicht auch bei den Israeliten selbst häufig verbreitet, weßhalb sogar größere Gemeinden, die ohne finanzielle Opfer eigene Elementarschulen gründen könnten und auch die Erlaubmß dazu haben, es vvrziehen, ihre Kinder in die christliche Elementarschule zu schicken. Der Unterricht selbst wird in den allermeisten Schulen nach geläuterten Grurwsätzen erkheilt, und die neueren Neligionsbücher von Hcrrhcimer, Johlson, Klep n. a. dabei zu Grunde gelegt. Mangelhaft ist dagegen der hebräische Sprachunterricht, unv man hört fast allenthalben über die geringen Fortschritte klagen, welche die Schüler in diesem Unterrichtszweige machen. Allein wir möchten dieß nicht, wie es doch so häufig geschieht, den Lehrern zur Last legen, sondern vielmehr als hauptsächlichste Ursache davon die geringe Stundenzahl ansehen, welche gegenwärtig dem hebräischen Sprachunterricht gewidmet, weroen kann, während er früher fast die ganze Lernzeit des jüdischen Knaben ausfüllte. Das Resultat ist daher meistentheils ein nothdürftiges Verständnis der täglichen Gebete, in den besten Schulen kommt noch die Uebersetzung einiger Stücke des Pentateuchs hinzu, welche aber, wenn der Knabe mit 13 Jahren die Schule verlassen bat, bald genug wieder vergessen werden. Es ist dieß ein Ucbelstand, dem schwer oder auch gur nicht abzuhelfen ist. Es ist zwar leicht gesagt, daß bei gutem Willen von Seiten der Eltern wie dcr Lehrer die Jugend eben so gut als früherhin in der Kenntniß des Hebräischen weiter gefördert und bis zum'Verstandniß der ganzen Bibel in ver Ursprache gebracht werden könnte; allein wir sind fest überzeugt, daß bei den gesteigerten Anforderungen welche das Leben und selbst der Staat an die Jugendbildung macht, jenes Ziel nur bei äußerst wenigen, vorzüglich begabten und ausgezeichnet fleißigen Schülern zu erreichen sei. Wir möchten aus diesem Grunde ein fleißigeres Lesen und Erklären der biblischen Schriften in einer guten deutschen Uebersetzung empfehlen, damit die Schuljugend eine größere Bekanntschaft mit dem erhabenen Inhalte der heiligen Bücher erlange, als es bis jetzt der Fall ist. Eine Anstalt zur Heranbildung israel. Schullehrer haben wir ebensowenig, als eine Anstalt zur Bildung von jüdischen Theologen. Die Schullehrlinge besuchen d«e Seminare, in welchen auch die christlichen Schullehrer ihre Vorbildung erhalten, und suchen sich nebenbei im Hebräischen und in der Religionslehre, so gut es immer angeht, zu unterrichten, indem der Staat für diesen speziellen Unterricht wenig oder gar keine Sorge trägt, obwohl die Schuldienst Aspiranten eine Prüfung in jenen Gegenständen zu bestehen haben. Daß unsere Lehrer meistentheils keine großen Hebräer find, cst eine nothwendige Folge ihrer mangelhaften Vorbildung. Ein schon öfters, auch in dieser Zeitschrift gerügter Mißstand in der Organisation unseres Schulwesens liegt darin, daß die Inspektion der jüdischen Schulen, sogar der reinen Religionsschulen. nicht dem Rabbiner, selbst wenn dieser in Loco ist, sondern dem Ortspfarrer zukommt, obwohl es nebenbei dem Rabbiner auch zur Pflicht gemacht ist, die Schulen seines Distrikts fleißig zu besuchen und den Unterricht zu beaufsichtigen. Wenn nun diese Einrichtung jedenfalls eine unnatürliche, die Stellung und Achtung der Rabbiner beeinträchtigende ist. uuc auch schon häufig zu Collissonen zwischen Rabbiner und Lehrer Veranlassung gegeben har. weßhalb wir sie durchaus nicht in Schutz nehmen wollen, so mag sie roch auch von der anderen Seite nicht ganz ohne Nutzen sein, namentlich in gegenwärtiger Zeit, wo rer Fanatismus die und da sein Haupt gerne wieder erheben und die Glaribenstpeannei entschwundener Jahrhunderte wieder aufrichten möchte. Wir habe» nämlich auch solche Rabbiner, die, wie sie selbst noch in Jinstermst wandeln nno daS Licht nicht vertragen können, auch die liebe Ingens gerne vor den nach ihrer Meinung verderblichen Strahlen des Lichtes bewahren, und deshalb den Unterricht auf den Standpunkt zurückfübren möchten, den er etwa vor Mendelssohn in Deutschland eingenommen hat, oder heutzutage noch in Polen und Rußland einnimmt. Dadurch aber, daß der Pfarrer des Ortes zugleich auch rer Inspektor der israelitischen Schule ijst, wird jenen Bestrebungen ein kräftiger Damm entgegengesetzt unv die jüdischen Lehrer, welche fast durchgängig hellen und geläuterten Religionsansichten huldigen, finden in dem Inspektor gewöhnlich einen warmen Berthcidiger. wenn etwa rer Rabbiner einem hierarchischen Gelüste nachgeben unv wie cs schon vorgekommen, jenen zwingen wollte, die Kinder anstatt in rer Bibel in den minutiösen Satzungen des Schnlchan Aruch zu muernchteu. / Briefe vom schlesischen Odergebiete. (Fortsetzung.) 11. Hochwürviger Herr Redakteur! Ihrer Güte darf ich wohl zumuthen, baß Sie die Abschweifung von der Lösung meiner eigentlichen Ausgabe, mir nicht verübeln werden; zumal ich dieselbe zum Gegenstände des zweiten und der folgenden Briefe mache. Die Judenschaft Schlesiens aber auch deren Judenthum, läßt sich füglich nach der räumlichen Landeslage theilen. Sowie die Natur Schlesien in 2 Theile, in die rechte und linke Oder, feite theilte, so ist auch Israel in 2 Lager getheilt. Wir haben also rechte und linke Juden, nur dürfen Sie dies nicht im ge-