Der Israelit des neunzehnten Jahrhunderts
- Journal
- Der Israelit des neunzehnten Jahrhunderts
- Volume
- 7 (1846)
- Issue
- Heft 9 (1.3.1846)
- Date
- 1846-03-01
- Page
- – (sequence 5)
- Language
- German
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SS Neben diesem Bericht ist den Genossen noch folgendes Schreiben zugegangen: Unfern werthen Genossen machen wir hierdurch die erfreuliche Mittheilung, daß es uns gelungen ist, in dem Gropius 'scheu Panorama-Gebäude eine für unfern Gottesdienst in jeder Beziehung geeignete Localität zu gewinnen. Wir find überzeugt, vollkommen im Sinn der Genossenschaft gehandelt zu haben, wenn wir kleine materielle Opfer nicht schonten, um auch unserm regelmäßigen Gottesdienst die äußere Würde zu geben, durch die fich derselbe an den Festtagen auszeichnete. — Da die Eröffnung unseres regelmäßen Gottesdienstes nun jedenfalls mit dem Osterfeste stattfiudet, so ersuchen wir zugleich diejenigen verehrten Mitglieder unserer Genossenschaft, oder deren Frauen und Kinder, die fich bei der Bildung des Chors, sei es für den regelmäßigen Gottesdienst, fei es auch nur für Festgottesdienste, zu Letheiligen die Güte haben wollen, ihre betreffende Entschließung bis den 4. Febr. anzuzeigen. Auch die Empfehlung jüdischer Sänger und Sängerinnen, die nicht der Genossenschaft angehörcn, wird dankbar entgegengenommen." Als mündliche aber fichere Nachricht kann ich mittheilen, daß das im Schreiben angegebene Local auf 5 Jahre contractmaßig für den Preis von 7000 Thlr., also für ein Jahr 1400 Thlr. fest gemiethct ist, wofür aber der Eigenthümcr verpflichtet ist, dasselbe mit Gallerie - Erhöhungen und Allem, was zur Localität eines Gotteshauses gehört, zu versehen. So weit ist bis jetzt die Reformsache hier zur That geworden. Wir sagen: So weit; denn auf verändern Seite ist es gewiß, daß die Reformsache so lange noch nicht als verwirklicht angesehen werden kann, als das religiöse Gesetz, welches auf keiner Weise zu ignoriren ist, nicht fest constituirt wird. Und dieses ist eben der uralte mächtige Stein, an dessen Behauung und Bemeißelung die Einen aus Furcht und Scheu nicht gingen, die Anderen ihn mit falschen, aber doch veralteten Werkzeugen für eine verkümmerte Anschauung bearbeiteten und ihn dadurch zu einem größeren Stein des Anstoßes machten, als er ftüher war. Dies ist die Hauptaufgabe unserer Reformzeit, und man irrt fich sehr, wenn man glaubt, das Ueberkommene damit überwunden zu haben, daß man hinter ihm eine moderne Colonade aufführt, und über fie hinwegfieht. Ignoriren heißt noch nicht überwinden. Zwei Todesfälle in der Breslauer Gemeinde. 1* Breslau, im Febr. Seit kurzer Zeit hat.unsere Gemeinde zwei ihrer Mitglieder verloren, deren Verlust für dieselbe um so empfindlicher und scbmerrlichcr ist. als fie beide zu denjenigen gehörten, die durch ein stets versöhnliches und ftiedliches Gemüth den oft bedrohten Frieden in unserer Mitte herzustellen bemüht waren und durch ihr vielgewichtiges Beispiel stets wohlthättg wirkten. Obwohl fie im Leben bedeutend von einander divergirten, indem der Erne die Liebe fast sämmrücher Burger unserer Stadt ungetheilt genoß, während der Andere, oft verkannt und mißdeutet, nur mühsam eine allgemeine Achtung fich ertrotzte, so hat doch der Tod mit dem sanften Flügelschlag des Friedens fie beide umfächelt, und fie werden nun gleich innig betrauert und schmerzlich vermißt. Am 14- Januar verschied nämlich der Kaufmann Siegmunv Heß, einer der edelsten und würdigsten Bürger unserer Stadt, dessen leutseliges Wesen nicht nur bei seinen Glaubensgenossen, sondern auch bei den christlichen Mitbürgern ihm Achtung und Anerkennung verschaffte. Geistreich und gesellig, bieder und schlicht wie er war, gereichte es ihm zur Freuve, da wo er selbst nicht ausreichend helfen konnte, seinen Einfluß bei seinen zahlreichen Gönnern und Freunden für das verschämte Leisen geltend zu machen, und wem er Hülfe zu leisten außer Stande war, für den hatte er wenigstens ein fteundlich Wort, eine wohlwollende Miene, Gaben, die oft erquickender des Armen Herz erfreuen, als eine splendide Summe mit abstoßender Manier vargereicht. Aber nicht nur die materielle Roth fand in ihm einen kräftigen Helfer, die geistigen Interessen seiner Glaubensbrüder waren es nicht weniger, die ihn beseelten, und so oft sich mühsam ein kleiner Fortschritt bei uns durchgerungen, war er es. der das Neugeborne hegte und pflegte, bis es eine kräftige Eristenz gewonnen hatte. Darum erregteauch sein plötzlicher Tov eine allgemeine Bestürzung, und die solenne Theilnahme, die bei seiner Bestattung von allen Seiten sich kunv gab, so wie die gefühlten und ergreifenden Worte, die unser Rab. biner tief bewegt an seinem Grabe sprach, setzen dem Tovten ein Denkmal, das fein Andenken noch späten Nachkommen aufbewahren wird- — Der zweite harte Verlust traf unsere Gemeinde am 27. Januar mit dem Tode des seit einigen Jahren zum Commerzienrathe erhobenen Kaufmanns Jonas Frankel. Dieser Mann hatte durch sein immenses Vermögen einen bedeutenden Einfluß in unserer Gemeinde, den er, wie man es anerkennen muß, stets zum Wohle derselben anzuwenden bemüht war. Allein, wie es das Loos der meisten Geldmänner ist, so konnte auch er die Liebe seiner Milbrüder, diese freie Gabe einer freien Seele, fich nicht erwerben, und sein Name, der bei allen wohlihätigen Vereinen zuerst erschallte, die bedeutenden Summen, die er auf Wohlrhätigkeüslisten zeichnete, mußten ihm wohl Anerkennung und Achtung verschaffen, aber das Her; wurde nicht warm, das Auge strahlte nicht wie sonst bei dem Namensklange edler hochherziger Männer, weil seiner Gabe stets die fteuviae Wärme fehlte, die fie erst zur