Der Israelit des neunzehnten Jahrhunderts
- Journal
- Der Israelit des neunzehnten Jahrhunderts
- Volume
- 7 (1846)
- Issue
- Heft 8 (22.2.1846)
- Date
- 1846-02-22
- Page
- – (sequence 10)
- Language
- German
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34k einander entgegengesetzt zu sein scheinen, mit einander vereinigt, so hat dies nur den Sinn, daß das Gebet, welches seinem Wesen nach Andacht und Innerlichkeit ist, doch nicht durch diese selbstständig wirkend sei, sondern nur insofern als es ein die Opfer vertretendes Mittel und wie diese symbolischer Natur sei. Die Innerlichkeit ist also hier noch nicht zu ihrem Rechte gekommen, da sie sich nicht selbst Zweck, sondern Mittel zur Vertretung eines Andern ist. Deshalb konnte der Talmud, trotzdem er sich zur Verwendung der Innerlichkeit hingedrängt sah, diese doch nur als transitorisch bettachten und nach der Wiederherstellung des äußerlichen Opfercultus sich sehnen, wohl fühlend, daß sobald die Innerlichkeit als Selbstzweck und für alle Zukunft genügend erklärt wird, sein ganzes System von der ewigen Verbindlichkeit des symbolischen Ceremonialgesetzes in seinen Grundfesten erschüttert wird. Die Inkonsequenz dieses Standpunktes, der Innerlichkkit und symbolischen Bedeutung zuzuschreiben und ihr gegenüber die äußerliche Symbolik zuröckzuwünschen, haben wir in ver oben angeführten Schrift S. 17 erörtert. Im ganzen weitern Verlauf des rabbinischen Iudenthums läßt sich als historisch gewiß Nachweisen, daß der Gottesdienst, der wenn auch litmgisch sich erweiternd, doch niemals von der ursprünglichen Grundlage sich entfernte, immer das religiöse Glaubensbewußtsein der Judcnheit in seiner ganzen Fülle und Itenfität aussprach. Der Inhalt dieses Glaubensbewußtseins war: die fortdauernde theokratifche Verbindung Gottes mit Israel, deren Mittelpunkt der symbolische Opfercultus war. Von dieser auf der fortdauernden Auserwähltheit Israels beruhenden besondern Verbindung ist das ganze symbolische Ceremonialgefetz, das zum Theil mit dem OpfercultuS zusammenhängt, eine nothwendige Folge. Daher die Sehnsucht nach dem geheiligten Lande, wo die Ausübung desselben allein möglich ist, und nach dem ausschließlich symbolisch geheiligten Raume, auf welchem jener symbolische Cultus mit Allem, was an ihn sich knüpft, sich aufbauen soll. Dieses Glaubensbewußtsein init der in ihm begründeten Sehnsucht nach möglichst umfassender Symbolik fand irn Gottesdienst seinen extensiven und intensiven Ausdruck. Von den ältesten Bestandtheilen der Tesilla, den drei ersten und drei letzten Benedictionen, ist nur die dritte, die Keduschah, und die vorletzte, das Dankgebet, allgemein religiösen Inhalts; die erste erwähnt des mit den Vätern geschloffenen und den Nachkommen zu erhaltenden Bündnisses, die zweite gedenkt des Dogma's *) der Auferstehung der Todten; von den drei letzten bittet die erste nach ihrer ursprünglichen Fassung geradezu um wohlgefällige Aufnahme der Opfer, nach einer spätern Modifikation um die Widerherstellung derselben, die letzte erstehet, an den Schluß des Priestersegens anknüpfend, zwar den Frieden, ein allgemeines Gut, aber doch nur für Israel. Don den mittleren der 18 oder 19 Benedicttonen ist ein großer Theil, die Musaphim ausschließlich, nattonal - religiösen Inhalts. Man kann *) Dieses Dogma, die materielle Auffassung des UnsterblichkettSglaubenS, ist zwar auch allgemein religiös, hängt mit der Theokratte nicht zusammen und darum nicht specivisch jüdisch; dient aber doch zum Beweis, wie man das Bekenntniß im Gottesdienst ausdrückte. daher alS zweifellos behaupten, daß. sowie daS Glaubensbewußtsein ver Iudenheit durch den ganzen geschichtlichen Verlauf seiner Existenz ein wesentlich theokratisches oder national-religiöses war. dasselbe auch in der Ltturgie stets seinen treuen, unveränderten herrschenden Ausdruck gefunden habe. Von der später» Vermehrung der Liturgie durch die Mutim-Literatur. als deren Repräsentant Kalir angesehen wird, sagt Rapoport (Kalir) mit Recht O'w DnoiD ,7722 i’nnipi vdNL" oy ranya onmo D27' ovtao imtü’ p *wpn D'pTnoi O’oSiy rww onpa „Die meisten sprechen von den Verhältnissen des israelitischen Volkes und dessen Schicksalen im Allgemeinen, gedenken der Geschichte der Vorzeit und befestigen das Band zwischen Ieschurun und seinem Gotte." Es ist bekannt, welches Hauptgewicht dieKrittk auf gevachte Schlußbemerkung legt, und erklärt hieraus die geschichtliche Erscheinung, wie die im nationalen Geiste gedichteten Festgesänge Kalir's, trotz ihrer schwierigen Form, vorzugsweise schnelle Verbreitung gewonnen haben und als Nattonaleigenthum der altern Liturgie einverleibt worden find. Es muß daher der Liturgie des Hamburger israel. Tempels als ein wissenschaftlicher Hauptmangel angerechnet werden, wenn ihre Ordner (Vorr. VI.) selbst bekennen, daß „die Tempelgemeinde nur in einigen Formen ihres Cultus von andern israelitischen Gemeinden sich unterscheidet, nicht aber in Religionslehren", womit man es deutlich ausspricht: man habe den Ausdruck in der Liturgie geändert, ohne die engere Schranke des talmudifchen Glaudensbewußtseins, in welchem der Gottesdienst wurzelt, verlassen oder erweitert zu haben. Auf diesem Wege find Inkonsequenzen unvermeidlich, die Geiger in seiner Schrift über den Tempelstreit mit Recht rügend hervorhob. Sollen wir nicht auf ähnliche schlüpfrige Bahn gerathen und straucheln, soist es vor Allem nöthig, die Grundsätze, in welchen ver bisherige Cultus seine Berechtigung hat und deren Ausdruck er ist, sowie auch die wesentlichen Punkte, in welchen wir von jenen Grundsätzen abweichen, uns klar und deutlich zum Bewußtsein zu bringen, um dann erst eine unserm Glaubensbewußtsein entsprechende Liturgie zu Stande bringen zu können. Daß der Herr Referent in der dem Commisfionsbericht über die neue Liturgie vorangeschickten historischen Einleitung*) nicht hierauf sein Augenmerk gerichtet, sondern dieses, wie es scheint, ver Versammlung selbst überlassen, erscheint uns als ein wesentlicher Mangel und wie ein Gebäude ohne feste Grundlage. Zu der Kritik des Alters und der Entstehungsweise einer liturgischen Formel muß, in Rücksicht auf den Entwurf einer neuen Liturgie, die Kritik.der Glaubensansicht hinzukommen, welcher jene Formel alslAusvruck'viencn soll. Hat auch die Rabbinerversammlung die von mehreren Seiten ihr angesonnene Feststellung von Principien überhaupt und von Glaubensprincipien insbesondere mit Recht abgelehnt, so ist sie hierzu doch nur insofern berechttgt, als sie bei jedem ihrer Aussprüche der sie bewegenden Principien sich deutlich bewußt *# und in ver Discusfion dieselben sich erst frei entwickeln müssen. Statt über allgemeine Principien zu discutiren, ist es viel praktischer und fruchtbarer, bei jeder einzelnen Frage, die aus verschiedenen Gesichtspunkten erörtert werden kann, jedem einzelnen Mitgliede Ge- *) S. Protokolle der zweiten Rabbinerversamml.