Der Israelit des neunzehnten Jahrhunderts
- Journal
- Der Israelit des neunzehnten Jahrhunderts
- Volume
- 7 (1846)
- Issue
- Heft 8 (22.2.1846)
- Date
- 1846-02-22
- Page
- – (sequence 9)
- Language
- German
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Literatur-Blatt zum Israeliten des 18. Jahrhunderts. Enthaltend: Abhandlungen, Aufsätze, Recenfionen, literarische Aphorismen rc. rc. für die gefammte höhere Wissenschaft des Judenthums, und unter Mitwirkung von Geiger, Holdheim, S. Hirsch, Jost, Rießer, Herzfeld, Wechsler, Maier, Rebenstein, Stern, Dukes, Adler und vieler anderer Gelehrten redigirt und herausgegeben von. vr. M. Heß, Großherzogl. Weimarschem Land-Rabbinen in Eisenach. Nr. 8. Sonntag den SS. Februar 1846. i. Jahrgang. Ueber die Principien eines dem gegenwärtigen ReligionSbewnßtsein entsprechenden Cultus. Bon Pr. Hotdheim. (Erster Artikel.) Der öffentliche Gottesdienst, wie Gottesdienst.-überhaupt, ist nicht als ein einzelnes Glied des religiösen Organismus und daher auch nicht blos als eine besondere Religionspflicht neben vielen andern zu betrachten, sondern muß wie der Ausdruck so auch der Abdruck des ganzen innern religiösen Lebens oder Glaubensbewußtseins der ihn begehenden Gemeinde und daher wie aus diesem herrorgehend, auch auf dasselbe fördernd und belebend zurückwirkend sein, so daß beide wie Gedanke und Ausdruck in gegenseitig sich zusagender und entsprechender Congruenz sich befinden. Im biblischen Judenthum, zunächst im Mosaismus, ist dies ganz bestimmt der Fall. Der Gottesdienst bestand ausschließlich im Opfercultus, außer dem Priestersegen Rum. 6, 24 und^llenfalls nach dem Bekenntniß bei dem Zehnten, Deutr. 26, 13, kommt das Wort, welches obwohl noch selbst ein sinnliches, doch das reinste und unmittelbarste Werkzeug des Innerlichen und Geistigen ist, als Cultusmittel nicht vor. Der Opfercultus aber, in der richtigen Auffassung seines Zusammenhanges mit dem Ganzen der mosaischen Theokratie, die ihrem Wesen nach in dem Bunde Israels mit Gott zur Heiligung besteht, und daher mit der Grundidee des Opfers, der Verbindung mit Gott, dem Heiligen bezweckt, zusammenfällt, entspricht vollkommen dem ganzen innern religiösen Leben und Bewußtsein, dessen Aeußerung und Offenbarung er ist. Denn „das Opfer im engern Kreis ist das, was die Theokratie im weitern ist." — Auch im talmudischen Judcnthum ist diese Ansicht vom Cultus durchweg vorherrschend. Nicht die Opferidee, sondern lediglich das Opfer ist nach talmudischen Grundsätzen einstweilen suspendirt und wird durch Gebete ersetzt. Die Opferidee,*) die Vorstellung nämlich, daß die innere Verbindung und *) Unter Opferidee verstehe ich hier nicht die Idee, nämlich die Bedeutung, welche dem Opfer zu Grunde liegt und welche das Opfer symbolisirt, sondern die Idee oder die Vorstellung, daß Gemeinschaft des Menschen mit Gott an eine äußerlich symbolische Darstellung derselben gebunden sei. ist vom Talmud nicht aufgegeben worden und konnte, da sie eine biblische, namentlich mosaische ist, unmöglich aufgegeben werden; nur ein Symbolwechsel hat nach rem Talmud einstweilen und provisorisch stattgefunden, Gott selbst hat nämlich — einer Tradition zufolge — es ausdrücklicherklärt, daß während der Zeit, daß Tempel und Altar verwüstet find und die symbolische Opferhandlung nicht stattfindet, der Sühnakt also nicht in vorgeschriebener Weise vollzogen werden kann, eine andere symbolische Handlung, das Gebet oder das Gesetzstudium rc. die Stelle der ersten vertreten soll. Man ist auf diesem Standpunkt daher keinesweges, wie ich selbst früher noch glaubte (Ceremonialgesetz im Mesfiasreich S. 13), aus dem Kreise der Aeußerlichkeit in das Gebiet der Innerlichkeit heimgekehrt. sondern vielmehr ganz in der Sphäre des Symbols verblieben und hat das Gebet selbst als Ceremoie, als symbolische Handlung betrachtet. Wenn es daher auf diesem Standpunkt heißt: das Gebet ist an die Stelle der Opfer getreten, so hat dies, richtig aufgefaßt, nur den Sinn: dieselbe Idee, die dem Opfer zu Grunde lag, liegt auch dem Gebete zu Grunde und wie das Opfer symbolisch jene Idee darstellte und, indem es die Sündhaftigkeit des Menschen sühnte, dessen Verbindung mit Gott bewirkte, so wird dieselbe Idee auch durch die Ceremonie des Gebetes symbolisch dargestellt und ein Gleiches bewirkt. Man sprach daher nach der Unterbrechung des Opfercultus von Gebetpflicht und Pflichtgebet wie man ehedem von Opferpflicht rQTl p-p und Pflichtopfcr >“DTJ pip sprach. Wie sich nun die theokratische Anschauung, daß die Innerlichkeit an ein Aeußerliches gebunden ist, im talmudischen Judenthum nicht veränderte, so blieb sie auch in dem neu gewonnenen Mittel ihrer Darstellung herrschend und der provisorische Gottesdienst war wie der ehemalige ein wahrhaftiger Ausdruck des ganzen religiösen Bewußtseins. Wenn aber der Talmud (Berachot 26 a) die beiden Ansichten, daß p"p QipC3 nPsn „das Gebet sei an die Stelle des Opfers getreten," und wieder 8>,"1 *-iTi xnPä, „Gebet sei Andacht," welche jene Idee oder Bedeutung, um wirksam zu sein, symbolisch dargestellt werden müsse.