Der Israelit des neunzehnten Jahrhunderts
- Journal
- Der Israelit des neunzehnten Jahrhunderts
- Volume
- 7 (1846)
- Issue
- Heft 8 (22.2.1846)
- Date
- 1846-02-22
- Page
- – (sequence 8)
- Language
- German
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64 genordnung hat, andererseits sind diese Synagogenordnungcn selbst sehr mangelhaft unv werden noch dazu in vielen Gemeinden nicht beachtet, da es an einer genügenden Aufsicht fehlt, indem ein Rabbiner bisweilen 20 — 30 Gemeinden zu seinem Sprengel hat, die thcilweise sehr weit von seinem Wohnsitze entfernt sind; davon nichts zu erwähnen, daß wir leider auch solche Rabbiner haben, welche die alte Unordnung vorsätzlich in die Synagoge zurückführen. Eben so fchtt es an einer Anstalt zur Heranbildung von jungen Theologen und ein organisches Gesetz über die Anforderungen, welche an die Aspiranten zum Rabbitteramte zu stellen find. Bon den bis jetzt angestellten Rabbinen haben die Meisten die alten besucht und sich nachher eine mehr oder minder umfassende wissenschaftliche Bildung erworben. Allein die jetzigen Candidaten find hinsichtlich des Talmudstudiums ziemlich rathlos, da die Talmudschule zu Fürth schon aus dem Grunde von den der jüdischen Theologie bessissenen Jünglingen nicht leicht benutzt werden kann, weil in Fürth weder eine Universität noch ein Gymnasium sich befindet. Der Rabbiner in der Universitätsstadt Würzburg ertheilt zwar einer Schaar von auserlesenen Jüngern Unterricht im Talmud; aber theils ist dieser Unterricht ganz confus nach der alten Methode, d. h. ohne alle Methode, theils verlangt der liberale Rabbi als Preis seines Unterrichts eine gänzliche Lossagung von aller wissenschaftlichen Beschäftigung , und sein Hörsaal wird nur den Bachurim des alten Schlags geösiuet, welche zuvor das Gelübde der geistigen Armuth ablegen müssen. Während die eine Kreisregierung von dem anzustellenden Rabbiner ein vollständiges Gymnasialunv Universitätsabsolutorium verlangt und ihre Prüfungen demgemäß cinrichtet, begnügt sich die andere mit den nothdürftigsten Zeugnissen und Kenntnissen, und man hat Beispiele, daß Candidaten, welche hiermtt ganz durchfielcn, dort mit offenen Armen ausgenommen worden find. Daß der Rabbiner zu W. selbst ganz und gar von der Prüfung dispensirt worden ist, ist eine freilich höchst unerftculiche Ausnahme, welche sich hoffentlich nicht wiederholen wird. Der größte Mißstand in unseren rabbinischen Angelegenheiten, der nicht oft unv nicht laut genug gerügt werden kann, findet bei den Wahlen statt. Da werden nicht selten die schmählichsten Umtriebe nnd die niedrigsten Bestechungen angewendet, so daß bereits mehrere Fälle vorgekommen sind, wo, wenn die Wahl nach langen Prozeduren vorüberzegangen war, hintendrein Prozesse über Simonie entstanden, welche Jahrelang dauerten und das Raöbinerthum um alle Achtung bei den Behörden wie bei den Gemeinden brachten. So ist erst neuerdings eine solche Wahl im Kreise Mittelftanken von der höchsten Stelle annullirt und dem gewählten Candidaten bedeutet worden, daß er nie auf eine Anstellung in Bayern rechnen dürfe. Im Kreise Unterftanken liegt gleichfalls ein derartiger Prozeß zur Entscheidung vor, und die Umftiebe, welche sich unsere Frommen bei dieser Gelegenheü erlaubt haben, um die Wahl ihres Candidaten durchzusetzen, waren so offenkundig und empörend. daß die christlichen Einwohner im Orte des Rabbinatssißes den Hauptanstiftcrn die Fenster einwarfen. Auch hat sich einer unserer Rabbiner, der als die Grundsäule unserer Orthodoxie angesehen wird, nicht entblödet, den Candidaten der Gegenpartei dem man zwar durchaus keine Neologie zur Last legen kann, der aber nicht zu den Fanatikern gehört, in Privatbriefen und bei den Fanatikern auf das Aergste anzuschwärzen, und ihn so um Brod und Ehre zugleich zu bringen« Nach solchen Borgän» gen würden wir uns keinen Augenblick bedenken, auf eine Beschränkung des Wahlrechts der Gemeinden anzutragen, etwa in der Art, daß dieselben drei Candidaten vorzuschlagen hätten , woraus die Regierung den würdigsten auswählte; dadurch würden wenigstens die gröbsten der bis jetzt üblichen Mißbräuche beseitigt und dem Skandale für die Zukunft vorgebeugt werden. Was nun den Geist betrifft, welcher unsere Rabbiner beseelt, die religiösen Ansichten, welchen sie huldigen, so müssen wir gestehen, daß jener wie dieser sehr verschiedenartig find, daß die mannigfachsten Schattirungen des Stabilismus wie des Fortschrittes ihre Vertreter bei nur finden. Doch glauben wir versichern zu dürfen, daß jener Geist meistens ein guter sei, diese Ansichten bei der Mehrzahl dem Lichte sich zukehren. Freilich ist das Streben nach Verbesserungen und Reformen, wodurch die Bayerischen Rabbiner vor einem Decenm'um ohngefähr sich ausgezeichnet haben, in neuerer Zeit etwas in den Hintergrund gedrängt worden, weil von Oben herab dieses Sfteben nicht mehr wie früher, begünstigt und unterstützt, sondern wie in andern Gebieten, so auch in dem des Judenthums dem Prinzipe der Stabilität gehuldigt wird. Mögen aber die Zeloten darob ein noch so lautes Triumpfgeschrei erheben und das Reich der Finsterniß durch allerlei Machinationen herbeizuführen bemüht sein, ihr jesuitisches Beginnen wird ihnen dennoch nimmer gelingen. Unsere erleuchteten Rabbiner, deren Zahl, Gottlob! nicht gering ist, wirken im Stillen in der Mitte ihrer Gemeinden, von diesen ermuntert und unterstützt, für die Verbreitung und Begründung einer geläuterten Religiosität, und der Same, den sie namentlich in den empfänglichen Gemüthern der Jugend die ohnehin von Natur dem Lichte zugewcnvet ist, ausstreuen, wird nicht ohne Früchte bleiben? Und daß selbst die allerhöchste Stelle den Wünschen unserer Finsterlinge nicht so geneigt ist, als diese sich schmeicheln, beweist zur Genüge der langjährige Prozeß, den dieselben gegen den Rabbiner zu Fürth geführt haben. Trotz der gewaltigen Anstrengungen und Opfer, denen sie sich unterzogen, trotz aller Verdächtigungen, welche sie voraebracht, trotz aller Schleichwege, die sie eingeschlagen haben, konnten sie es doch nicht dahin bringen, jenen mit allem Eifer für Licht und Aufklärung kämpfenden Rabbiner von seiner Stelle zu verdrängen, oder auch nur dahin, daß ein zweiter in ihrem Sinne wirkender Rabbiner angestellt werde. Es ist wohl nicht zu leugnen, daß wir auch solche Rabbiner in Bayern haben, welche, da sie selbst von der tiefsten Finsterniß des Geistes gefangen gehalten werden, auch das Judenthum gerne auf den Standpunkt zurückführen möchten, den es vor 100 Jahren eingenommen hat; ihre Zahl jedoch ist nicht groß, und ihr Einfluß auf die Gesammtheit noch geringer. Andere, durch die Luft aus höheren Regionen erschreckt, stellen ihr Licht vorsätzlich unter den Scheffel, damit es ja nicht bemerkt werde. Allein wieder Andere, und diese mötzen die Mehrzahl bilden, wirken, von ihren Gemeinden unterstützt, zwar besonnen, aber doch ohne sich einschüchtern zu lassen, für das, was sie als das Gute und Rechte erkannt haben, und verleugnen ihre Ueberzeugung auch dann nicht, wenn sie selbst Anfeindungen wegen derselben zu gewärtigen haben sollten. Verlag der I. E. Hermann'schen Buchhandlung in Frankfurt a. M. — Druck von Fried. Krähe in Offenbach.