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Der Israelit des neunzehnten Jahrhunderts · 1846-02-22 · Heft 8 (22.2.1846) · page 5

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Journal
Der Israelit des neunzehnten Jahrhunderts
Volume
7 (1846)
Issue
Heft 8 (22.2.1846)
Date
1846-02-22
Page
– (sequence 5)
Language
German
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Ol Geschichte des Tages. ZittelS Motion. f (Frankfurt a. M., im Februar.) Wohin die diplomatisirende Aceomodarien in Berücksichtigung einer inkonsequenten Gesinnung?- erer roch Handlungewecke führt, zeigen die ganz un, erwarteten Folgen der Zittel'schen Motion in der badckchen Kammer. Hätte rer würdige Antragsteller der eignen Ansicht folgen . und die eines Theils der Kammer, selbst seiner politischen Freunde, unberücksichtigt lassen dürfen, sie würde das unwandelbare Prinzip d.er Glaubensfreiheit festgehalten, für Alle, das unbeschränkte. kirchliche Affociationsrecht verlangt haben. Hätte er sich von feinem Anträge in solcher Allgemeinheit einen Erfolg zu versprechen gehabt? Wir glauben es nicht, und diese wahrscheinlich auch seine Ueberzcugung ward ihm Veranlassung zu Concessioncn. Allein theils ist die Diplomatie an sich nicht die Stärke der Partei, zu welcher er zahlt, theils lassen Grund-Wahrheiten, auf welchen die moralische Weltordnung beruht, und von einer solchen handelte es sich, keine Abweichung zu; der abnorme, erschütterte Ärchtszustand hat jeder Zeit andre, unvorhergesehene Abnormitäten und Erschütterungen zur Folge. Wir haben unsre Ueberzcugung ausgesprochen, daß die Motion in ihrer Allgemeinheit keine Chance des Erfolgs für sich gehabt haben würde. Allein wir hegen die gleich feste Ueberzeugung, daß sie die betrübende Folge nicht gehabt haben würde die sie in ihrer beschränkten Fassung hcrbeigeführt; wir meinen den Petitionssturm im entgegengesetzten Sinne*). Allgemein gehalten wäre die Motion als der fromme, unschuldige und voraussichtlich erfolglose Wunsch eines Menschenfreund, lichen Ideologen unangefochten geblieben, während nun der Antragsteller als Mann, die Motion als Sache einer Partei sich darstellte, und die Anstrengungen der Gegenpartei Hervorruf, welche unter andern auch die Gestalt von Petitionen angenommen haben. Hat die Motion nun Aussicht auf Eifolg? Wir glauben es abermals nickt, sie dürfte schwerlich ren beabsichtigten augenblicklichen Nutzen haben. Man wird sagen, diese Folge sei nicht vorhrrzusehen gewesen, während bei einem Anwage in allgemeiner Fassung auf keinen Fall etwas herausgekommen wäre. Letztes aber halte» wir für irrig; im Kampfe gegen Wahn und Borurtheile pflegt der Sieg nicht in einem entscheidenden Hauvrtreffcn erfochten zu werden; cs ist ein langwieriger, mitunter ein Guerillas - Krieg zu führen; immer aber muß die scharfe, endlich doch siegreiche Waffe der Wahrheit blank gehalten werden, sie *) Und die seitdem erfolgte Auflösung der Kammer darf man wohl hinzusetzen. Anm. d. Red. darf nicht rasten und nicht rosten , und noch viel weniger darf man sie stumpf machen. Setzte nickt der hochherzige Wilberforce gleichsam mit seinem Stabe über den Jordan, als er vor vielen Jahren zuerst die Sclaven-Emancipation im britischen Parlamente anregte, und ist sie nicht fcitcm für England zur Wahrheit geworden? Sann der edle Dohm lang über den Erfolg nach, als er zuerst in Deutschland den Juden das Wort redete? Nein, die Wahrheit muß gesagt, muß wiederholt werden fort und fort ihrer selbst willen, sie muß wie der Tropferckall den versteinerten Sinn höhlen, nicht gewaltsam, sondern in öfterer Wiederkehr, unv des. halb hätte auch rer in Rede stehende Antrag seinem Prinzipe ganz treu bleiben unv wegen des Erfolgs auf eine wenn auch fernere Zukunft vertrauen können. Wir haben uns schon sN. 1) dahin ausgesprochen, daß wir demselben auch in seiner beschränkten Fassung den besten Erfolg gewünscht hätten, weil es uns immer Freude macht den Gewissenszwang Boden verlieren zu sehen, nnd wir können cs nur einer erklärlicheren Einseitigkeit und entschuldbaren Gereiztheit zuschreiben, wenn der Antrag jüdischweits nicht allenthalben gleiche Billigung gefunden.*) Nur würden wir den jüdischen Organen dabei etwas Behutsamkeit anempfehlen.; damit es nicht den Anschein bade, als sei ihr Standpunkt, welcher nur ein partikularistckch — beschränkter, ein feindlicher und, was hier gleichbedeutend irr rcn Augen Vieler, ein volksfeindlicher. Es ift gut und recht, daß der Jude zum Bewußtsein seiner Menschenwürde gelangt ist, und daß er diese auch Andern zum Bewußtsein zu bringen sucht. Allein er muß die europäischen Zustände im Ganzen zu übersehen und zu würdigen wissen, er muß nach den Gründen seiner unglücklichen ckolirten Stellung redlich forschen und darf sie nicht allein in dem bösen Willen der andern Glaubensgenossen suchen, er muß der Eigensucht, dem Vorurthecke, der Selbstüberschätzung, als in der mewchüchen Natur begründet, Rechnung tragen, und am Ende ist seine Seldstabsonderung, sein Festhalten einer erstorbenen Nationaliiät. und deren Verwechseln mit einem lebendig erhaltenen Glauben, die eigentliche, oder doch vorzügliche Duelle res Unheils. Freilich kann man diele ruhige Haltung und parteilose Anschauung nicht bei jedem einzelnen erwarten . die Redact'.onen aber sollten sich solche anzueignen, und den ungefügigen. übergroßen Ecker niederzuhalten wissen. Von einer andern Seite der lucht man mitunter der Sache die Wendung zu geben, als feien die Petitionen gegen den Antrag in feinem allgemeinen Prinzipe gerichret. Möglich daß manche diese Fassung haben, sicher aber ist dessen eigentlicher Zweck, die Freigebung, gewissermaßen Gründung einer gemeindeutschen christlichen *, A l l g e m. Z e i t. k. Z., lc46, R.6.—Orient 1846 N. 6.

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