Mannheim
Compact Memory

Der Israelit des neunzehnten Jahrhunderts · 1846-02-22 · Heft 8 (22.2.1846) · page 4

Scan of the page
Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Der Israelit des neunzehnten Jahrhunderts
Volume
7 (1846)
Issue
Heft 8 (22.2.1846)
Date
1846-02-22
Page
– (sequence 4)
Language
German
Belongs to
journal issue
OCR quality
96% known words query
IRI
…/2566751-2567017-2567026--1874-2569727
Visual Library
page viewer of the UB Frankfurt

No entity mentions on this page.

OCR text

GO sein getreten sind. Wir haben Kampfer auf Seiten des Rabbinismus gesehen (z. B. Frankel), welche der neuern Zeit fast eine größere Berechtigung zugestehen als die stärksten Reformer, und sehen unter den Vorfechtern der Reformer solche, die vor dem Talmud das Knie beugen, und beständig aus ihm ihre Berechtigung erweisen. Das ist auch der Grund zu der leidenschaftlichen Aufregung, welche ersetzen muß, was an Rechtsgefühl mangelt. Diese dauert aber nicht lauge, und bei kälterm Blute wird man einzelne Streitpunkte aufgeben oder beilegen. Einer dieser Punkte ist die Morallehre derRabbinen. Sie ist genau genommen, längst aus dem Leben geschwunden, aber zugestanden muß dies werden, damit das Volk nicht in dem Wahn bleibe, seine heutige Gesittung stieße aus talmudischer Theorie, und damit es zugleich die Gewißheit erlange, daß die Rabbinen selbst schon seit Jahrhunderten ibrem eigenen Bekenntnisse zuwider handeln, und zwar mit vollem Recht und zum Lobe der fortschreitenden Menschheit. Mögen sie immerhin das Ceremoniell mit einer alles Maaß überschreitenden Aengstlichkeit üben und andern als göttliches Gesetz lehren, mögen sie hierin dem Buchstaben talmudischer Deutung, oft selbst gegen ihre innerste Ueberzeugung und aus bloßem Gehorsam folgen, — so viel ist gewiß, daß sie die Morallehre des Talmuds nicht allein nicht beachten, sondern daß sie ihr auf alle Weise widersprechen, daß sie sie mit der Wurzel auszureißen gesucht haben, um eine reinere Menschenliebe, eine freiereUebung derMenschenpflichren an deren Stelle zu pflanzen, ja daß sie die eigenen Saatkörner des Talmuds zur Veredelung der Früchte benutzt haben. — Ich bedauere, daß Herr Rap poport, der gefeierte Gelehrte, in seinem Schreiben an mich, da wo er (Sendschreiben eines Rabbiners rc. h e br. Tert S. 3 ) nachweist, wie sehr alles Unhaltbare ohne alle absichtliche Eingriffe durch die Einwirkung der Zeit von selbst schwindet, lediglich auf ruscus mnai hingewiesen hat, dagegen die mächtige Umwandlung der Morallehre nicht anzuerkennen scheint, wiewohl keiner von den wahrhaft tüchtigen Männern, die auf seiner Seite kämpfen, trotz aller Berufung auf talmudischeSätze, seine sittlichen Prinzipien aus dem Talmud und dm Rabbinen zieht. Denn, um nur ein Beispiel anzuführen, so ist gewiß, daß sie sammt und sonders, wenn einer ihrer Gegner, ja selbst der schärfste Bekämpfer des Talmuds, der ihn der Unwissenheit in Hinsicht der Bibel oder der Barbarei in Sittenlehren öffentlich zeiht, und also gewiß ein V e r r äther genannt werden muß, — daß sie sammt und sonders, sage ich, wenn ein solcher in Gefahr wäre, herdeispringen würden, ihn zu retten, und wenn er flehend an ihrer Thüre erschiene, ihn kleiden und speisen würden, ohne daraufzu achten, daß sie dadurch Mitschuldige der Ketzerei wären, oder gar dieselbe beförderten! Wenn die Rabbinen unserer Zeit sich darüber empört fühlen, daß der talmndischen Moral Sätze nachgewiescn werden, die mit der heutigen Gesittung in grobem Widerspruche stehen, so ist dies ein Unmuth der aus dem Bewußtsein ihrer eignen bessern Gesinnung entspringt, aus dem Bewußtsein, daß sie selbst längst allen v e r k e h r t e n L e h r s ä tz e n der talmudischen Sittenlehre entsagt haben, ja zum Thcil aus dem Verdrusse, daß das unkundige Volk, welches dergleichen Lehrsätze entweder gar nicht gekannt oder in einem Lichte der jüngern Erkenntniß aufzufassen gelernt hatte, plötzlich erfahren soll, welche verwerfliche Lehren von denen einst ausgesprochen worden, die es verehren sollte, so wie aus der Bcsorgniß, daß man den heutigen Rabbinen die Anerkenntniß solcher Lehren beimessen dürste, wogegen sie mit Recht aus aller Kraft sich sträuben. Aber nun wäre der ganze Streit geschlichtet, wenn die Rabbinen offen heraus die Reformation der Moralprinzipien zugeständen, und somit einen Kampfplatz räumten, wo beide Theile ganz einig sind. Es wird mir nicht schwer werden, zu beweisen, daß eine solche Reformation sich stillschweigend gleichsam von selbst durch die Gesittung Bahn gebrochen bat, und es wäre schon ein Gewinn, wenn hierin ein Beitrag zur Beschwichtigung des Streites gegeben würde, der jedenfalls der Sache des Jndentbums in der öffentlichen Meinung keinen sonderlichen Vorschub leistet. Frankfurt a. M. im Jan. 1846. _ vr. I. M. Jost An merk. — Dieser Aufsatz war vom Hrn. Vers, für das Literatur-Blatt bestimmt; wir haben aber, um ihm weitere Verbreitung zu geben, für angemessener erachtet, ihn hier im Hauptblatte eine Stelle zuzuweisen. Die Rer.

Text as recognised by OCR (ABBYY FineReader), without corrections. Entity mentions: TagMe (2021); their positions were matched to this text again.